Salzburger Festspiele:Mühevoll ins Paradies

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Salzburger Festspiele: Stuhl, Tisch, Wasserglas: die Marathon Lesung "Die Göttliche Komödie" gab sich optisch karg und trumpfte dafür mit Namen: Verena Altenberger, Andre Jung, Ursina Lardi, Kathleen Morgeneyer, Jörg Ratjen, Devid Striesow und Angela Winkler.

Stuhl, Tisch, Wasserglas: die Marathon Lesung "Die Göttliche Komödie" gab sich optisch karg und trumpfte dafür mit Namen: Verena Altenberger, Andre Jung, Ursina Lardi, Kathleen Morgeneyer, Jörg Ratjen, Devid Striesow und Angela Winkler.

(Foto: Franz Neumayr)

Sieben Schauspieler, sechseinhalb Stunden: die Marathonlesung von Dantes "Göttlicher Komödie" bei den Salzburger Festspielen.

Von Egbert Tholl

Der Anfang ist von bezwingender Leichtigkeit. Sieben Menschen, sieben Karaffen mit Wasser, sieben Stühle, ein Tisch. Da sitzen sie, die nun Dante Alighieris "Göttliche Komödie" in einer Marathonlesung bewältigen werden. Geplant sind sechs Stunden, es werden dann sechseinhalb. Die Bühne ist die des Max-Schlereth-Saals des Mozarteums, in diesem Jahr Ausweichquartier fürs Landestheater, das gerade renoviert wird. Ein moderner Saal, ein zweckmäßiger Saal, im Hintergrund das Bühnenbild von "Verrückt nach Trost", das auch hier gespielt wird; das Bühnenbild ist eine große Stahlröhre.

Jedes Mal ein anderer Ton, eine andere Herangehensweise

Angela Winkler beginnt. Mit ihrem nie endenden Charme eines jungen Mädchens, das hier allerdings erst einmal mit der Technik der Mikroports hadert, "ich war eben noch auf der Toilette, vielleicht ist da was verrutscht", es klappt nicht, schließlich überreicht ihr Verena Altenberger, die aktuelle Buhlschaft, ein normales Mikrofon wie eine Trophäe. Dantes Reise durch Hölle und Purgatorium ins Paradies ist eine Ich-Erzählung, die hier sieben unterschiedliche Stimmen hat. Und das ist das Bezwingende: Jede und jeder liest zunächst einen Gesang aus der Höllen-Abteilung, sieben Mal ein anderer Ton, eine andere Herangehensweise. Bei einigen hört man die Rollen durch, die sie gerade in Salzburg spielen, nein, man hört die nicht durch, man denkt halt daran, gerade bei den dreien, die hier in "Verrückt nach Trost" mitspielen. Darin spielen sie auch Tiere, das tun sie hier nicht.

Auf Winkler folgt Devid Striesow, klar, viril, fast ein Held in einer Abenteuergeschichte. Dann Altenberger, herzlich warm, lebendig - diese Haltung wird sie bis zum Ende nicht abgeben, sie wirkt völlig resistent gegenüber der Dauer der Veranstaltung. Und sie hört den anderen am neugierigsten zu, man schaut ihr also beim Zuhören zu und wird so gezwungen, selbst genau zuzuhören. Dann kommt Jörg Ratjen, professioneller Vorleseton, irgendwie ein bisschen zu gemacht. Kathleen Morgeneyer pflegt eher den Duktus der Litanei mit seltsamen, theatralischen Ausbrüchen, Ursina Lardi ist objektive Berichterstatterin. Und dann ist da noch André Jung, der wundervolle, der sich zwar oft verliest, aber jedes Wort mit einer anderen Farbe versieht, so minutiös fein, dass man gebannt ist.

Ohne dramaturgisches Gerüst geht man verloren

Alle sieben sind mit einem Gesang durch, dann beginnt langsam eine Erosion. Die Besetzung wechselt, fünf verschwinden gleich einmal. Nun liest eine Stimme auch mal mehrere Gesänge hintereinander, die Farben werden monochromer. Und mehr als über das faszinierende Wie beginnt man über das Was nachzudenken, über das Zwicken und Zwacken in der Hölle, über die tausend Begegnungen mit mythischen Gestalten. Und man sucht nach einer Idee, die es nicht gibt.

Bettina Hering, die Schauspielchefin der Salzburger Festspiele, hat ein Faible für solche langen Lesungen. Man erinnert sich an Musils "Mann ohne Eigenschaften", an "Ulysses" von James Joyce, Romane, an deren Lektüre man immer wieder scheiterte, die man nach den Lesungen aber glaubte, sehr gut zu kennen. Nun hat Hering den Text in der herrlich direkten Prosaübersetzung von Hartmut Köhler eingerichtet, nur was tat sie? Viel zu wenig. Sie nimmt knapp die Hälfte der insgesamt 100 Gesänge, ihre Auswahl wirkt zufällig, die Gesänge in sich lässt sie, so der Eindruck, unberührt. Es ist ein Mäandern ohne Ziel. Auf dem Weg freut man sich über Dantes Entrüstungen, etwa über die Gier der Menschen und die Prunksucht der Bischöfe. Doch ohne ein dramaturgisches Gerüst geht man verloren. Am Ende münden alle sieben in ein Hohelied der Gottesverehrung, was bei Dante vor 700 Jahren völlig in Ordnung war, heute aber wie ein Gesang hinter verschlossenen Türen wirkt, die man nicht aufkriegt, gar nicht öffnen will. Am Schluss bleibt die Liebe, wenigstens das. Und die große Freude der Lesenden über den Durchhaltewillen der Zuhörer.

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