Ortstermin:Der Elefant im Gartensaal

Buchvorstellung Thilo Sarrazin

Thilo Sarrazin erklärt seine Rolle rückwärts.

(Foto: Christophe Gateau/dpa)

Thilo Sarrazin stellt sein neues Buch "Wir schaffen das" vor und erklärt, was alles besonders falsch läuft in Deutschland.

Von Peter Richter

Ein Brandenburger Tor aus Porzellan kostet 496 Euro, der Reichstag nur 298, für 59 Euro gibt es eine Currywurst-Pappe aus Porzellan mit goldenem Flaschenöffner dazu - und dann ist man auch schon dran mit dem Corona-Test-Vorzeigen. Denn die Glasvitrine mit den feinen "Berlinensien" aus der Königlichen Porzellanmanufaktur KPM hängt direkt hinter dem Tisch, an dem heute der Check-in stattfindet. Dort fragt ein älterer Herr nur noch kurz, ob er das neue Buch von Thilo Sarrazin gleich hier mitnehmen darf. "Sie finden auch eins auf ihrem Stuhl", wird ihm erwidert. "Na gut", sagt der Mann und tastet sich vorsichtig hinein in den opulenten Saal: grüne Wandbespannung, repräsentative Leuchter und schwere Gardinen.

Dort drinnen liegt tatsächlich auf jedem Stuhl ein Exemplar von Sarrazins neuem Buch ",Wir schaffen das' - Erläuterungen zum politischen Wunschdenken", dazu das Verlagsprogramm des Langen-Müller-Verlags, in dem Sarrazin als Autor zwei Seiten hinter Heribert Prantl und drei vor Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen verortet wird. Von den Wänden lachen auf Autogrammfotos die Schauspielerinnen Belinda Lee, Maria Schell sowie Romy Schneider in ihrer Sissy-Phase, in einem anderen Goldrahmen hängt eine Speisekarte der "Amerikanischen Wochen 1984": Der Gartensaal des Hotels Bristol an der Fasanenstraße Ecke Kurfürstendamm konserviert eine Zeit, in der Thilo Sarrazin noch Gefallen an der SPD finden konnte und die SPD Verwendung für einen wie Thilo Sarrazin. Am Ende dieser Veranstaltung wird er auf eine Journalistenfrage hin klarstellen, dass sich die SPD allerdings so verändert habe, dass er heute nicht mehr eintreten würde und daher auch nicht gegen seinen Ausschluss aus der Partei vorgehen werde. So weit die wichtigsten Neuigkeiten.

Atomausstieg, EU-Finanzen, Einwanderung und vor allem die Medien hält er für Deutschlands wesentliche Fehler

Damit zum Vertrauten: Denn zu dem Rauswurf war es vor allem aufgrund der Thesen über Immigranten in Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" von 2010 gekommen, das trotz oder auch wegen dieser Thesen zu einem der bestverkauften Sachbücher in der Geschichte der Bundesrepublik wurde, damals herausgebracht von der Deutschen Verlagsanstalt. Dieser Titel, dieser Erfolg und die Rassismusvorwürfe, die sich daran knüpfen, sind an diesem Mittwochmittag ganz klar der Elefant im Gartensaal, über den keiner mehr spricht, weil dazu alles gesagt zu sein scheint. Nur Arnold Vaatz, demnächst ausscheidender Vizevorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag, macht eine kleine Anspielung auf den Titel, als er hier nun in Sarrazins neues Buch einführt. Dieses habe ihm vorzüglich gefallen, auch wenn Sarrazin darin im Wesentlichen seiner CDU vorhalte, seit Beginn von Angela Merkels Kanzlerschaft immer genau das Gegenteil von ihrem Wahlprogramm des Jahres 2005 getan zu haben. Der innerhalb der Union als äußerst konservativ geltende Dresdner Vaatz leidet bekanntermaßen ebenfalls sehr darunter, dass seine Partei in vielem heute nicht mehr derjenigen gleicht, für die sich der einstige Bürgerrechtlicher aus dem Neuen Forum nach der Wendezeit entschieden hat.

So sitzen hier zwei Männer hinter zugezogenen Gardinen, ein studierter Mathematiker und ein ehemaliger Finanzsenator, die vieles ähnlich sehen und ähnlich empfinden, Vaatz nur halt mit sächselndem Groll, Sarrazin dagegen mit dem Pathos preußischer Kühle. "Wenn jemand überlegt, Politikwissenschaft zu studieren, aber nicht die Zeit hat, empfehle ich ihm dieses Buch", sagt er, und wenn er nicht schon Brille trüge, könnte man sich in solchen Momenten auch gut ein Monokel in seinem Gesicht vorstellen. Deutschlands wesentliche Fehler, auf die beide immer wieder zurückkommen, sind folgende: Atomausstieg, EU-Finanzen, Einwanderung - sowie und vor allem die Medien. Die Medien deswegen, weil sie die nüchterne Analyse und demokratische Korrektur solcher politischer Fehlentscheidungen durch moralistische Meinungsmache erschweren, vielleicht sogar verunmöglichen. Das nächste Buch, wünscht sich Vaatz, solle Sarrazin bitte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schreiben.

Ein Herr im Publikum will wissen, ob Sarrazin ihm darin zustimme, dass es Wahnsinn sei, wenn der Berliner Senat einst veräußerte Wohnungen jetzt teurer zurückkaufe. Sarrazin stimmt ihm zu. Ein anderer fragt, ob Sarrazin seiner ehemaligen Partei nach der Bundestagswahl trotzdem noch zu einer Koalition raten würde, und Sarrazin zitiert Müntefering und sagt: "Opposition ist Mist." Dann ist Schluss. Draußen, zwischen den KPM-Vitrinen, warten zwei Polizisten, als wollten sie gleich wen verhaften.

"Auch wegen Sarrazin da?"

"Ja", sagt der eine. "Ist notwendig, hier zu sein. Unter Umständen."

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