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Salzburger Festspiele:Lückenloser Mozart

Zu sehr ins Detail versenkt: Der Dirigent Andrew Manze bremste den hervorragenden Bachchor Salzburg unmerklich ab.

(Foto: Chris Christodoulou/Salzburger Festspiele)

Im Mozarteum wurde erstmals die vollständige Fassung der c-Moll-Messe aufgeführt. Ein Traum von Generationen von Forschern ist wahr geworden.

Bis heute wusste man nicht so genau, warum Mozart, als er längst in Wien als Opernkomponist und Klaviervirtuose Furore machte, noch einmal ein großes geistliches Werk für Salzburg schrieb. Von dort war er ja in wütender Verzweiflung geflohen. Die feuchtkalte Stadt, die engstirnigen Menschen, der diktatorische Fürstbischof - es war ihm einfach zu viel geworden. Die unmittelbar anschließende Frage war, warum er dieses Werk, die opulente c-Moll-Messe, nie vollendet hat. Und es kam für die Nachwelt noch schlimmer. Selbst die vorhandenen Teile der Messe sind nur unvollständig überliefert.

Seitdem wurde die Messe in unterschiedlichen Konstellationen und oft mehr schlechten als rechten Rekonstruktionen aufgeführt. Denn hören wollte man sie immer. Bedeutend ist sie nicht nur für Klassik-Fans. In Robert Bressons existenzialistischem Filmepos "Un condamné à mort s'est échappé" flieht ein zum Tode Verurteilter und begeht dabei einen Mord. Womit er nicht klar kommt. Und immer, wenn ihn die Erinnerung am schlimmsten packt, setzt ihm auch noch die Musik zu, lautstark rückt ihm das Kyrie aus Mozarts der Messe zu Leibe, der Ruf nach dem Richter und Retter.

Es gibt also viele gute Gründe, dieses Werk auf seine originale Form zurückzuführen und noch wirkungsvoller als bisher in Klang zu setzen. In Salzburg hat man dies jetzt recht überzeugend geschafft. Und auch wenn man schon genau hinhören musste, um die philologischen Errungenschaften, all die neuen Erkenntnisse in Wolfgang Amadé Mozarts c-Moll-Messe zu erkennen, war es doch eine kleine Uraufführung, die im Großen Saal des Salzburger Mozarteums mit gehörigem Stolz der Stiftung Mozarteum im Rahmen der Festspiele zu recht gefeiert wurde.

Es ging um nichts weniger, als endlich die originale Gestalt von Mozarts letzter großer Kirchenkomposition wiederherzustellen. Große Teile des Originals sind verloren gegangen, andere Teile hat Mozart nie komponiert. Das stachelte den Ehrgeiz heutiger Musiker an, die fehlenden Sätze mithilfe von Musik aus anderen Werken zu vervollständigen. Was naturgemäß unbefriedigend bleiben musste. Wie Mozart das Fehlende aus dem Vorhandenen weitergedacht hätte, kann man nicht wissen.

Hauptquelle ist nach wie vor die Fassung eines Salzburger Kirchenmusikers, Pater Matthäus Fischer, der den achtstimmigen Chor kurzerhand halbierte, um das Stück im Rahmen seiner Möglichkeiten aufführen zu können. Allerdings verlegte er den zweiten Chor nicht einfach in die Orchesterstimmen, wie einst Carl Philipp Emanuel Bach bei der Übernahme des Eingangschores der väterlichen Matthäuspassion für seine eigene, sondern er verschränkte mühevoll beide Chöre in einen. Heute fragt man sich, wie man daraus wieder einen prächtigen achtstimmigen Chor auffächern könnte.

Dank der Digitalisierung gelang Ulrich Leisinger, was Forschern vor ihm unmöglich war

Zum Glück gibt es Menschen, die sich dafür so sehr interessieren, dass sie ihr komplettes Berufsleben und ein Gutteil ihres privaten Daseins darauf verwenden, solche Rätsel zu lösen. Der Musikwissenschaftler Ulrich Leisinger ist so einer. Als Forschungsdirektor der Stiftung Mozarteum hat er sich jahrelang immer wieder über die lückenhaften Handschriften gebeugt und den Kopf von rechts nach links gewogen. In den letzten beiden Jahren ist es ihm dann tatsächlich gelungen, eine wirklich plausible Fassung zu erarbeiten.

