Salzburger Festspiele "Das war schon eine Sternstunde"

Bei Anruf Domplatz: Der Schauspieler Philipp Hochmair springt kurzfristig beim Salzburger "Jedermann" für den erkrankten Tobias Moretti ein. Und wird bejubelt.

Interview von Christine Dössel

Zum ersten Mal in der Geschichte der Salzburger Festspiele nach 1945 wäre eine "Jedermann"-Aufführung ausgefallen, wenn nicht jemand eingesprungen wäre: Der österreichische Schauspieler Philipp Hochmair übernahm in einer Art Kamikazeaktion die berühmte Rolle in der Inszenierung von Michael Sturminger auf dem Salzburger Domplatz. Ihm blieben gerade mal 30 Stunden Zeit. Hauptdarsteller Tobias Moretti ist an einer Lungenentzündung erkrankt. Hochmair, Jahrgang 1973, war von 2003 bis 2009 am Wiener Burgtheater und danach bis 2014 am Thalia Theater Hamburg. Derzeit dreht er viel ("Vorstadtweiber") und tourt mit dem Theatermonolog "Jedermann reloaded". Weshalb er in den Text eingearbeitet ist. Der Ersatzmann lieferte eine grandiose Leistung ab und wurde bejubelt, auch bei seiner zweiten Vorstellung am Samstag. Ein Gespräch mit einem, der gerade viel Adrenalin getankt und wenig geschlafen hat.

SZ: Herr Hochmair, als der Notruf aus Salzburg kam, wie lange dachten Sie da nach?

Philipp Hochmair: Keine Sekunde. Nicht einmal einen Atemzug. Ich habe völlig leichtsinnig geantwortet, ohne zu ahnen, worauf ich mich da einlasse. Mein erster Gedanke war, dass die ein Gastspiel von mir und meiner Band wollen. Wir waren gerade in Dresden, um "Jedermann reloaded" auf Platte aufzunehmen. Ich war voll in der Materie drin. Drum war ich so auf Ja gepolt: Ja, ich komme mit meiner Band.

Ihre Band ist jetzt aber nicht mit auf dem Domplatz dabei.

Die kommt schon noch. Die Band kommt nach!

War das als alternativer Off-Jedermann Ihr Traum: einmal den "richtigen" Jedermann auf dem Domplatz zu spielen?

Das einzige, worüber ich nachgedacht hatte: Ich will mit meiner Band in dieser Stadt spielen, und warum dann nicht auf dem Domplatz. Nicht wissend, wie groß der ist und was das überhaupt bedeutet.

Na, Sie haben für Ihren Rettungseinsatz sicher einen guten Deal ausgehandelt und können jetzt Bedingungen stellen ...

Das ist mir gar nicht in den Sinn gekommen. Ich hatte nicht einmal einen Vertrag unterschrieben. Aus dieser Situation Profit schlagen zu wollen, war nicht denkbar.

Sind Sie dann sofort nach Salzburg eingeflogen worden?

Ja, über Berlin. Aber dann gab es diesen Gewittersturm, und so mussten wir auf dem Rollfeld eine ganze Stunde im Flieger sitzen, bevor wir aussteigen durften. Ich saß dann mit Schreibkräften, Dramaturgen und dem Regisseur Michael Sturminger bis zwei Uhr in der Früh in einem Büro, um meine Jedermann-Fassung mit der aktuellen Salzburger Fassung zu vergleichen und zu schauen, wie ich meine da integrieren kann.

Sie bekommen aber schon auch Text und Anweisungen über einen Knopf im Ohr?

Einige! Etwa ein Viertel des Abends wird mir zugeflüstert. Aber ich kann das annehmen, weil ich das Stück so gut kenne und in dem Sprachmodus drin bin. Wenn ich jetzt versucht hätte, Texte völlig neu zu lernen, das hätte nicht funktioniert. Ich habe wieder gemerkt, wie kompliziert diese Hofmannsthal-Sätze zu sprechen sind. Aber dadurch, dass ich zwei Drittel des Textes draufhabe, ging das. Diese zwei Drittel Text kann ich in- und auswendig, egal, ob man mich aufweckt in der Nacht oder wo auch immer, das ist bei mir jederzeit abrufbar. Allerdings: Wenn man mich fragen würde, ob ich übermorgen den Dorfrichter Adam übernehmen könnte im "Zerbrochnen Krug", das wäre unmöglich. Das ist zu lange her. Aber der "Jedermann" ist mir total inkorporiert. Ich spiele das Stück ja komplett alleine und kenne alle Abläufe.

