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Salzburger Festspiele:Mozart und die Fridays for Future

Eine Szene aus der "Idomeneo"-Inszenierung der Salzburger Festspiele mit Idamante, Elettra und Ilia.

Drei verzweifelt Liebende: Paula Murrihy als Idamante, Nicole Chevalier als Elettra and Ying Fang als Ilia (von links) in der "Idomeneo"-Inszenierung der Salzburger Festspiele.

(Foto: AFP)

Mozarts erste große Meisteroper "Idomeneo" gerät zur umjubelten Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele. Und das, obwohl dem Stück alles Liebliche gründlich ausgetrieben wurde.

Arien sind eine einsame Sache. Da steht eine Sängerin, ein Sänger auf der Bühne und verbreitet sich ausgiebig über Gefühle. Handlung Fehlanzeige. Wenn das nicht nach allen Regeln der Belcanto-Kunst, stilgerecht und stimmlich betörend klingt, dann ist das schnell eine fade Angelegenheit. Zumal die Zahl der fantasiebegabten Ausnahmesänger schon immer überschaubar war und ist.

In Wolfgang Amadeus Mozarts Familien- und Sohnesopferdrama "Idomeneo", der 24-Jährige schrieb seine erste große Meisteroper für München, gibt es fünfzehn Arien und somit fünfzehn Mal Gelegenheit zu Ödnis. Dirigent Teodor Currentzis und Regisseur Peter Sellars haben für die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele nicht nur den Großteil aller rezitierenden Sprechgesangspassagen, sondern auch ein Drittel der Arien gestrichen, allerdings das so gut wie unbekannte, hinreißende und vor Schmerz nur so triefende Rondo KV 505, ein orchesterbegleitetes Duett für Hammerklavier und Sopran, eingefügt. Allerdings ist dies nicht der einzige Grund dafür, dass der Abend in keinem Moment öde ist.

Der Abend ist auch ein Appell an die Menschheit, mit ihrer Selbstzerstörung aufzuhören

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Denn Peter Sellars, dieser Ausnahmeregisseur ist das wandelnde schlechte Weltgewissen der Opernszene, verwandelt von Anfang an jede Arie in eine Ensembleszene. Immer sind die Arien bei ihm Erklärungen an die Mitspieler und die Menschheit. Zu Beginn werden Kriegsgefangene in roten Tarnanzügen, es sind die Verlierer des Trojakriegs, von den griechischen Siegern in blauen Tarnanzügen auf die riesige Bühne der Felsenreitschule gescheucht. Dann wird Ilia verhört. Sie erzählt von ihrem Herrschervater Priamos, von dessen und ihrer Brüder Tod, von ihrer Liebe zum Siegersohn Idamante. Diese Liebe hat sie mit verheerender Wucht überfallen, Widerstand zwecklos. Ying Fang mischt Verzweiflung und Liebespein, sie atmet ihr Unglück-Glück in hohen feinen Linien.

Paula Murrihy gibt den für einen Kastraten geschrieben Prinzen Idamante herb, scheu und zunehmend aller Lebenssicherheit beraubt. Nicht nur, weil sich Idamante seinerseits in die Feindin Ilia verliebt, aber eine geliebte Frau hat, sondern auch, weil sein Vater Idomeneo, Herrscher in Kreta, Murks gebaut hat. In höchster Seenot hat dieser kleinliche, egoistische Politiker gelobt, im Fall seiner Rettung den ersten Menschen zu opfern, dem er an Land begegnet. Der dann sein Sohn Idamante ist, den er natürlich nicht opfern will. Russell Thomas als Titelheld läuft deshalb sorgenbedrückt auf der Bühne herum, der Täter als ein bemitleidenswertes Opfer.

Hier spielt viel Archaisches und Religiöses hinein, so die unerträgliche Geschichte der versuchten Opferung Isaaks durch Abraham. Doch das interessiert Sellars weniger. Er übersetzt die archaische Idee des Kindesopfers ins Heute. Er zeigt Idomeneo als Vertreter der herrschenden Politiker- und Vätergeneration, die für das eigene bequeme Leben bereit ist, selbst das liebste Kind zu opfern. Zudem tut Idomeneo sein Opfergelübde in einer Naturkatastrophe, die heute zunehmend als von Menschen verursacht verstanden wird.

Schon bei Mozart werden die Folgen von Überheblichkeit, Hass und Krieg klar benannt: Sie zerstören alle menschliche Bindungen, sie machen das Zusammenleben unmöglich. Aber schon Mozart stemmt sich gegen diese Zerstörung. Wenn zuletzt eine göttliche Stimme Idomeneo von seinem Königsamt und damit von seinem Gelübde entbindet, dann geschieht das im Namen der Liebe: "Ha vinto Amore - Gesiegt hat die Liebe". Der Liebesgott ist schließlich jener Gott, gegen dessen Richtspruch kein Einspruch möglich ist.