Salzburger Festspiele Komischer Kafka

Gottfried von Einems Oper "Der Prozess" nach Franz Kafkas gleichnamigem Roman wurde jetzt in Salzburg konzertant gegeben. 1953 wurde das Stück dort uraufgeführt. Von Einem gilt als ein Hauptvertreter der Literaturoper.

Von Michael Stallknecht

Am Schluss der Aufführung küsst der Dirigent HK Gruber die Partitur, im Publikum bricht Jubel aus. In der Salzburger Felsenreitschule sitzen viele, die Gottfried von Einem noch persönlich gekannt haben, vor allen seine Witwe, die Dichterin Lotte Ingrisch.

Der 1996 gestorbene Komponist gehört zu den zentralen Figuren der österreichischen Nachkriegsmoderne. Nach dem enormen Erfolg der Oper "Dantons Tod" im Jahr 1947 bei den Salzburger Festspielen wurde der damals 29-jährige ins Festspieldirektorium berufen, später gehörte er dem sogenannten Kunstrat der Festspiele an. Als Komponist wie als Berater stand Gottfried von Einem für eine Moderne, die nicht der radikalen Avantgarde folgte, aber Salzburg nach der Zeit des Nationalsozialismus doch ein zeitgenössisches Gesicht gab. Er sorgte dafür, dass zahlreiche bedeutende Uraufführungen ins Festspielprogramm gehoben wurden, darunter auch seine zweite Oper "Der Prozess" nach Franz Kafkas gleichnamigem Roman. Zu seinem 100. Geburtstag in diesem Jahr hat denn auch bereits die Wiener Staatsoper "Dantons Tod" szenisch realisiert, das Theater an der Wien den "Besuch der alten Dame". Ab Oktober wird "Dantons Tod" auch am Münchner Gärtnerplatztheater zu sehen sein. Ehrensache also, dass die Salzburger Festspiele nun mit der Wiederaufführung von "Der Prozess" an Gottfried von Einem erinnern, wenn auch nur konzertant. Schließlich war nicht nur die Uraufführung im Sommer 1953 ein großer Erfolg, das Stück wurde auch bereits in der darauffolgenden Spielzeit in Bern, Hamburg, Mannheim, Wien, Neapel und New York nachgespielt.

Was damals den Reiz ausgemacht haben mag, muss es freilich nicht gleichermaßen in der Gegenwart tun. Gottfried von Einem gilt als Hauptvertreter der sogenannten Literaturoper, bei der das Libretto einem bekannten literarischen Text möglichst wortgetreu folgt. Das bedeutet, dass die Sänger enorme Textmassen in einer Art Dauerrezitativ bewältigen müssen. Das tut das Ensemble in Salzburg mit allgemein hervorragender Textverständlichkeit. Michael Laurenz singt die monströse Partie des in allen Szenen agierenden Josef K. mit leicht ansprechendem Tenor und prägnanter Deutlichkeit, in den seltenen lyrischen oder expressiven Passagen mit kraftvollen Entladungen in der Höhe. Die belgische Sopranistin Ilse Eerens lässt in den zur einer Art Überfrau zusammengefassten weiblichen Partien glockenreine Silbertöne und schön sich entfaltende Kantilenebögen hören.

Durchaus modern ordnet von Einem die Stimmführung der musikalischen Konstruktion unter, organisiert also die neun Bilder - ähnlich Alban Bergs "Wozzeck", wenn auch deutlich weniger komplex - nach symphonischen Prinzipien. Von Einem hatte die Oper ursprünglich zwölftönig zu komponieren begonnen, entschied sich aber dann doch für ein Festhalten an der Tonalität.

"Der Hauptdarsteller dieser Oper ist das Orchester", schreibt der Dirigent HK Gruber - als Komponist selbst ein Schüler von Einems - im Programmheft. Doch irgendwie scheint dieser Hauptdarsteller im falschen Stück, wenn nicht gar im falschen Genre aufzutreten. Die stark rhythmisch geprägten Motiventwicklungen des Orchesters, einige Jazzeinflüsse inklusive, wirken über weite Strecken tändelnd, neckisch kokett, so dass man einer Spieloper beizuwohnen glaubt. Sicher: Kafka hat komisches Potenzial, aber ihn darauf zu beschränken, hieße ihn dann doch zu unterschätzen. Der Eindruck mag paradoxerweise auch dem brillant lichten und transparenten Spiel des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien geschuldet sein, das HK Gruber mit leichthändiger Präzision antreibt. Im beim Label Orfeo greifbaren Mitschnitt der Uraufführung wirkt das Spiel der Wiener Philharmoniker unter Karl Böhm jedenfalls wuchtiger, kantiger, damit auch dunkler.

Welcher Glanz die Uraufführung 1953 umgab, belegen die damaligen Sängerbesetzungen: Max Lorenz in der Rolle des Josef K. und Lisa della Casa in der weiblichen Partie. Nach der jetzigen Wiederbegegnung überwiegt jedoch eher der Eindruck, dass die Salzburger Festspiele richtig gehandelt haben, als sie ihre Ehrenpflicht diesem Werk gegenüber nun nur konzertant erfüllten.