Sammlung Gerlinger:Meisterwerke des Expressionismus werden verkauft

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Sammlung Gerlinger: Gilt als eines der Glanzstücke der Sammlung Gerlinger: Ernst Ludwig Kirchners Gemälde "Das blaue Mädchen in der Sonne" von 1910.

Gilt als eines der Glanzstücke der Sammlung Gerlinger: Ernst Ludwig Kirchners Gemälde "Das blaue Mädchen in der Sonne" von 1910.

(Foto: Nikolaus Steglich/Sammlung Hermann Gerlinger)

Die Sammlung Gerlinger mit Meisterwerken des Expressionismus wird bei Ketterer Kunst versteigert. Ein Drama für die Museen.

Von Evelyn Vogel

Die Sammlung Gerlinger, eine der größten und bekanntesten des deutschen Expressionismus, kommt unter den Hammer. Sie soll zugunsten gemeinnütziger Einrichtungen versteigert werden. Damit wird die hochkarätige Sammlung von Kunstwerken der "Brücke"-Maler aufgelöst und geht für Museen unwiederbringlich verloren.

Das Schätzpreisvolumen der Sammlung Gerlinger, die von Sommer an in mehreren Schritten bei Ketterer Kunst versteigert wird, liegt nach Angaben des Münchner Auktionshauses im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Die erste Tranche der Werke kommt in einem Sonderkatalog im Rahmen der Juni-Auktionen mit Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts in München zum Aufruf. Als eines der Glanzstücke gilt Ernst Ludwig Kirchners Ölgemälde "Das blaue Mädchen in der Sonne".

Die Sammlung des 90-jährigen Würzburger Unternehmers und Kunstsammlers Hermann Gerlinger und seiner Frau Hertha umfasst mehr als 1000 Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Fritz Bleyl, Emil Nolde, Max Pechstein, Otto Mueller und anderen. Darunter viele Gemälde, aber auch Zeichnungen, Holzschnitte, Aquarelle, Skulpturen sowie persönliche Zeugnisse und Dokumente aus allen Schaffensphasen der Künstler - von den Anfängen über den gemeinsamen Gruppenstil bis hin zum individuellen Spätwerk. Diese Geschlossenheit macht die Sammlung nahezu einzigartig.

In den Fünfzigerjahren hat Gerlinger begonnen, Kunst des deutschen Expressionismus zu sammeln. Heute ist er einer der bekanntesten "Brücke"-Kenner. Gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Heinz Spielmann hat er vor Jahren ein Buch zu den "Brücke"-Malern publiziert, das mittlerweile zum Standardwerk avancierte.

Gerlinger gilt als leidenschaftlich, eigenwillig - und kompromisslos

Gerlinger, dessen Verdienste für die Kunstgeschichte durch seine einmalige Sammlung unbestritten sind, gilt als leidenschaftlich, eigenwillig, aber auch kompromisslos, was die Ausstellungen seiner Kollektion betrifft. Von 1995 bis 2001 war die Sammlung auf Schloss Gottorf beheimatet. Aber offensichtlich behagte ihm die Präsentation dort auf Dauer nicht, zudem soll er sich von der Landespolitik bedrängt gefühlt haben, die Leihgabe in eine Schenkung zu überführen. Daraufhin zog Gerlinger seine Sammlung in Schleswig-Holstein ab und vertraute sie als Dauerleihgabe dem Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale an. Doch auch in Sachsen-Anhalt kam es 2017 zur Trennung - angeblich wegen unterschiedlicher Auffassungen über die Einbindung der Sammlung ins Gesamtkonzept des Museums.

Sammlung Gerlinger: Hermann Gerlinger trug seit den Fünfzigerjahren eine der wichtigsten Kunstsammlungen des deutschen Expressionismus zusammen.

Hermann Gerlinger trug seit den Fünfzigerjahren eine der wichtigsten Kunstsammlungen des deutschen Expressionismus zusammen.

(Foto: Peter Endig/picture alliance/dpa)

Ein halbes Jahr später erhielt dann das Buchheim Museum in Bernried am Starnberger See die Sammlung Gerlinger, vorläufig und mit einem Leihvertrag auf zehn Jahre. Doch der Kunstsammler schien gewillt, das "Museum der Phantasie" von Lothar-Günther Buchheim auch langfristig zur "hoffentlich endgültigen Heimstatt" seiner Expressionisten-Sammlung zu machen, wie er betonte. Die Hoffnung starb im September vergangenen Jahres: Wegen "grundlegender Meinungsverschiedenheiten über die Durchführung des Leihverhältnisses" beendeten Sammler und Museum den Leihvertrag vorzeitig. Gerlinger akzeptierte sogar eine Ausgleichszahlung für die Auflösung.

Zwischenzeitlich hatte es geheißen, der Würzburger wolle seine hochkarätige Sammlung dauerhaft in seiner Heimatstadt präsentiert wissen. Doch auch diese Lösung hat Gerlinger verworfen. Über seinen Kommunikationsberater lässt er ausrichten: Dort sei "kein Platz". Die Sammlung an ein internationales Museum zu geben, habe er nie erwogen. Jetzt sei die Zeit gekommen, mithilfe der Auktion "die Werke der nächsten Generation von Sammlern ganz direkt zur Verfügung zu stellen". Er sehe darin eine Möglichkeit, "die Faszination für diese Kunst weiterzutragen und für die Zukunft zu bewahren". Vom Auktionserlös profitieren werden die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, der Bund Naturschutz und die Stiftung Juliusspital in Würzburg. Dass die einzigartige Sammlung durch die Auktion zerschlagen wird, bedauere er "zutiefst", aber "in meinem Alter gibt es keine Alternative mehr".

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