Die coolen Hollywood-Jungs, das waren in den ersten knapp 100 Jahren der Filmgeschichte immer die, die sich die Sonnenbrillen aufsetzten. Dann kam Sam Neill. Und er setzte sich die Sonnenbrille ab, wie es vor und nach ihm nie wieder jemand auf der Kinoleinwand getan hat. 1993 war das, als er den nerdigen Paläontologen Dr. Alan Grant spielte, in Steven Spielbergs Meisterstück „Jurassic Park“. Der Film, in dem die Dinosaurier wieder auferstehen. Die Spezialeffekte, die analogen, vor allem aber die digitalen, waren damals schon gut, aber eben noch nicht sehr gut. Weshalb Spielberg genau wusste, dass die Qualität der Action der Dinos abhängig war von der Qualität der Reaktion der Schauspieler.
Als Neill (gemeinsam mit seiner Filmpartnerin und Kollegin Dr. Ellie Sattler, gespielt von Laura Dern) das erste Mal des Zaubers gewahr wird und ein Grüppchen langhälsiger Brachiosaurier durch das Jurassic-Reservat auf Isla Nublar ziehen sieht, kommt es zu einer merkwürdigen Choreografie. Zunächst reißt er sich im Geländewagen den sanft Indiana-Jones-haften Strohhut vom Kopf. Dann nimmt er völlig konsterniert die Pilotenbrille ab. Das ergibt nach den Kriterien der Logik beides wenig Sinn. Warum sollte er das tun? Er würde die Viecher ja auch mit Hut und Sonnenbrille bestens sehen. Aber die Emotion des Staunens und der Fassungslosigkeit im Angesicht dieses Wunders werden erzeugt durch diese Gesten und das entgeisterte Gesicht, das sie enthüllen, noch viel mehr als durch die etwas glatten Dinowesen aus dem Computer. Und so glaubt auch der Zuschauer sofort, dass er hier Zeuge von etwas Wunderbarem, Einzigartigem wird.
Sam Neill kam 1947 im nordirischen Omagh zur Welt, einer kleinen Stadt westlich von Belfast. Und zwar nicht im Krankenhaus, sondern laut Familienlegende auf dem Küchentisch. Die Mutter war Engländerin, der Vater, ein Berufssoldat, Neuseeländer, der als Teil der British Army mit den Royal Irish Fusiliers dort stationiert war. Mitte der Fünfzigerjahre zog die Familie nach Neuseeland, wo der junge Sam erst die Schule abschloss und dann an der Uni englische Literatur studierte.
Die Rolle des Fieslings in „Das Piano“ zu spielen, fiel ihm nicht leicht
Eigentlich lautete sein voller Geburtsname Nigel John Dermot Neill. Aber weil er als Teenager Western liebte und ein bisschen weniger posh und ein bisschen mehr cowboyhaft rüberkommen wollte, habe er sich selbst den Spitznamen Sam verpasst. „Denn die Western-Typen trugen nun mal Namen wie Sam“, schrieb er 2023 in seiner Autobiografie „Did I Ever Tell You This?“.
Neill, der sich parallel zu seinem Studium in die Schauspielerei verliebte, gehörte zu jener Generation von Hollywoodstars, an deren Karriereanfang in der Regel Shakespeare stand. Mit dem Players’ Drama Quartet tourte er durch Neuseeland und trat mit den großen Werken des Meisters auf. Dann probierte er sich als Regisseur für die New Zealand National Film Unit, die unter anderem kurze Dokumentarfilme produzierte, die idealerweise in einem tourismusfördernden Look inszeniert sein sollten.
Als er Mitte der Siebziger einen Auftritt als Schauspieler im Kurzspielfilm „Ashes“ hatte, wurde der Regisseur Roger Donaldson auf ihn aufmerksam. Er gab ihm 1977 die Hauptrolle in seinem Politthriller „Sleeping Dogs“, einer Dystopie über ein Neuseeland, das unter einem faschistischen Regime zum Polizeistaat wird. Das Werk bewirkte Wunder nicht nur für Neills Karriere, sondern auch für seine Heimat: Nach den großen europäischen Autorenfilmwellen der Nachkriegszeit, nach dem New Hollywood in den USA, markierte es den Anfang einer sehr produktiven Phase im neuseeländischen Kino, das bis dahin international keine Rolle gespielt hatte.
Die Achtziger und frühen Neunziger füllte er mit vielen Auftritten, drehte unter anderem mit Claude Chabrol („Das Blut der Anderen“, 1984) und John McTiernan („Jagd auf Roter Oktober“, 1990). Sein Ruf in der Branche war exzellent. Aber weltberühmt war er noch nicht. Das änderte sich 1993 mit einem Doppelschlag, als „Das Piano“ und „Jurassic Park“ ins Kino kamen.
„Das Piano“ feierte im Mai 1993 seine Premiere beim Filmfestival von Cannes. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Jane Campion bekam dafür die Goldene Palme, als erste Frau in der langen und glamourösen Geschichte des Festivals. Sam Neill spielte in dem Drama den Neuseeländer Alistair Stewart, dem die Klavierspielerin Ada (Holly Hunter) von ihrem Vater zur Zwangsehe aus dem Königreich mehr oder weniger überstellt wird. Die Rolle des Fieslings zu spielen, der seine Frau misshandelt und quält, sei ihm nicht leicht gefallen, hat Neill später berichtet. Er sei sehr dankbar gewesen, dass Campion, die Regisseurin, ihn zwischendrin auch einfach mal in den Arm genommen habe.
Nach diesem entscheidenden Jahr in seiner Karriere war Neill nicht mehr nur ein Schauspieler. Er war ein Star. In den vergangenen gut 30 Jahren drehte er einen Film und eine Serie nach der anderen. „Jurassic Park“-Fortsetzungen natürlich, aber auch Netflix-Serien wie „Peaky Blinders“ oder Marvel-Spektakel wie „Thor: Love and Thunder“. War das immer große Kunst? Bestimmt nicht. Aber Neill konnte auch den größten Hollywoodquatsch noch durch seine Präsenz veredeln.
„Ich habe keine Angst vorm Sterben, das macht mir wirklich keine Sorgen“, sagte er noch vor drei Jahren in einem Interview mit Australian Story. „Aber ein bisschen sauer wäre ich schon, denn es gibt noch so viel, was ich gerne machen würde.“
Wie seine Familie auf Instagram bekannt gab, ist Sam Neill am Montag im engsten Familienkreis in Sydney überraschend gestorben. Er wurde 78 Jahre alt.


