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Salzburger Festspiele:Späte Genugtuung

Salzburg contemporary • Boulez • Klangforum Wien II: Sylvain CambrelingDownload-Größe: 1013655kBKeine Honorarpflicht bei aktueller Berichterstattung über die Salzburger Festspiele und Nennung des Fotocredits.© Salzburger Festspiele / Marco Bor

Das Konzert beginnt mit Pierre Boulez: Sylvain Cambreling dirigiert das Klangforum Wien. Foto: Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

(Foto: ph Marco Borrelli; Salzburger Festspiele / Marco Borrelli)

Jazzderivate, Groove, Melodram: Olga Neuwirths uraufgeführte "Eleanor-Suite" ist ein grandioser Aufschrei.

Von Egbert Tholl

Vor fünf Jahren, als Pierre Boulez 85 wurde, schrieb die österreichische Komponistin Olga Neuwirth einen Text, in dem sie sehr liebevoll von Begegnungen mit dem Komponisten und Dirigenten berichtete. Sie erzählte dabei nicht nur Persönliches, sondern beschrieb ihn auch immer als Künstler, so wie sie ihn wahrnahm und wahrnimmt: "Das Beschreiben des Unbeschreiblichen setzt in ihm den Poeten frei. Er weiß, dass der wache Realist und Wissenschaftler auch Träumer sein muss . . ."

Nun wurde Boulez in diesem Jahr 90 Jahre alt, und die Salzburger Festspiele widmen ihm nicht nur einen umfangreichen Konzertschwerpunkt, sie packen in einem Konzert auch Olga Neuwirth mit dazu. Neuwirths Verhältnis zu Salzburg ist ein durchaus ambivalentes. 2006, im Mozart-Jahr, war ein "Don Giovanni"-Projekt geplant, Elfriede Jelinek, mit der Neuwirth eng verbunden ist - beide sind ebenso scheue wie zornige Exponentinnen kritischen, weiblichen Selbstbewusstseins - sollte den Text dafür liefern, Neuwirth die Musik. Doch dann konnte man sich in der damaligen Leitung der Festspiele (Peter Ruzicka) nicht vorstellen, Mozarts Don Juan in einem pädophilen Geistlichen wiederzuerkennen. Das Projekt fand in Salzburg nicht statt, aufgeführt wurde dort jedoch Neuwirths Trompetenkonzert, es dirigierte Pierre Boulez, es war ein stürmischer Erfolg. Zuvor hielt Neuwirth zur Festspieleröffnung eine Rede, worin sie beklagte, Festivals würden sich nicht mehr aktiv am Musikleben beteiligen, würden zum Dorado der nachschaffenden, sprich aufführenden Künstler: "Es ist vermessen, wenn verfügt wird, es dürfe nicht Neues mehr produziert werden, nur, damit in den Geheimbund des Geldbringenden und Schönklingenden niemand eindringe und störe."

Nun, das ist neun Jahre her. Dennoch hat die Aussage, auch wenn sie damals vom Furor der persönlichen Enttäuschung gekennzeichnet war, wenig von ihrer Gültigkeit verloren. Und so ist es vielleicht eine späte Genugtuung für die wichtigste lebende Komponistin, die Österreich hat, dass nun ein Auftragswerk von ihr uraufgeführt wurde, die "Eleanor-Suite" für Bluessängerin, Schlagzeug und Ensemble, ermöglicht freilich durch großzügige Unterstützung eines privaten Spenders.

