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Samuel Youn singt in Bayreuth:Plötzlich Holländer

Was für eine Chance: Wegen des Skandals um die Tattoos von Evgeny Nikitin springt nun Samuel Youn bei den Bayreuther Festspielen als "Fliegender Holländer" ein. Er steht erst am Anfang, und solch eine Gelegenheit hat schon manche Weltkarriere begründet.

Reinhard Brembeck

Vor sechs Jahren kam es in der Mailänder Scala zum Skandal. Der Tenor Roberto Alagna hatte gerade die Auftrittsarie in "Aida" absolviert, das Publikum buhte ihn darauf aus, und der Tenor verschwand wutentbrannt auf Nimmerwiedersehen. Gott sei Dank war Antonello Palombi im Haus, die Zweitbesetzung, und der stand ein paar Minuten in Straßenkleidung auf der Bühne und rettete die Aufführung. Ganz so dramatisch ist es in Bayreuth jetzt nicht gekommen, obwohl die Gründe für das Ausscheiden von Evgeny Nikitin noch viel spektakulärer sind als im Fall Alagna.

Samuel Youn Bayreuther Festspiele

Samuel Youn steht am 17. Juli 2010 auf der Bühne der Festspiele in Bayreuth. Nach dem Eklat um den russischen Sänger Nikitin und dessen Nazi-Tattoos wird der Bassbariton Samuel Youn bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen kurzfristig die Titelpartie in der Oper "Der Fliegende Holländer" übernehmen.

(Foto: dpa)

Nikitin, seit ein paar Jahren ein weltweit gefeierter Bassbariton, sollte am kommenden Mittwoch in der Bayreuth-Premiere des "Fliegenden Holländers" die Titelpartie singen. Ein Fernsehbeitrag am Freitagabend zeigte ihn aber in seiner früheren Tätigkeit als Metal-Band-Schlagzeuger mit kahlem Schädel und nacktem Oberkörper, auf dem das Tattoo eines Hakenkreuzes genauso zu entdecken war wie das einer Rune, die von den Nazis als Lebensborn-Zeichen benutzt worden war. Nach einem Gespräch mit den Festspielleiterinnen Katharina und Eva Wagner reiste Nikitin ab.

Daraufhin kam die Diskussion in Gang, ob Nikitin sich diese Symbole, wie er sagt, als Teenager und in Unkenntnis ihrer Bedeutung stechen ließ, um das Establishment zu provozieren - und ob die Bayreuth-Chefinnen überzogen, falsch oder gar aus Angst handelten. Aber schon stand ein Ersatzmann auf der Bayreuther Bühne. Samuel Youn sang die Generalprobe am Samstag, Dirigent Christian Thielemann soll sehr angetan von ihm gewesen sein, und nur Regisseur Philipp Gloger murrte, weil eine "Beschädigung" seiner Regiearbeit bis Mittwoch möglicherweise nicht ganz abzuwenden sei. Aber da kann Gloger beruhigt sein. Sein Kollege Andreas Kriegenburg musste neulich für seinen Münchner "Ring" etliche Künstler hinnehmen, die in letzter Minute einsprangen. Sie lieferten mit die besten Rollenporträts ab.

Ein Hang zu Belcanto

Seit 2005 ist Samuel Youn in Bayreuth dabei, er hat kleine Rollen in "Parsifal", "Tannhäuser" und "Lohengrin" gesungen. Dieses Jahr war er als Vertreter für Nikitin vorgesehen. Dass daraus aber ein Vollzeitjob würde, hatte er sich allenfalls in seinen kühnsten Träumen erhoffen können. Solch eine Chance hat schon manche Weltkarriere begründet. Youn, der wie viele seiner Kollegen sein Alter der Öffentlichkeit nicht mitteilt, steht erst am Anfang seiner Laufbahn. In Seoul, Mailand und Köln ausgebildet, zeigt er - wie Wagner - einen Hang zu Belcanto.

Er verfügt über die für einen Bass nötige Schwärze und Tiefe, sein Volumen ist sicher noch ausbaufähig, im Forte flackert sein Ton. Er singt agil, konzentriert, so, dass man den Text versteht, und erreicht Höhen, die man eher einem Bariton zutraut - daher die Bezeichnung Bassbariton. Auf seiner Website hat Youn viele Proben seines Könnens eingestellt; man darf nun durchaus gespannt darauf sein, was er am Mittwoch in Bayreuth bietet.

© SZ vom 24.07.2012/ihe

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