Aber was konnte er, was andere nicht konnten? Er hatte vor allem den Vorteil, dass inzwischen so viel Notenmaterial digitalisiert ist, dass man in kürzester Zeit entscheidende Fragen abklären kann. Etwa die, wie man im Salzburg der Mozart-Zeit Kirchenmusik aufführte. Wo Posaunen beteiligt waren, bei welcher Gelegenheit Trompeten hinzukamen und anderes mehr. Solcherlei wird laufend erforscht, und wenn man entsprechend vernetzt ist, genügt ein Anruf, um so eine Frage abzuhaken. Das hätte früher zermürbende Monate in Bibliotheken und staubigen Archivkellern erfordert.

So kam es, dass Leisinger in relativ kurzer Zeit eine aktuelle Fassung vorlegen konnte, die auch gleich den Weg in den Konzertsaal fand. Vor die c-Moll-Messe hatte man ein Werk des Vaters gesetzt, Leopold Mozarts "Litaniae Lauretanae" für Soli, Chor und Orchester. Ein bemerkenswertes Stück, das immer wieder an die frühe Kirchenmusik des Sohnes erinnerte. Manchmal, dies leider besonders in Leopold Mozarts Litanei, versenkte sich Dirigent Andrew Manze so sehr im Detail, dass er den hervorragenden Bachchor Salzburg unmerklich abbremste, so weit, dass Stillstand drohte. In der c-Moll-Messe blieb diese Gefahr hörbar geringer, was natürlich auch an der Komposition liegt, an den oft recht dramatisch und geradezu aufwühlend gestalteten Sätzen.

Trotz des famosen Chores: Eine Referenzaufnahme wird dieser Abend sicherlich nicht, dafür bewegte sich auch das Orchester der Camerata Salzburg streckenweise zu ungenau, aber ein deutlicher Hinweis, wie es funktionieren könnte mit einer klug restaurierten Partitur, war dieses Konzert allemal.

Auch nach Abschluss der mehr als 170-bändigen Neuen Mozartausgabe (NMA) harren weitere Werke der philologischen Wiedergutmachung, etwa das populäre Klavierkonzert in D-Dur KV 537, das so genannte Krönungskonzert. Auch dieses würde man gerne einmal so hören, wie es komponiert war. Vielleicht lösen sich auch da nebenbei einige Geheimnisse.

Man weiß nun ziemlich sicher, warum Mozart die c-Moll-Messe schrieb. Eine vage Briefstelle deutet auf ein Versprechen an die Verlobte Constanze, die vor der Hochzeit schwer erkrankt war. Mozart versprach ihr die Hauptpartie in einer großen Dankesmesse, wenn sie gesundete. So geschah es. Mozart reiste mit Constanze nach Salzburg, um seine Verlobte dem Vater vorzustellen - der nicht begeistert von ihr war. Aber der Dankgottesdienst fand statt, ehemalige Kollegen der Hofkapelle machten mit, und Constanze sang am 26. Oktober 1783 in der Salzburger Stiftskirche St. Peter. Das war damals nur mit Duldung durch den Erzbischof möglich. Frauen hatten in der Kirche zu schweigen.

Umso lauter fiel der Auftritt Constanzes aus. Im vierten Satz, dem "Domine Deus" für zwei Soprane, sang sie mit einem Kastraten um die Wette. Mozart hat dies wirklich als Wettstreit um die höchsten Töne komponiert, und noch heute fiebert man mit den Sopranistinnen, wenn sie da zwangsläufig an ihre Grenzen geraten. Carolyn Sampson und Marianne Beate Kielland haben das Kampfduett im Großen Saal des Mozarteums glänzend bewältigt und wohl ganz im Sinne Mozarts einen Fuß über die Grenze von Kirchenmusik und Opernbühne gesetzt. Die ursprüngliche Gender-Konfrontation musste naturgemäß unterbleiben.