Samuel Beckett in Nazi-Deutschland "Nürnberg war so schrecklich"

Eigentlich ist "Sam", wie er seine Briefe an Freunde unterzeichnet, eher unpolitisch, der Antisemitismus aber und die Hasstiraden Hitlers, die er im Radio hört, widern ihn an. Aufmerksam verfolgt er die Diskussion um die sogenannte entartete Kunst, ja wird im fränkischen Staffelstein, wo er Balthasar Neumanns Basilika Vierzehnheiligen besucht, sogar in einen politischen Disput verwickelt. Seine Erwähnung des jüdischen Malers Max Liebermann führt in einem dortigen Lokal nämlich zu antisemitischen Bemerkungen der Wirtshausgäste, was den Schriftsteller erschreckt. "Bath. Eat. Bed", schreibt er anschließend in sein Tagebuch, froh, nach diesem Vorfall und einer Busfahrt wieder in seinem Bamberger Hotel zu sein.

In München lernt Beckett auch das Warten

In Würzburg begeistern ihn die Fresken Tiepolos in der Residenz. Über den in Bocksbeuteln gereichten Frankenwein freut er sich ebenfalls. Als er allerdings in Nürnberg Station macht, ist Beckett von der "Stadt der Reichsparteitage" schwer enttäuscht. "Nürnberg war so schrecklich", teilt er später einem Bekannten mit. Dabei hatte der Dichter große Erwartungen gehabt, den Geburtsort Albrecht Dürers näher kennenzulernen. Schließlich hingen einst dessen "Betenden Hände" als Reproduktion im Dubliner Kinderzimmer Becketts. Nun muss er die "Naziflag am Haus der Braunen Front" zur Kenntnis nehmen, ist aber vor allem deshalb frustriert, weil er im Dürer-Haus und Germanischen Nationalmuseum vom verehrten Maler kaum Originale vorfindet. Diese kann der Gast aus Irland dann in München bewundern - in der Alten Pinakothek. Später wird er sich über die hohen Eintrittsgelder dieses Museums mokieren. "Eine Mark Eintritt ist ein bisschen gesalzen."

Vom 5. März 1937 an wohnt Samuel Beckett beim Siegestor direkt gegenüber der Kunstakademie in der "Pension Romana". Vom vielen Herumlaufen erschöpft, vertraut er seinem Tagebuch an: "Feel very tired". Trotzdem absolviert er an den folgenden Tagen brav das touristische Besuchsprogramm - mit Hofbräuhaus, Museen und allem, was dazu gehört. Im Hotel "Bayerischer Hof" lauscht er sogar einem Konzert mit Wilhelm Furtwängler am Klavier, äußert sich aber in einem Brief wenig schmeichelhaft über den berühmten Dirigenten. Er sah aus "wie ein wirbelloses Tier". Das Fazit des Musikliebhabers: "Es war furchtbar."

In München lernt Beckett auch das Warten. Zwar nicht auf Godot, jedoch auf einen nachtblauen Anzug, den er per Vorauszahlung bei einem zwielichtigen Bamberger Schneider in Auftrag gegeben hatte. Nach Wochen vergeblichen Wartens trifft der "Maßanzug" schließlich ein. "Grotesker Zuschnitt, Jackett zu weit und Hosen zu kurz", notiert er in sein Tagebuch. Eine Episode, die er in seinem Essay "Die Welt und die Hose" (1945) über die Malerei van de Veldes und in seinem Stück "Endspiel" (1957) literarisch verewigt hat. In München macht Beckett auch mit jemandem Bekanntschaft, den manche für einen Vorläufer des absurden Theaters halten: Karl Valentin.

Mit seinen grotesken Sketchen war er gewiss eine Art Ideengeber für den Iren. Im Kabarett "Benz" bewundert er den Komiker bei einer Vorstellung. Die persönliche Begegnung der beiden verläuft dann allerdings etwas anders als erwartet. "Crazy", so der lakonische Kommentar Becketts. Mit einer Taschenlampe in der einen und einem weiß bepelzten "Winterzahnstocher" in der anderen Hand führt Valentin Beckett und einen Filmschauspieler "in seinem neuen Museum" durch ein Labyrinth finsterer Gänge. Im bairischen Dialekt murmelt er ständig Unverständliches vor sich hin, um sich dann urplötzlich von seinen Begleitern zu verabschieden und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden: eine Szene wie aus einem absurden Bühnenstück.

Als Beckett Anfang April 1937 von München nach London fliegt, ist er heilfroh, Bayern endlich wieder verlassen zu können - trotz der vielen Museen und Wirtshäuser dort. "Ich bin froh, wenn ich hier weg bin", schreibt er einem Freund und bekennt, sich "nur in einem Radius von einer halben Meile rund um den Marienplatz bewegt" zu haben: "Ich mag München nicht." Becketts Reise ins braune Bayern ist zwar nur eine biographische Randnotiz im Leben des weltberühmten Dichters, das knapp neunzig Seiten starke Buch darüber aber eine liebenswürdige Hommage an den Nobelpreisträger, dessen Geburtstag sich am 13. April zum 105. Mal jährt: ein Muss für jeden Literaturfreund, der sich in Bayern auf die Spuren von Samuel Beckett begeben will. THOMAS SENNE

STEFFEN RADLMAIER: Beckett in Bayern. Ich bin froh, wenn ich hier weg bin, Kleebaum Verlag, Bamberg 2011. 88 Seiten, 12,40 Euro.