Doch zunächst spielt das Klangforum Wien unter Sylvain Cambreling in der Kollegienkirche "Le Marteau sans maître" von Pierre Boulez, zum ersten Mal aufgeführt 1955 in Baden-Baden. Hier findet man, was Neuwirth in ihrem eingangs erwähnten Geburtstagsartikel beschreibt: den Träumer, der sich mit enormem musikalischen Wissen auf die Suche macht. Das Träumen liegt hier schon in der Vorlage, drei surrealistischen Gedichten von René Char, denen bei aller Rätselhaftigkeit eine eigentümliche Klarheit der Bilder innewohnt. Streng hermeneutisch kommt man jedoch bei ihnen nicht weit, und auch Boulez' im Kern dreiteiliger Zyklus vermeidet die Wortausdeutung im strengen Sinn. Vielmehr schreibt die ineinander verwobene Komposition, bestehend aus Gesangs- und reinen Instrumentalpassagen, den anzunehmenden Gehalt der Texte fort. In Salzburg trifft so die grandiose Altistin Hilary Summers auf eine zarte Geige, eine verspielte Gitarre, eine lyrische Flöte sowie verschiedenes Schlagwerk, und es beeindruckt diese irisierende Mischung aus gesungenem Traum und extremer Luzidität der Musik. Hier hört man Boulez' Drang, stets verstehbar zu komponieren. Dieses Verstehen mag in der zugrunde liegenden Struktur intellektuell erzeugt sein, tritt im Kern aber über extreme Gegensätze ganz unmittelbar ein.

Auf schrundigem Untergrund zerfällt die Musik und konstituiert sich im Moment neu

Neuwirths frühes Stück "Lonicera Caprifolium" (1993) wirkt danach wie eine Weiterführung Boulez'scher Grundsätze. Das rein instrumentale, durch Zuspielbänder angereicherte Stück beginnt mit knarrenden Explosionen, auf die - Welle um Welle - klangliche Echos folgen. Wer die Bauweise dieser Mischung aus Naturhaftem, Wieseligem, Brutalem und kristallin Expressivem beim Hören zu dechiffrieren versucht, hat verloren. Viel wichtiger ist, Neuwirths Einladung zum Hören anzunehmen. Dazu verführt sie, mit einer virtuosen Verschmelzung von Elektronik und akustischen Klängen, mit ihrer extrem genau durchgearbeiteten Klangkomposition.

Dann kommt die "Eleanor-Suite" - und geht erst einmal schief. Das auch hier obligate Band setzt nach den wiederum wuchtigen Eingangsakkorden nicht ein, also bitte noch einmal von vorn; Olga Neuwirth hat inzwischen am Mischpult Platz genommen. Dann aber bricht ein völlig unkonziliantes, krasses Tosen an, das in seiner Unabdingbarkeit unmittelbar fasziniert. Neuwirth lässt Della Miles Blues- und Gospelgirlanden singen, lässt den Trommler Tyshawn Sorey agieren wie in einem Jazzrock-Konzert, spielt Ausschnitte aus Reden Martin Luther Kings und aus Gedichten der afroamerikanischen Lyrikerin June Jordan ein und verweist mit dem Titel des Werks auf Billie Holidays Taufnamen und damit, so Neuwirth, auf "die vielen vergessenen afroamerikanischen Jazz-Musikerinnen".

Neuwirth erfand die Figur Eleanor vor drei Jahren in ihrer Oper "American Lulu", inspiriert von Alban Bergs Werk. Dort war sie die Geschwitz, stolz, lesbisch, befreit von gesellschaftlichen Zwängen. Nun ist sie frei vom "Lulu"-Umfeld und taucht ein in ein genau durchgestaltetes Tohuwabohu aus extrem mitreißenden Jazzderivaten, Groove, Melodram. Auf schrundigem Untergrund zerfällt die Musik und konstituiert sich im Moment neu, die Textzitate werden direkt überführt in eine Klangwelt aus Stolz und Trotz. Man kann die Suite hören, ohne ein Wort zu verstehen. Und versteht sie doch: als einen grandiosen Aufschrei für Frieden, Freiheit und gegen jegliche rassistische Gewalt. Neuwirth widmete das Stück dem Andenken an Martin Luther King und Elsa Cayat, getötet beim Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo.

© SZ vom 10.08.2015
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