Salzburger Festspiele:In der Rachehölle

Salzburger Festspiele: Gefangen in Hass und Bosheit: Ausrine Stundyte als Elektra in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski.

Gefangen in Hass und Bosheit: Ausrine Stundyte als Elektra in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski.

(Foto: Bernd Uhlig/SF)

Krzysztof Warlikowskis fantastische Inszenierung der "Elektra" von Richard Strauss als hysterisch-hintergründiges Psychodrama. Eine höchst gelungene Wiederaufnahme der Jubiläumsproduktion.

Von Helmut Mauró

Salzburger Festspiele: Gefangen in Hass und Bosheit: Ausrine Stundyte als Elektra in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski.

Gefangen in Hass und Bosheit: Ausrine Stundyte als Elektra in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski.

(Foto: Bernd Uhlig/SF)

Mit einem gewaltigen Sprechmonolog der Gatten-Mörderin Klytämnestra (Tanja Ariane Baumgartner) lässt Regisseur Krzysztof Warlikowski die Oper "Elektra" von Richard Strauss beginnen, und erst dann, nach den ersten dramatischen Exzessen, setzt in der Salzburger Felsenreitschule die Musik ein. Noch enger ans gesprochene Wort gebunden, das gilt in dieser Oper ja nicht nur für das immer wieder aufscheinende Agamemnon-Motiv, sondern generell bei der Gestaltung einer neuen Theater-Klangsprache. Sie ist noch beunruhigender in ihrer Gratwanderung zwischen konkreter Anschauung, Bedeutung und Begriffslosigkeit. Die Musik wächst gleichsam aus dem Sprechdrama heraus, aber nicht in dem klischeehaften Sinn, dass sie dort einsetzt, wo das Wort versagt. Im Gegenteil, sie nimmt das Geschehen erst einmal zurück, um es neu zu ordnen, einer anderen Erlebnissphäre zuzuordnen. Der Monolog von Elektra (Ausrine Stundyte), der rachgierigen Tochter Klytämnestras und Agamemnons, wird nun gleichermaßen appellative und innere Rede.

Noch ist unklar, was passieren wird. Die Bilder überschneiden sich, rechterhand steigen Elektra und Orest als unschuldige Kinder in den Pool, der auch ein großes Taufbecken sein kann. Die linke breite Bühnenseite dominiert ein schwarzer Block, erinnert ein wenig an die Kaaba von Mekka, später erscheint er von innen beleuchtet und begehbar, am Ende wird er sich langsam und bedrohlich wie ein Sarg über den Pool schieben. Viel ist in ihm begraben, die gemordete Mutter und ihr Gefährte und auch die ganze Lebenssehnsucht, das ganze Leben Elektras. Auch von ihr bleibt nichts.

Die Rache für den König ist in Wahrheit Rache für den Verlust des eigenen Status

Und so sehr die aufbrausende und wieder beschwichtigende Musik von Strauss das Geschehen bestimmt, so zeichnet sie gleichzeitig die Charaktere bis ins Kleinste - die moralisch marode Klytämnestra, die nicht minder gewaltlüsterne Elektra, die sanfte Chrysothemis. Es ist ja eine reine Frauenoper, Orest und sein Gefährte sind sehr kleine Rollen. Regisseur Warlikowski fühlt sich in die Musik hinein und liefert einen optimalen Rahmen für die spärliche äußere, und die umso drastischeren inneren Handlungen. Großflächige Videoprojektionen verstörter Menschen und hektisch krabbelnder Insekten ergänzen die eindrucksvolle Optik, abrupte Lichtwechsel dramatisieren sie, lenken aber nie weg vom Geschehen, den psychologischen Schlachten, die bis zum bitteren Ende ausgefochten werden müssen.