Sprechen Sie in Ihrer "Jedermann reloaded "-Rockperformance denn tatsächlich wortgetreu den Hofmannsthal-Text?

Absolut. Das ist original Hofmannsthal. Das ist auch der Kern bei meinem "Werther"-Solo: dass man die Sprachkomposition dieser Klassiker beibehält und sie nur neu aufbereitet. Die Setzung ist das Moderne: die provokative Haltung, der Rockstar-Gestus. Ich performe mit einer Rockband "Jedermann" und spreche alle Rollen. Ich habe ein Mikrofon für den Jedermann und eines für die anderen Figuren. Die anderen klingen verzerrt, wie bei einem Telefonanruf. Da kriegt Jedermann zum Beispiel einen Anruf von seiner Mutter, sie spricht, er antwortet. Man reist sozusagen in den Kopf von Jedermann hinein, der sich wie in einer Therapiesituation befindet. Und das ist Teil seines Genesungsprozesses. So ist meine Interpretation. Und jetzt am Domplatz muss ich das eben alles zurücknehmen und mich in die psychologisch-realistische, eher fernsehspielartige Form von Sturmingers Inszenierung hineinbegeben.

Wie geht das? Haben Sie ein Video studiert? Woher kennen Sie die Abläufe?

In der Oper ist es üblich, dass man einen Sänger einfliegt, der irgendwo auf der Welt dieselbe Partitur singt, der wird einfach in die Inszenierung hineingesetzt und fliegt dann wieder heim. Ich habe nur kurz bei der Probe das Video überflogen, das hat mir aber nichts gebracht. Mir war viel wichtiger, dass ich einen Fahrplan habe anhand des Textes. Ich kenne jeden Dialog, weiß, wer wann auftritt, das ist alles auf meiner Festplatte. Ich weiß nur nicht, wo die einen Strich gemacht haben. Ich brauche die Souffleuse, die mir sagt: So, jetzt stopp! Damit ich nicht durchrede wie in meinem Monolog. Da muss die Souffleuse mich navigieren. Das hat super funktioniert.

Inwieweit müssen Sie denn nun den Moretti geben?

Das geht doch gar nicht. Ich bin zwar in seinem Kostüm und habe die szenischen Vorgaben, aber ich bin ein ganz anderer Mensch - und auch ein ganz anderer Typus von Jedermann. Ich kann den glamourösen Rockstar aus "Jedermann reloaded" jetzt nicht abschütteln. Der Rhythmus, die Musikalität in der Sprache, das ist alles so tief erlebt, gespeichert, gefühlt - das kann ich nicht im Handumdrehen ändern. Ich habe versucht, möglichst leicht zu sein und heiter zu bleiben trotz des ganzen Drucks.

Ist das nicht der Albtraum eines jeden Schauspielers: Du musst auf die Bühne und hast nichts geprobt.

In unserem Fall war es so: Entweder wir lassen das Stück ganz ausfallen oder wir lassen uns auf eine Neuschöpfung ein, die der Moment gebiert. Und für so etwas bin ich schon der Richtige. Ich habe auf so vielen Festivals im Ausland gespielt, in Hinterhöfen, Schulen, Garagen, ich musste improvisieren und mit so vielen Unwägbarkeiten zurechtkommen - da habe ich mir ein Handwerk antrainiert, das mir in diesem Fall total zugute kam. Ich dachte mir auf den Hinterbühnen oft: Das ist Üben für den Ernstfall. Letztlich ist der Sprung aus der Garage oder dem Klassenzimmer auf den Domplatz nicht so groß. Es geht um die Improvisationslust.

Jetzt werden Sie als Held gefeiert. Wie fühlt sich das nach dem ersten Adrenalinrausch an?

Das größte Glück ist es, aus der Situation etwas zu machen. Auch deshalb applaudieren die Leute, weil sie hier eine andere Art von Entertainment erleben. Es ist die Euphorie, dass sich das jemand zugetraut hat. Das war für mich wie bei einem WM-Finale. So hab ich mich gefühlt beim Rausgehen: das volle Stadion, alles wuselt und tobt, und ich durfte das entscheidende Tor schießen. Das war schon eine Sternstunde.