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Salzburger Festspiele:Verlustanzeige

Friederike Mayröcker und Ernst Jandl

Friederike Mayröcker und ihr "Herz- und Handgefährte" Ernst Jandl in einer Aufnahme aus dem Jahr 1984.

(Foto: Franz Hubmann/pa/imago)

Friederike Mayröckers "Requiem für Ernst Jandl" wird in Salzburg als Jazzkonzert interpretiert. Das passt allerdings nicht zum schmerzerfüllten Text.

Von Christine Dössel

Seit bei den Salzburger Festspielen im vorigen Jahr das Young Directors Project (YDP) abgeschafft wurde, die innovative Nebenreihe zur Förderung junger, internationaler Regisseure, ist das Schauspielprogramm deutlich magerer und bodenständiger. Im ehemaligen Stadtkino Republic, wo die meisten YDP-Produktionen stattfanden, gibt es jetzt nur noch die eine oder andere szenische Lesung. Dieses Jahr zum Beispiel: "Requiem für Ernst Jandl", ein "szenisches Melodram" von dem Musiker Lesch Schmidt zu jenem Text von Friederike Mayröcker, in dem diese den Tod ihres Lebens- und Seelenpartners beklagt. Der siebzigminütige Abend, eingerichtet von Hermann Beil, kam im Dezember 2014 zum 90. Geburtstag der österreichischen Dichterin am Wiener Burgtheater heraus. Was er jetzt bei den Salzburger Festspielen zu suchen hat, erklärt sich nicht.

Ein halbes Jahrhundert waren Friederike Mayröcker und der Sprachspieler Ernst Jandl ein Dichter-Paar, verbunden im Leben und in der Arbeit. Als ihr "Herz- und Handgefährte" im Juni 2000 starb, ließ Mayröcker ihren unendlichen Schmerz in eine Totenklage fließen, in der sie den Mann beweint und erinnert, ganz innig und persönlich: "Es ist so 1 Unglück es ist 1 Unglück . . . " Ihr "Requiem für Ernst Jandl", 2001 bei Suhrkamp erschienen, bildet die Textgrundlage für Lesch Schmidts lässig beschwingte Komposition, die mit einer Totenmesse nichts gemein hat, im Gegenteil: Man wähnt sich eher in einem Nachtclub, wenn Lesch Schmidt (am Klavier) und seine vier Musiker mit Geige, Kontrabass, Tuba, Saxofon und Schlagzeug auf der Bühne ein Jazzkonzert geben.

Ernst Jandl soll den Jazz geliebt haben, vielleicht erfreut er sich daran, dort, wo er jetzt weilt. Als Zuschauer auf Erden jedoch mag einem dieser Abend nicht stimmig erscheinen. Die laute, nicht sonderlich variantenreiche Musik passt mit ihrer Easy-going-Gelöstheit kaum zur schmerzerfüllten Verlustanzeige des Textes. Dieser wiederum kommt vom Band, eingesprochen von Mayröcker selbst, deren Altersstimme etwas Brüchiges, Raues, Ungeübtes hat. Alles ist egal geworden seit dem Tod des Geliebten: " . . . lauter EGALE Büsche und Zweige und Stauden und das EGALE Mundöffnen der Passanten und das EGALE Sprechen der Freunde und das EGALE Zirpen von Weltfülle . . ."

Das Young Directors Project fehlt. So hat das Schauspielprogramm einen Altherrentheater-Anstrich

Was und wie die Autorin spricht, ist sehr intim. Von der musikalischen Darbietung wird diese Verletzlichkeit - und Verletztheit - weniger umhegt denn konterkariert. Die Schauspielerin Dagmar Manzel, als Solistin mit wohltönender Stimme live auf der Bühne, wiederholt manche Sätze Mayröckers wie ein Echo, singt einige Prosapassagen in Liedvertonung vor und trägt ansonsten mit summenden Vokalisen zum Abend bei - dies alles in einer so heiter-nonchalanten Nachtflirt-Stimmung, dass man sich angesichts des Todesthemas doch wundern muss. Hermann Beil, der langjährige Chefdramaturg von Claus Peymann am Wiener Burgtheater und Berliner Ensemble, hat dieses "Requiem" arrangiert, nicht inszeniert. Auf einer großen Leinwand blendet er Fotos von Mayröcker und Jandl ein. Auf der Bühne davor: künstlich erzeugte Konzert-Fröhlichkeit. Gefühlspathos wird dadurch nicht vermieden.

Das Young Directors Project fehlt bei den Salzburger Festspielen, und sein Fehlen gibt dem diesjährigen Schauspielprogramm doch einen ziemlichen Altherrentheater-Anstrich. Hermann Beil feiert demnächst seinen 75. Geburtstag. Dieter Dorn, der Becketts "Endspiel" inszeniert hat, ist 80, Gerd Heinz, der mit Thomas Bernhards Stück "Der Ignorant und der Wahnsinnige" Premiere haben wird, auch schon 75. Immerhin ist da noch eine Frau, die "Sturm"-Regisseurin Deborah Warner. Sie ist erst 57.

© SZ vom 03.08.2016

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