Zunächst erscheint die Situation ausweglos, die Demütigungen, die Elektra nach der Ermordung ihres Vaters Agamemnon, des Heldenkönigs, durch die Mutter und deren neuen Gefährten Ägisth zu ertragen hat, will sie nicht hinnehmen. Ihr Rachedurst steigt ins Unermessliche, und es ist klar, dass die Rache für den Vater eigentlich die Rache für den Verlust des Status als Königstochter ist. So wie die Mutter mordete, weil Agamemnon, so sagt sie, ihre Rechte missachtet habe, so will auch die Tochter um der Gerechtigkeit willen morden. Der Bruder Orest (Christopher Maltman) muss es richten, aber der ist fern der Heimat, bald schon kommt gar die Nachricht, er sei vom eigenen Pferd erschlagen worden. Hier hätte Dirigent Franz Welser-Möst das Orchester der Wiener Philharmoniker vielleicht doch etwas lauter aufjaulen lassen können, man hätte es sich gewünscht, denn Elektra weiß ja nicht, dass die Todesmeldung falsch ist. Das wissende Orchester aber agiert gleichsam mit angezogener Handbremse und spart die klanglichen Wirkungstreffer für das Ende, von dem Strauss selber sagte, es sei "saftig geworden".

Im Mord ist der Keim für die nächsten Morde gelegt

Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg, ein hysterischer Kampf gigantischen Ausmaßes. Elektra wütet, ihre Schwester Chrysothemis wünscht sich das Eheglück: "Ich bin ein Weib und will ein Weiberschicksal", lässt Librettist Hugo von Hofmannsthal sie ausrufen. Selbst wenn man sie einem Bauern gäbe, sagt sie, würde sie ihm gerne Kinder gebären und sie in kalten Nächten an ihrer Brust wärmen. Das bringt Elektra erst recht auf die Palme. So wenig Solidarität unter Frauen? Gerade wollte sie die Schwester überreden, mit ihr den Muttermord zu begehen: "Tu es, dann bist du stark." Orest scheint ja nun ausgefallen, und nun verrät Chrysothemis die heilige Rache an einen erbärmlich kleinmütigen Lebensentwurf. Mit dieser Frau ist nicht zu rechnen, und so gerät das unverhoffte Wiedersehen mit Orest, den Elektra zunächst gar nicht wiedererkennt, weil sie nicht mehr an ihr Racheglück glaubt, zum schieren Freudentanz, zum Liebesduett.

Strauss hat dafür wirklich eine süßliche Liebesmusik geschrieben, was alles nur noch grausiger macht. Denn die Liebe gilt ja nicht dem wiedergefundenen Bruder, sondern der wiedererblühten Hoffnung auf Blutrache. Hass und Bosheit, sie triumphieren und beherrschen Elektra, und sie ist darin gefangen wie in einem düsteren Raum, der immer enger wird. Anders als in der Vorgänger-Oper "Salome" gestaltet Strauss die Partie der Elektra äußerst vielschichtig, beleuchtet die Figur und ihr Tun und Fühlen immer neu, auch wenn am Ende das immergleiche Ergebnis steht: So verständlich der Rachedurst ist, so unausweichlich sich der Mord als Lösung anbietet, so wenig ist gewonnen, so sehr ist der Keim gelegt für die nächsten Morde.

Wenn man verstehen will, wie die Musik über die Begriffssprache hinauswächst, wie sie den Diskurs an sich reißt, ist man bei dieser Oper richtig. Und erst recht in Warlikowskis fantastischer Inszenierung als hysterisch-hintergründiges Psychodrama. Großartig auch, dass man noch einmal die Premierenbesetzung von 2020 erleben kann: Tanja Ariane Baumgartner als stimmgewaltige, in allen Schattierungen der Wut, Verzweiflung und Bösartigkeit changierende Klytämnestra. Die ihr dabei nicht nachstehende Ausrine Stundyte als Elektra, und wahlweise Asmik Grigorian oder, wie in der ersten Wiederaufnahmevorstellung, Vida Mikneviciute mit einem wunderbar fließenden, herb timbrierten Sopran als Chrysothemis - die beeindruckende neue Stimme dieses Abends.

© SZ
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