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Salzburger Festspiele:Spiel ohne Nachdenken geht nicht

Markus Hinterhäuser © Salzburger Festspiele / Franz Neumayr

Musikvordenker - Markus Hinterhäuser.

(Foto: Franz Neumayr/Salzburger Festspiele)

Markus Hinterhäuser, der neue Intendant der Salzburger Festspiele, präsentiert sein dramaturgisch durchdachtes Programm für 2017.

Von Reinhard J. Brembeck

"Man glaubt immer", erklärt Salzburgs neuer Festivalchef Markus Hinterhäuser, "dass die Salzburger Festspiele dem Intendanten, also mir, außerordentlich viele Zwänge auferlegen. Das stimmt aber nicht." Das jetzt vorgestellte Programm von Hinterhäusers erster Saison im Sommer 2017 (www.salzburgerfestspiele.at), liest sich denn auch als zwanglose Zusammenstellung von, nun ja: Hinterhäusers Vorlieben. Vom Renaissancegroßmeister Johannes Ockeghem bis hin zu Österreichs derzeit führendem Komponisten Georg Friedrich Haas ist da die komplette Musikgeschichte aufgeboten. Dazu fünf Opern- und vier Schauspielpremieren, Gastspiele, Erkundungen, Konzerte . . . Macht alles in allem 195 Veranstaltungen, für die 220 000 Karten angeboten werden, 70 Prozent davon für Oper und Konzert.

"Ich tendiere dazu, die Festspiele über Inhalte zu kommunizieren."

Das ist beeindruckend, aber nicht wesentlich. "Man kann die Festspiele", so Hinterhäuser, "über einen Inhalt kommunizieren oder ausschließlich über Namen. Ich tendiere sehr dazu, sie über Inhalte zu definieren." Das aber ist eine, zuletzt auch in Salzburg, etwas aus der Mode gekommene Intendantentugend. Dass gerade Hinterhäuser sie wiederbelebt, ist nicht weiter verwunderlich.

1958 in La Spezia geboren, lebt er bis heute eine Doppelexistenz als Konzertpianist und Festivalmacher. Als Macher trat er erstmals in den 1990er-Jahren und ebenfalls in Salzburg auf, als Mitbegründer des legendären "Zeitfluss"-Festivals, das die Festspiele in der Zeit nach Karajan massiv mit Moderne infiltrierte, mit Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen, György Kurtág. Unterstützt wurde er dabei von den Festspielerneuern Gerard Mortier und Hans Landesmann: "Ich gestehe, dass meine Sozialisierung genau in dieser Zeit stattgefunden hat. Wenn mir die Begegnung mit den beiden nicht möglich gewesen wäre, würde mein ganzes Leben anders aussehen."

Gleich in deren ersten Festspieljahr lernte er auch den Regisseur Peter Sellars kennen, der Messiaens "Saint-François d'Assise" in einer weltbewegenden Inszenierung herausbrachte. Hinterhäuser: "Es war eines der größten Erlebnisse meines Lebens." Nun kommt nach langer Abwesenheit Sellars zurück nach Salzburg, inszeniert Mozarts "Titus". Ein Stück, über das er seit 25 Jahren nachdenken würde, ohne je den Mut gehabt zu haben, es zu machen. Für Hinterhäuser ist Sellars der absolut Richtige, um Mozarts "Reflexion über Macht, Vergeben und Verzeihen" im "Titus" herauszuarbeiten.

Um Macht geht es auch in den anderen vier Opern. Aribert Reimanns "Lear" steht fürs das Irrewerden an und die Einsamkeit der Macht, Alban Bergs "Wozzeck" und Dmitrij Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" reflektieren Macht im privaten Bereich. Während Giuseppe Verdis "Aïda" . . . Moment mal! "Aïda" in Salzburg, eine der populärsten Opern überhaupt, der unausrottbar ein Orientklischee mit Elefanten- und Pyramiden-Kitsch anhängt?

"Es ist an der Zeit", verteidigt Hinterhäuser seine Entscheidung, ",Aïda' so zu lesen, wie es sich gehört: als eine fast intime, kammermusikalische Oper. Das hat nichts mit Pyramiden und Elefanten zu tun. Es ist eine große politische Erzählung über Hierarchien, über das Verhältnis von Mann und Frau in einer sehr definierten Gesellschaftsstruktur, über die Macht der Priesterschaft."

Doch fast immer - Hans Neuenfels' legendäre Frankfurter Inszenierung 1981 ist eine große Ausnahme - wird das Stück als Orientalismusbombast gezeigt. Also hat Hinterhäuser die in Iran geborene, lang schon in New York lebende Fotografin und Videoinstallateurin Shirin Neshat verpflichtet. Die hat zwar noch nie eine Oper inszeniert, ist aber Expertin für Frauenfragen. ",Aïda'", so Hinterhäuser, "ist all das, womit sich Shirin Neshat ihr Leben lang als Künstlerin beschäftigt hat. Zudem hat ihr Werk etwas opernhaft Melodramatisches."

Der Salzburger "Aïda"-Dirigent Riccardo Muti habe sich nur drei Minuten lang einen Band mit Neshats Fotografien angesehen, das Buch zugeklappt und gesagt: "Danke, das ist Aïda." Shirin Neshat und nicht die Sängerin der Titelrolle: Anna Netrebko. Ganz schlicht sagt Hinterhäuser zum Thema Sängerstars in Salzburg: "Das hier ist nicht nur ein Sängerfest. Aber es sind alle da bis auf Jonas Kaufmann."

Typisch für Hinterhäuser ist, dass er sich im Vorfeld grundlegend Gedanken über Festspiele gemacht und das Wort dafür in seine Bestandteile zerlegt hat. Fest, das meint für ihn ein Heraustreten aus dem Alltag, eine Zusammenkunft, die einer Inszenierung und deshalb "auch des Nachdenkens bedarf". Während Spiele ohne Nachdenken überhaupt nicht funktionieren können: "Selbst das kleine Kind, das zwei Autos bewegt, folgt einem Denkmuster."

Genauso wichtig wie die stimmige Dramaturgie des Opernprogramms mit seinen verschiedenen Machtstudien ist Hinterhäuser aber das Bekenntnis des Gesamtprogramms zum 20. Jahrhundert. Reimann, Berg und Schostakowitsch in der Oper, Pinter, Hauptmann, Hofmannsthal und Horváth im Schauspiel, dann im Konzertprogramm Ligeti, Schnittke, Mahler, Lutosławski und der in Zentraleuropa kaum gespielte Gérard Grisey (1946 -1998), dem sich die Festspiele mit besonderer Hingabe widmen werden: Der Schwerpunkt 20. Jahrhundert ist so übermächtig, dass Hinterhäuser Kritik daran schon im Vorfeld fürchtet.

Allerdings denkt er auch dabei musikdramaturgisch. Während das Theater keine Berührungsängste mit der Moderne kenne, müsse die Musik der letzten 100 Jahre "eine viel größere Selbstverständlichkeit im Umgang erfahren". Da ist es dann sicher hilfreich, wenn der Intendant zusammen mit seinem Pianistenkollegen Igor Levit Messiaens "Visions de l' Amen" in der die Festspiele eröffnenden Ouverture spirituelle spielt.

© SZ vom 11.11.2016

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