Salzburger Festspiele Es war einmal im Paradies

Auftakt der Salzburger Festspiele: Der Dirigent Yannick Nézet-Séguin, designierter Chef der Metropolitan Opera in New York, versteht Joseph Haydns "Schöpfung" als beschwingt-vitale Erzählung.

Von Harald Eggebrecht

Es war eine schwungvolle, klangschöne Aufführung von Joseph Haydns "Schöpfung" am letzten Freitagabend, beherrscht von erzählendem Parlando. Sie erfüllte mit beschwingtem Geist im Großen Festspielhaus, war eine "Ouverture spirituelle" der Salzburger Festspiele 2016. Dann schlug der Blitz von München ein . . .

Es war eine Idee des einstigen Intendanten Alexander Pereira, das Festival alljährlich mit Chorwerken katholischer und protestantischer Komponisten zu eröffnen und Musik anderer Weltreligionen gegenüberzustellen: 2012 war es der Dialog mit dem jüdischen Glauben, 2013 mit dem Buddhismus, 2014 mit dem Islam, 2015 mit dem Hinduismus und nun, zum letzten Mal, mit Ausrichtung zu christlicher Orthodoxie. Zu Beginn immer "Die Schöpfung", die Haydn unter dem Eindruck der Händel'schen Oratorien, wie er sie in England erlebt hatte, als sofort erfolgreiches Werk konzipierte. Bei der Vereinigung, die für Kosten und Haydns Gage aufkam, war auch eine Vorfahrin Pereiras.

"Die Schöpfung" erzählt in drei Teilen die Erschaffung der Welt vom Chaos bis zum Lustwandeln von Adam und Eva im Garten Eden. Es gibt Aufführungen, die das chormächtig und statuarisch darstellen; solche, die das als eine Art Oper inszenieren; wieder andere, die den katholischen Haydn in die Nähe des protestantischen Johann Sebastian Bach rücken wollen. Und es gibt solche, die hier schon das Menschheitsdrama sehen, wie einst Leonard Bernstein in den Achtzigerjahren beim Schleswig-Holstein-Musik-Festival.

Gleich nach der bedrohlich leisen undefinierbaren Düsternis des Chaos gibt es eine Klangeruption zur Textzeile "und es ward Licht". Bernstein setzte seine gesamte Energie ein, um alles in einem ohrenbetäubenden Fortissimoglanz zu blenden und zu überstrahlen. So überwältigend, dass das, was danach noch umfangreich folgt, nicht zum Vorteil im Schatten dieses Lichtausbruchs lag.

Keine Phrase, die nicht ausformuliert war, kein Auftakt, der nicht einleuchtete

Yannick Nézet-Séguin, Jahrgang 1971, Chef des "Philadelphia Orchestra", des "Rotterdams Philharmonisch Orkest" und designierter Chef der New Yorker "Metropolitan Opera", hat anderes vor. Er versteht und dirigiert das Werk als abwechslungsreiche Geschichte der Schöpfung. Also ward Licht ohne hysterische Blendung, sondern logisch entwickelt aus Haydns Chaos-Dunkelheit. Das "Chamber Orchestra of Europe" und der Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung Peter Dijkstra) leuchteten wunderbar ausgeglichen im Klang.

Im zweiten Teil wird es kunterbunt, wenn Haydn die Erschaffung und das Auftreten der verschiedenen Lebewesen zum so geistreichen wie "anschaulichen" Klangbilderbogen aufspannt. Besonders der Bassist Gerald Finley sang in jenem vielfarbig beredten Parlandoton, den Nézet-Séguin unermüdlich, ohne Stab, von allen einforderte. Alles blieb in organischem Fluss, keine Phrase, die er nicht aufmerksam ausformulierte, kein Auftakt, der nicht unmittelbar einleuchtete. Der Tenor Werner Güra steigerte sich in diese Beredsamkeit, die für eine altbekannte Story einen neuen geschmeidigen Ton ohne falsches Verkündigungspathos findet. Die noble Hanna-Elisabeth Müller schließlich zeigte jene Klarheit, die Wiener Klassische Musik unbedingt braucht.

Im dritten Teil, wenn Adam und Eva im Paradies lustwandeln, verwandelt sich nach dem großen Chorton des Gottesdanks alles in Kammermusik für ein frisch verliebtes Paar. Dass der Text von Frauengehorsamkeit und Mannesregiment tönt, erscheint nicht naiv, wenn Erzengel Uriel warnt: "O glücklich Paar, und glücklich immerfort,/ wenn falscher Wahn euch nicht verführt, /noch mehr zu wünschen, als ihr habt,/ und mehr zu wissen, als ihr sollt!" Stehende Ovationen. Dann hinaus und "Paradise lost": Man erfuhr die Nachrichten aus München . . .