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Salzburger Festspiele:Roboterromantik

Salzburger Festspiele
Liliom 2019: Jörg Pohl (Liliom)

© SF/Matthias Horn

Liliom (Jörg Pohl) erhält Handreichungen eines Industrieroboters.

(Foto: Matthias Horn; SF/Matthias Horn)

"Ich bin Teil des repressiven Patriarchats": Kornel Mundruczó inszeniert Ferenc Molnárs Sozialmärchen "Liliom" als High-Tech-Beitrag zur "Me Too"-Debatte.

Engel sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Vom Bild blond gelockter, puttensüßer Wesen mit flauschigen Flügeln muss man sich an diesem Theaterabend verabschieden. Gut, auch bei Ferenc Molnár sind die himmlischen Heerscharen keine klassischen Cherubim und Seraphim. In seinem Volksstück "Liliom", diesem Bastard aus Sozialdrama und Märchen, uraufgeführt vor 110 Jahren, kommt der nicht gerade sympathische Titelheld nach seinem Selbstmord in ein Purgatorium, das aussieht wie eine Amtsstube. Die grauen Herren darin sind "Polizisten Gottes" - kafkaeske Gestalten, die den Delinquenten zur Glückseligkeit führen wollen, indem er bereut.

Das wollen die Englischen auch in der Salzburger Inszenierung von Kornél Mundruczó auf der Perner-Insel in Hallein. Nur sind sie hier keine Polizeibeamte, sondern Leute von heute: eine Gruppe von Schauspiellaien, das merkt man leider sofort, die gesellschaftliche Außenseiter darstellen. Sie blicken aus einer betont feministischen, homosexuellen oder queeren, jedenfalls aus einer sehr zeitgemäßen Perspektive auf den Karussellausrufer Liliom: diesen Macho-Titelhelden aus einem anderen Jahrhundert, der seine Frau geschlagen, einen missglückten Raubüberfall begangen und sich dann umgebracht hat. Und der nun hier im Jenseits steht und überhaupt kein Unrechtsbewusstsein hat.

In seiner Inszenierung für die Salzburger Festspiele - in Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater - zäumt der ungarische Regisseur Mundruczó das Stück seines 1952 in New York gestorbenen Landsmanns Molnár von hinten auf und setzt die himmlische Gerichtsszene an den Anfang, bei Molnár ist es das sechste von sieben Bildern. Eine vergilbte weiße Wand mit der Aufschrift "Safe Space" und einer Ballettstange daran verschließt den Blick auf die Bühne. Davor die Schauspiellaien, der "Chor der Nonkonformisten", auf dem Boden schlafend. Die weißen Kissen, auf die sie ihre Köpfe betten, wissen sie beim Abmarsch sehr lustig als Ersatzengelsflügelchen einzusetzen. In einer späteren Szene tanzen sie im Tutu ein adrettes LGBT-Ballett an - und von - der Stange.

Es handelt sich bei diesem etwas nervigen Engelstrupp, für den die ungarische Dramaturgin und Drehbuchautorin Kata Wéber harmlos-satirische Texte geschrieben hat, um politisch korrekte, ausgesprochen genderbewusste, aber auch bürokratisch sich verhaltende Bescheidwisser und Toleranzdenker auf der Höhe der Zeit, die bitte "Mitarbeitende" genannt werden möchten. Sie wirken wie beflissene Workshop-TeilnehmerInnen oder Coaches, die sich am Härtefall Liliom erproben müssen.

Der steht mit trotziger "Antragsformularausfüllverweigerung" vor der Himmelswand und soll darauf hundertmal den Satz schreiben: "Ich bin Teil des repressiven Patriarchats." Patriar-was? Liliom versteht die "Me Too"-Welt nicht. Er kommt ja auch aus "ganz anderen Zeiten", wie er als Erklärung für sein schäbiges Verhalten vorbringt. Liliom verteidigt sich nicht, er bereut nicht, und er will auch keine Erlösung. "Was geschehen ist, ist geschehen."

Selbst das Antiaggressionsseminar, das ihm die Jenseitigen verordnen ("Alles Unerwünschte ist übergriffig!"), schlägt überhaupt nicht an. Liliom bekommt trotzdem ein Eis. Aber nur, weil eins übrig ist im Cornetto-Zehnerpack. Er wird es seiner ihm unbekannten Tochter mitbringen, wenn er am Ende dann noch einmal zurück auf die Erde darf.

Die Engel sind politisch korrekte Toleranzdenker, die "Mitarbeitende" genannt werden möchten

Bis es soweit ist, blickt Liliom zwei Stunden lang von seinem Himmelsseminar immer wieder auf sein Leben zurück. Dann hebt sich die weiße Wand und gibt den Blick frei auf die düstere Bühne von Monika Pormale, die von zwei riesigen Sechsachsrobotern beherrscht wird, den eigentlichen Stars des Abends. Sie sehen aus wie überdimensionale Armknochengelenke und ersetzen mit ihrer künstlichen Intelligenz die Bühnenarbeiter: sie hieven surrend die Requisiten herein, bestücken die Szenerie mit Akaziensträuchern, Sperrholzwänden, Kulissenteilen und stellen für die Liebesszene mit Julie eine Vollmondkugel bereit. Roboterromantik. Statt Kirmesrummel: High-Tech-Ästhetik. Die Greifarme einer höheren Macht.

