Salzburger FestspieleSo findet man kein Glück

Lesezeit: 3 Min.

Die Olga (Marie-Luise Stockinger) mag nicht mehr. Hinter ihr Dagna Litzenberger Vinet als Alma und die Horde der Pioniere.
Die Olga (Marie-Luise Stockinger) mag nicht mehr. Hinter ihr Dagna Litzenberger Vinet als Alma und die Horde der Pioniere. (Foto: Matthias Horn/Salzburger Festspiele)

Bertolt Brecht stürzte sich auf Marieluise Fleißer, weil sie einen Ton hatte, den er nicht hinbekam: Jetzt ist "Ingolstadt" bei den Salzburger Festspielen zu sehen, eine Adaption zweier Stücke der Schriftstellerin.

Von Egbert Tholl

Da sitzt die Berta neben dem Korl auf der harten Bank, der Korl legt den Arm um sie, und sie sagt: "Jetzt hab ich eine Lehne und weiß nicht, wie sie heißt." Ein Satz wie ein Roman. Weil er viel mehr sagt, als man in einer solchen Situation halt so sagt, weil er die ganze Sehnsucht der Berta ausdrückt, nach einer Liebe und einem Leben. Und weil da auch drinsteht, wie wurscht ihr ist, woran sie sich anlehnt, Hauptsache, es ist da jemand. Der Satz erzählt die Vorgeschichte der Berta und auch das, was noch kommen wird, nicht viel Gutes. Die Schriftstellerin Marieluise Fleißer hat viele solche wunderbar wahren Sätze geschrieben, nicht nur, aber auch in ihren beiden ganz frühen Dramen "Fegefeuer in Ingolstadt" und "Pioniere in Ingolstadt". Die hat nun der Dramaturg Koen Tachelet ineinander geschoben, und Ivo van Hove hat sie unter dem Titel "Ingolstadt" bei den Salzburger Festspielen inszeniert.

Eigentlich hätte "Ingolstadt" das Schauspielprogramm der Festspiele auf der Pernerinsel in Hallein eröffnen sollen, aber die Proben wurden gebeutelt von Corona-Erkrankungen. Dass es, wenn auch um ein paar Tage verschoben, überhaupt herauskam, zeigt viel vom Durchhaltewillen aller an dieser Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater Beteiligten. Ohne Blessuren ging es dennoch nicht ab, für die Premiere mussten drei Partien umbesetzt werden, Ernest Allan Hausmann etwa springt beherzt für Oliver Nägele in allen vier Rollen der älteren Männer hier ein. Und auch der Rhythmus holpert im Verlauf des zweieinhalbstündigen Abends, da könnte bis zur Premiere am Burgtheater im September noch Einiges geschmeidiger, weniger redundant werden. Aber das ist nebensächlich, sind wir froh, dass "Ingolstadt" herauskam.

Brecht brauchte Futter für seinen Theaterskandal

Das "Fegefeuer" hatte 1926 in Berlin Premiere, da war Fleißer noch keine 25 Jahre alt. Später schrieb sie, das Stück sei aus dem Zusammenprall ihrer katholischen Klostererziehung mit der Begegnung mit Lion Feuchtwanger und den Werken Brechts entstanden. Bertolt Brecht stürzte sich auf Marieluise Fleißer, weil sie einen Ton hatte, den er nicht schreiben konnte, aber ersehnte, eine Unmittelbarkeit voller Wahrheit und Leuchten. Zu den "Pionieren" überredete er sie, er brauchte Futter für einen Theaterskandal, der sich 1929 dann auch einstellte, wegen Entjungferung auf offener Bühne - bei van Hove eher eine schonungslose Vergewaltigung. Marieluise Fleißer bearbeitete Jahrzehnte später das Stück, hängte mehr Fleisch ins erzählerische Gerüst. Und bedankte sich bei Brecht mit der Erzählung "Avantgarde": "Der Umgang mit ihm war schwer zu verdauen."

