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Salzburg:Eine beschädigte Sahnetorte

Richard Strauss' "Die Liebe der Danae" erstarrt in der Regie von Alvis Hermanis zum Ornament.

Weiß ist der Esel und erstaunlich geduldig. Er spitzt die Ohren, als er über die Bühne geführt wird, und bockt nur ein kleines bisschen. Der Esel bringt im Großen Festspielhaus etwas Leben in den letzten Akt der "Liebe der Danae", gar nicht einfach in der vorletzten Oper von Richard Strauss. Das Sujet hatte noch sein bester Textdichter Hugo von Hofmannsthal geliefert, eine, so der Untertitel, "heitere Mythologie" sollte es werden, die die antike Erzählung von Danae, die Zeus im Goldregen beglückt, mit der vom sagenhaft reichen König Midas verquickt. Jupiter-Zeus tauscht seine Gestalt mit Midas, um Danae als Goldkönig aufsuchen zu können. Doch vor die Wahl zwischen dem weltenthobenen Goldgott und dem armen, aber realen Eselstreiber Midas gestellt, entscheidet sich Danae zum Schmerz des Gottes für letzteren.

Hofmannsthal war tot, als sich Strauss in den Dreißigerjahren des Stoffes erinnerte. Seinen zweiten großen Dichter, Stefan Zweig, hatten die Nazis vertrieben. So musste Joseph Gregor ran, langjähriger Leiter der Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Gregor lieferte, was Bibliothekaren zu solchem Sujet einfällt: eine mythologisch verquaste Altphilologenprosa mit wagnerianischen Anklängen. Während Strauss "Operette in feinster Form" forderte, entstand nur ein spätakademisch antikisierender Ölschinken mit komischem Beigeschmack. Geplant für die Salzburger Festspiele 1944, wurde die Uraufführung vom Propagandaministerium nach dem Attentat auf Hitler und der Ausrufung des "totalen Krieges" untersagt. Es kam noch zur Generalprobe, die zur Huldigung für den 80-jährigen Strauss wurde. Im alternden Jupiter hatte er sich selbst zum Gott stilisiert, der sich von den Gräueln um ihn herum abwenden und dennoch gefeierter Komponist bleiben wollte. Erst 1952, drei Jahre nach dem Tod, lieferte Salzburg die Uraufführung nach. Das Stück muss also ab und zu auf den Spielplan der von Strauss mitbegründeten Festspiele. Ansonsten wird es sehr selten gespielt.

Als Akt der Weltabwendung hatte auch Regisseur Alvis Hermanis seine Inszenierung angekündigt. Er wolle das "l'art pour l'art" des Stückes ernst nehmen, es aus dem Geist des Ornaments heraus erzählen. In der Tat beherrschen Ornamente nicht nur die Orientteppiche, die Hermanis immer wieder in sein weißgekacheltes, selbst entworfenes Bühnenbild projizieren lässt. Die Kostüme des litauischen Designers Juozas Statkevičius, zwischen Orientalismus und baltischem Chorfest schwankend, bedienen mit golddurchwirkter Farbenpracht die Kulinarik ebenso wie ein riesiger (im Gegensatz zum Esel lebloser) Elefant, auf dem Jupiter einzieht. Vom Akademismus des 19. Jahrhunderts drängt es Hermanis in den Jugendstil, von klassischer Antike in einen Märchenland-Orient. Der Regisseur hat sich in den letzten Jahren auf Operngebiet selbst zum konservativen Anti-Regietheatermacher ausgerufen, für den, Strauss darin nicht unähnlich, Politik und Kunst getrennt bleiben sollen.

Nun ist Ornament kein Verbrechen. Ein Verbrechen an jeder sinnvollen Form von Musiktheater aber ist es, wenn eine Inszenierung im Ornament erstarrt. Genau das geschieht hier. Hermanis kopiert leider nur das Schlechte der Vorregietheaterära: einen bleiernen Hang zur Statuarik und zum folkloristischen Ungefähr. Von der Bedeutung der Armut etwa ist in den klinisch sauberen Bildern nichts zu spüren, und ein Treppenpodest in der Bühnenmitte blockiert von vornherein jede natürliche Begegnung zwischen den Protagonisten. Hinzu kommen beständig handwerkliche Ungeschicktheiten. Das wirkt fast wie eine Parodie auf ältere, seit Jahrzehnten nicht mehr geprobte Inszenierungen. Der differenziert singende Wiener Staatsopernchor steht monolithisch herum, während ein omnipräsentes Damenballett antikisierende Turnübungen vollzieht. Wenn die Damen im letzten Akt von ihren Ganzkörpergoldanzügen in weiße Burkas wechseln, weiß man nicht, ob das ein Beitrag zur Islamkritik sein soll oder ein Gewerkschaftstreffen ausgedienter Schlossgespenster.

So kühl, wie einen diese Inszenierung lässt, so kühl klingt sie auch

So kühl, wie diese Inszenierung lässt, so kühl klingt sie auch, nur dass der Dirigent absichtsvoll vorgeht. Franz Welser-Möst schärft den Klang der Wiener Philharmoniker, die schon die Uraufführung bestritten, und lässt ihn durchhörbar werden. Die Sänger können sich so behaupten, wobei in leisen und melancholischen Momenten Bezauberndes gelingt. Außerdem wählt Welser-Möst rascheste Tempi, die wohl Pathosbildung vermeiden sollen. Aber damit überfährt er nicht nur oft die Sänger, er gibt sich auch kaum Raum für farbliche Differenzierungen. Über weite Strecken bleibt der Klang zu pauschal. Mit der rasenden Eile blockiert Welser-Möst das Einzige, wofür man diese Partitur nicht mögen muss, aber vielleicht noch spielen kann: das Klangschwelgerische, mit der Strauss die Spätromantik auf ihren letzten, unehrlichsten Punkt treibt. Eine Sahnetorte, von der man die Sahne kratzt, wird noch lange kein knackig frischer Salat, sondern bleibt nur eine beschädigte Sahnetorte.

Dabei hätte die Besetzung durchaus genug Schlagrahm zu bieten trotz der hier immensen Anforderungen. Denn wie Strauss sich als abdankender Jupiter dem Reich des Menschlichen nicht mehr verpflichtet fühlte, trieb er auch die Partien alle nah ans Unrealisierbare, Jupiter voran. Tomasz Konieczny, erst im letzten Akt leicht schwächelnd, verzichtet wie die Sänger der Uraufführung(en) auf manche abstruse Höhen. Sein bassbaritonales Fundament verleiht dem Gott überzeugende Autorität, doch fehlt das Edle für den Weltabschiedsschmerz. Auch bei Gerhard Siegels Midas muss man auf Liebhaberschmelz verzichten, dafür singt er Strauss' schwierigste Tenorpartie ohne hörbare Anstrengung, mit feinen Phrasierungen und klugen Textdifferenzierungen. Die kleineren Partien des Pollux (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke), Merkur (Norbert Ernst) oder Jupiters vier abgelegte Geliebte (Mária Celeng, Olga Bezsmertna, Michaela Selinger, Jennifer Johnston) sind exzellent besetzt. Den fraglos größten Erfolg erzielt Krassimira Stoyanova als Danae, die ihren gehaltvollen Sopran mit staunenswerter Flexibilität führt und noch die höchsten Höhen in feinste Bögen integriert. Die "Liebe der Danae", das steht fest, wird auch in Zukunft selten gespielt werden.

© SZ vom 02.08.2016

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