Salzburg:Das Morden nutzt sich auch ab

Salzburg: Heul doch: Lina Beckmann als Richard III. mit männlicher Unhold-Physiognomie (links), Kate Strong als Edward IV. und Herzogin von York.

Heul doch: Lina Beckmann als Richard III. mit männlicher Unhold-Physiognomie (links), Kate Strong als Edward IV. und Herzogin von York.

(Foto: Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele)

Karin Henkel inszeniert "Richard III." bei den Festspielen. Es ist ein vierstündiger Abend ohne Idee und Rhythmus, aber mit einer überwältigenden Lina Beckmann.

Von Egbert Tholl, Salzburg/Hallein

Es gibt wieder Schlachtplatte bei den Salzburger Festspielen. Die große, genannt "Schlachten!", servierte hier auf der Perner-Insel in Hallein 1999 Luk Perceval, brauchte dafür einen ganzen Tag, und danach war die Theaterwelt eine andere. Die kleinere gibt es jetzt, Karin Henkel hat sie angerichtet, sie heißt "Richard the Kid & the King", dauert vier Stunden, und danach wird die Schauspielerin Lina Beckmann vom dann mehrheitlich stehenden Publikum gefeiert, als habe sie eben das Theater erfunden.

Henkel begnügt sich mit zwei Shakespeare-Dramen, "Henry VI." und "Richard III.", wobei sie vom "Heinrich" die sehr eigenständige Version nimmt, die Tom Lanoye damals für Perceval geschrieben hatte, Titel: "Eddy the King". Und wie Perceval ließ sie sich die karge Bühne von Katrin Brack bauen, eine dunkle, kreisrunde Scheibe, über der viele unterschiedlich große Leuchtkugeln auf und ab schweben, sanft die Farbe wechseln, von Weiß bis Apricot.

Richard, der größte Unhold des Theaters, kommt zur Welt, und gleich drei Mütter stehen zur Seite, um ihm klarzumachen, was für ein hässliches, widerwärtiges, verwachsenes Kind er sei. Da geht es, mit den Worten von Lanoye, gleich einmal sprachlich wüst und derb zu, und, im Fall von Kate Strong, die bald auf der Bühne die alleinige Mutterrolle übernehmen wird, auch erschreckend banal. In "Schlachten!" erfand Lanoye einen kontinuierlichen Verfall der Sprache, sein "Eddy" war die vorletzte Station. Damit setzt Henkel nun ein, ohne Vorbereitung.

Das Eingangsbild kommt nach vier Stunden wieder, Richard wieder auf einem Schaukelpferdchen, die Mütter. Diese Klammer sollte einen aber nicht veranlassen, hier von einem stringent durchgeplanten Abend zu reden. Vielmehr wirkt Henkels Inszenierung gut erdacht, aber fahrig umgesetzt, unfertig, improvisiert, viel zu lang und ohne jedes Rhythmusgefühl hingestolpert. Obwohl es hier auch viel Musik gibt, in Fetzen, Pop, Passion und Klavier, "Firestarter" (vermutlich), also Bumms.

Beckmanns Richard ist ein böser Clown, voller physischer Wucht

Der Beginn, in den sich Shakespeares "Richard III." und der ganze Winter des Missvergnügens langsam hineinschieben - ein dramaturgisch tatsächlich spannender Vorgang - ist insofern noch aufregend, als Henkel sich um die Etablierung von Figuren bemüht, was ihr im Verlauf des Abends zunehmend wurscht ist. Gleichwohl taugen die anfänglichen Familiengeschichten nicht zur psychologischen Begründung von Richards späteren Taten - er will der Größte werden, weil ihn alle hänseln, das war's schon.

Aber: Die Koproduktion mit dem Hamburger Schauspielhaus prunkt mit tollen Menschen auf der Bühne, vor allem Kristof Van Boven. Er spielt alle Mitglieder der Familie Lancaster, den müden König Heinrich VI., die machtgierige Margaretha, Prinz Edward und Lady Anne, ist teilweise im Dialog mit sich selbst und schafft es, prägnant jede Figur mit Leben zu füllen. Im zweiten Teil ist er vor allem Anne, ein Schmetterlingswesen. In diesem zweiten Teil, der Ballade von Richards Morden, gibt es noch weitere erfreuliche Erscheinungen, Paul Herwig als opportunistischen Kronrat-Strategen, Alexander Maria Schmidt als zaudernden Killer.

Vor allem aber gibt es Lina Beckmann, sie spielt Richard III.. Sie ist fast immer auf der Bühne, kommentiert diese Aufgabe genauso wie ihren S-Fehler, den das Mikroport auch schön herausstellt. Sie ist angemalt wie der böse Clown, den sie spielt, sie geifert und greint, sie ist eine physische Wucht, voller haltloser Energie. Aber selbst sie findet kein Mittel gegen Henkels Ideenlosigkeit, das Morden nutzt sich ab, wer da gerade stirbt, ist einem irgendwann egal, zumal die Taten teilweise unfreiwillig ulkig sind - einmal räumt Beckmann eine Bauchhöhle leer und fördert Gedärme wie Würstelketten zutage, also Schlachtplatte.

Und doch ist Beckmann virtuos, kriegt die männliche Unhold-Physiognomie sehr gut in ihren Körper, ist vollkommen furchtlos, matscht mit Blut und Essen herum, kann auch schlagartig witzig sein, flirtet mit dem Publikum. Aber nie ist ihr Richard furchterregend, mitleiderregend erst recht nicht. Der ganze laute, polternde Abend ist mehr Vorführung als Aufführung. Bleibt die Frage, was das alles soll.

© SZ
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