Im "Fegefeuer" ist die Olga schwanger vom Peps, will vergeblich das Kind abtreiben, der Roelle weiß das, setzt sie unter Druck - und ist vor allem mit sich beschäftigt. Ein Heiliger will er sein, ein Märtyrer und kriegt doch nur eine in die Fresse. Er träumt von einem Amerika mit Olga zusammen, will der Star im Rudel der Schüler sein. Die Schüler gibt es nicht bei Hove, er ersetzt sie durch die Pioniere aus dem zweiten Stück. Rudel bleibt Rudel, wer nicht dazu gehört, dem geht es schlecht, da sind die Pioniere noch krasser als die Schüler. Die Pioniere sind in der Stadt, bauen eine Brücke, das finden Alma und Berta interessant; die eine versucht sich in geschlechtlichen Dingen zu professionalisieren, die andere sucht eine Liebe, ihr Dienstherr bietet ihr seinen Sohn Fabian an, sie aber nimmt den Korl, respektive er sie. Er habe sie gewarnt. Es gehe keiner gut bei ihm. Die Schwimmer im Ort klauten den Pionieren das Holz für ihren Steg, der Feldwebel kriegt Druck von oben, er gibt ihn weiter nach unten, unten steht der Korl, und der muss den Druck loswerden.

Pioniere mögen keine Heiligen. Das kriegt hier Jan Bülow von Tilman Tuppy und Lukas Vogelsang zu spüren.
Pioniere mögen keine Heiligen. Das kriegt hier Jan Bülow von Tilman Tuppy und Lukas Vogelsang zu spüren. (Foto: Matthias Horn/Salzburger Festspiele)

Mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit verzahnt Ivo van Hove, ein Meister exakter Nuancen, die beiden Stücke. Vom einen rufen sie ins andere hinein, die Szenen laufen manchmal fast parallel, die Bühne ist offen. Eine Wasserlandschaft von Jan Versweyveld mit gefährlichen Tiefen, die Rückwand ist ein Spiegel, darin sieht sich das Publikum. Manchmal ist da auch eine Leinwand, zu Beginn beten alle das Vaterunser gen Sonnenuntergang.

Überhaupt beten. Bisschen viel davon. Die Fleißer wollte die Schulzeit bei den englischen Fräuleins in Regensburg abschütteln, van Hove stupst ihre Figuren wieder in diese Welt, mit dezent irrlichternden Engelschören, Gebeten. Gemeint ist damit das System Kirche, ebenso wie das des Militärs. Zwei Systeme, zwei Mal Enge. Schon deshalb muss man nicht lang überlegen, was "Ingolstadt" heute soll - es ist Metapher, gültig nach wie vor. Es geht ja nicht um eine Situation, die hundert Jahre alt ist. Die Pioniere, herausragend unter ihnen der brutal auftrumpfende Gunther Eckes oder Maximilian Pulst als haltloser Korl, sind argumentatives Couleur wie Olgas Familie, wie der Rocker Peps (Tilman Tuppy) oder der ambivalent mit seinem Vater hadernde Fabian (Max Gindorff). Entscheidend sind die, die rauswollen. Der Schmerzensmann Roelle (Jan Bülow), vor allem die Frauen, Alma (Dagna Litzenberger Vinet), Berta (Lilith Häßle) und Olga (Marie-Luise Stockinger). Stockinger und Häßle blasen mit ihrem Schmerz, ihrer Wucht, ihrem Trotz, ihrer sprachlichen Präzision, ihrer Emotionalität alle an die Wand. Und doch finden ihre beiden Frauen kein Glück. Das ist die Wahrheit von "Ingolstadt".

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Porträt: Ivo van Hove
:Maximal minimalistisch

Man liebt, ihn zu hassen, und hasst, ihn zu lieben: Der belgische Starregisseur Ivo van Hove weiß, wie man die Theater füllt. Jetzt inszeniert er erstmals bei den Salzburger Festspielen.

SZ PlusVon Christine Dössel

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Gutscheine: