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Salzburger Festspiele:Todeskrankheit Salzburg

Die Hölle? Hier ist das Modell! Zeitlebens hat Thomas Bernhard mit Salzburg gehadert. Grund genug, an seine schönsten Beschimpfungen der Festspielstadt zu erinnern.

"Meine Heimatstadt ist in Wirklichkeit eine Todeskrankheit, in welche ihre Bewohner hineingeboren und hineingezogen werden, und gehen sie nicht in dem entscheidenden Zeitpunkt weg, machen sie direkt oder indirekt früher oder später unter allen diesen entsetzlichen Umständen entweder urplötzlich Selbstmord oder gehen direkt oder indirekt langsam und elendig auf diesem im Grunde durch und durch menschenfeindlichen, architektonisch-erzbischöflich-stumpfsinnig-nationalsozialistisch-katholischen Todesboden zugrunde."

Schimpfkanonier: Thomas Bernhard.

(Foto: Foto: dpa)

Kein anderer hat sich so erschöpfend an Salzburg abgearbeitet wie der Schriftsteller Thomas Bernhard. Zunächst als Internatszögling, Kaufmannslehrling und Student am Mozarteum, später als angehender Schriftsteller, der sich seinen Lebensunterhalt als Gerichtsreporter verdiente, hat er lange Leidensjahre in Salzburg verbracht.

Bernhards erstes Theaterstück "Ein Fest für Boris" schrieb er im Auftrag der Festspiele, die damals von Josef Kaut geleitet wurden, seinem vormaligen Chef beim Salzburger Demokratischen Volksblatt. "Ein Fest für Boris", eine bitterböse Satire auf den Glanz der Karajan-Jahre, wurde von Kaut allerdings abgelehnt, da man "gewisse Rücksichten auf die Nerven unserer empfindsamen Gäste zu nehmen" habe.

Es war nicht das letzte Zerwürfnis zwischen Bernhard und den Festspielen. Auch sein am deutlichsten auf Salzburg gemünztes Stück "Die Berühmten", gespickt mit Anspielungen auf den Festspiel-Betrieb, wurde 1976 nicht angenommen, woraufhin Bernhard sich zu einem generellen Österreich-Boykott entschloss, den er jedoch fünf Jahre später mit einer Uraufführung ausgerechnet in Salzburg beendete.

Ein traumatisches Kindheitserlebnis kann man dabei geradezu als Urszene seines ambivalenten Verhältnisses zu Salzburg betrachten. Im Alter von acht Jahren tritt Thomas Bernhard, der zuvor noch nie auf einem Fahrrad gesessen hatte, auf dem alten Steyr-Waffenrad seines Vormundes eine verhängnisvolle Erstfahrt von Traunstein nach Salzburg an. Zu klein, um auf dem Sattel zu sitzen, also unter die Stange geklemmt, endet der Triumphzug auf halber Strecke im Straßengraben. Heulend schiebt das Kind das kaputte Rad im strömenden Regen nach Hause, und Salzburg wurde für Bernhard zum Synonym für die unüberbrückbare Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

So spielt denn auch Bernhards erster großer Prosatext "In der Höhe" in einem Salzburg, von dem es heißt, "aus der geographischen Lage erklärt sich das furchtbare Klima dieser Stadt und aus diesem Klima der in allen Fällen niedrige Charakter ihrer Einwohner: immer haben sie Angst vor der Entdeckung von Lebewesen, die weiter entwickelt sind als sie" - "Salzburg: wenn es eine Hölle gibt, so ist hier das Modell."

Mit der Einweisung in die Lungenheilstätte Grafenhof hatte der junge Bernhard zum ersten Mal das Gefühl, "ich bin der Hölle entronnen", schreibt Thomas Bernhard im vierten Band seiner Jugenderinnerungen. Eröffnet hatte er den autobiographischen Erzählzylus in "Die Ursache" mit einer ariösen Anklage seiner Jugendstadt und dem Band eine Meldung aus den Salzburger Nachrichten vorangestellt, derzufolge Salzburg mit 2000 Selbstmordversuchen im Jahr die höchste Suizidrate in Österreich aufweist.

"Katholisch-nationalsozialistischer Ungeist"

"Diese Stadt", so Bernhard, sei "eine perverse Geld- und Widergeld produzierende Schönheits und Verlogenheitsmaschine", bevölkert "von zwei Menschenkategorien, den Geschäftemachern und ihren Opfern", die in ihr eingeschlossen seien "wie in eine Angst- und Schreckenfestung". "Salzburg ist eine perfide Fassade, auf welche die Welt ununterbrochen ihre Verlogenheit malt, ein auf der Oberfläche schöner, aber unter dieser Oberfläche tatsächlich fürchterlicher Friedhof der Phantasien und Wünsche, ein kaltes und allen Krankheiten und Niedrigkeiten offenes Todesmuseum."

Im Sommer aber werde "unter dem Namen Salzburger Festspiele in dieser Stadt Universalität geheuchelt", und das Mittel der "sogenannten Weltkunst" sei nur ein Mittel, über den "katholisch-nationalsozialistischen Ungeist" hinwegzutäuschen, ein "Wegtäuschen und ein Wegheucheln und ein Wegmusizieren und Wegspielen".

"Die Festspiele werden aufgezogen, um den Morast dieser Stadt für Monate zuzudecken", schreibt Bernhard, um nach endlosen atem- und interpunktionslosen Seiten, zu bemerken, all das müsse Andeutung bleiben, da hier nicht der Platz für eine gründliche Analyse sei. Dann geht es sofort wieder los mit der Schimpfkanonade. Heute erinnert eine Gedenktafel am Landestheater an die in Salzburg uraufgeführten Stücke von Thomas Bernhard.

Die Salzburger Festspiele 2008 beginnen am 26. Juli.