Die seltsam unwirkliche, etwas unheimliche David-Lynch-Atmosphäre, die dabei entsteht, ist auch den schweren lila Vorhängen geschuldet, mit denen die Bühnenwände ausgekleidet sind, sowie einem schrecklich ungemütlichen Soundtrack (Xenia Wiener) mit akustischen Einschlägen und einer teils laut verstärkten Synthesizermusik, die sich pilzig-psychedelisch wie Mehltau über die Szenen legt.

Mundruczó betont im Programmheft, dass ihn der Vorgang des Erinnerns interessiert habe, die selektierende, manipulative Funktion des Gedächtnisses bei der Rückschau Lilioms auf sein Leben. Daher wohl die symbolistische, albtraumhaft surreale Anmutung mancher Szenen: Die Blätter, die es regnet. Der Schnee, der fällt. Die feuergelben Nebel von Avalon. Das Plastikkrokodil, die Hühnerkopfmasken, die albernen Luft(ballon)gewehre der Stadtpolizei.

Liliom erinnert sich, rekonstruiert bruchstückhaft seine Geschichte: Wie er, der halbseidene "Hutschenschleuderer", mit dem Dienstmädchen Julie der Liebe seines Lebens begegnet und daraufhin von der eifersüchtigen Karrussellbesitzerin Muskat entlassen wird. Wie das mittellose Paar dann bei einer Verwandten Unterschlupf findet, der Fotografin Hollunder (bei Sandra Flubacher eine kernige Emanze). Wie er aus Frust anfängt, Julie zu prügeln und sich mit dem Finsterling Ficsur herumzutreiben (Tilo Werner als räudiger Straßenköter-Hippie), mit dem er auch mal ein Spaßbad im Wasserbecken nimmt.

Mundruczó hat Empathie für Molnárs Figuren, karikiert oder denunziert sie nicht, zeigt sie als selbstbewusste, moderne Menschen. Das ist schön. Vor allem die Frauen sind stark. Maja Schöne ist als Julie kein naives Ding um die zwanzig, sondern eine gestandene Frau, pferdeschwanz-keck, frech und cool. Mit ihrer Freundin Marie (Yohanna Schwertfeger) simuliert sie beim Seilspringen multiple Orgasmen. Wenn Julie mit Liliom Sex auf der Parkbank hat, ist das auch von ihr so gewollt. Sie liebt radikal und weiß, worauf sie sich mit diesem Strizzi einlässt: "Es muss auch solche geben." Später verhärtet sie unter dem Gift toxischer Männlichkeit.

Intensiv sind die Szenen, die der Regisseur live aus dem Inneren enger Holzräume heraus filmt

Fabelhaft auch, wie Oda Thormeyer ihrer Frau Muskat eine stolze Restwürde und Wärme bewahrt. Intensiv sind die Szenen, die der Regisseur in Castorf-Manier live aus dem Inneren enger Holzräume heraus filmt: die ganze Beengtheit und Armseligkeit des Milieus in einem Bild im Kasten. Dass die traumspielartige Inszenierung trotzdem nicht aufgeht, liegt an ihrer stilistischen Unausgegorenheit ebenso wie an ihrer Bilderlastigkeit auf Kosten der Sprache. Es liegt aber auch daran, dass Mundruczó nicht klar machen kann, worauf er eigentlich hinaus will. Soll Liliom verstanden oder gar exkulpiert werden? Muss es auch in "Me Too"-Zeiten "solche wie ihn" geben?

Der pulsierend energetische Jörg Pohl ist in der Rolle des Liliom weniger der harte, dummdreiste Proll-Schlägertyp als ein verhinderter Unterhaltungskünstler, eine Mischung aus Ben Becker und Oliver Pocher mit dem Zeug zum Entertainer. Wenn Liliom nach 16 Jahren Fegefeuer noch mal auf die Erde zurück darf, um etwas "Schönes" zu vollbringen, schlägt er seine Tochter Luise, wie er schon die Mutter geschlagen hat. So steht es bei Molnár. Wobei beide Frauen die Schläge nicht als Schmerz empfinden. Anders bei Mundruczó. Bei ihm spielt eine Schauspielerin mit Downsyndrom die Tochter (Paula Karolina Stolze). Die ist sehr heiter und selbstbewusst und lässt zusammen mit Julie den armen Tropf über ein Seil springen. Immer wieder. Wobei Luise den Kopf schief legt und Liliom aufmunternd zuruft : "Na?!" Dazu blinken die Roboterarme und signalisieren das Happy End einer zweiten Chance. Ganz nachvollziehbar ist das nicht.