"Sag nicht, wer du bist!" im Kino Schizophren in der Scheune

Xavier Dolan als Tom in "Sag nicht, wer du bist!"

(Foto: dpa)

Psychothriller in Hitchcock-Tradition: Das kanadische Regie-Wunderkind Xavier Dolan nimmt in "Sag nicht, wer du bist!" den Zuschauer mit auf einen Landausflug. Der 25-Jährige beweist dabei eine fast unheimliche Intuition.

Von David Steinitz

Wenn Männer sich bekriegen, dann müssen sie nicht unbedingt kämpfen - sie können auch miteinander tanzen. Ein schräges Pärchen geben die jungen Männer Tom und Francis in der dunklen Scheune neben dem Farmhaus ab, die Strahlen der Nachmittagssonne scheinen durch die kleinen Fenster des Scheunentors, im Hintergrund stapeln sich die Strohballen. Immer schneller dreht Francis Tom zur Musik aus dem Gettoblaster im Kreis, drückt ihn immer fester an sich, bis dieser kaum noch Luft bekommt und Francis' Speichel ihm ins Gesicht spritzt, während er ihn anzischt, dass er ihn nicht mehr gehen lassen kann.

"Sag nicht, wer du bist!/Tom à la ferme" ist der vierte Spielfilm des franko-kanadischen Regisseurs Xavier Dolan, der seit seinem Regiedebüt "Ich habe meine Mutter getötet" von 2009 als Wunderkind des internationalen Autorenfilms gefeiert wird - damals war er gerade zwanzig.

Gaumen ohne Vorurteile

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Um kaum einen anderen Nachwuchsregisseur wurde in den vergangenen Jahren auf den Festivals in Cannes und Venedig, wo seine Filme ihre Uraufführungen hatten, ein solcher Hype veranstaltet wie um ihn. Mit seinen ersten drei Werken - nach dem Debüt folgte die Ménage-à-trois "Herzensbrecher" und das Transgender-Märchen "Laurence Anyways" - hat er das Thema der unmöglichen Liebe in verschiedenen geschlechtlichen Konstellationen umkreist. Und zwar so bunt und so schräg, dass ein Teil des Dolan-Hypes auch schlicht deshalb zustande kam, weil er mindestens so viele Zuschauer nervte wie begeisterte.

Dolans erster Versuch einer handfesten Genrearbeit

Mit besonderer Spannung wurde deshalb "Sag nicht, wer du bist!" erwartet, der im vergangenen Herbst seine Premiere im Wettbewerb des Festivals von Venedig hatte - weil er nach den drei knallbunten Wundertüten sein erster Versuch einer handfesten Genrearbeit ist. Der Film beruht auf einem Theaterstück des kanadischen Dramatikers Michel Marc Bouchard von 2010, gemeinsam mit ihm hat Dolan das Drehbuch geschrieben.

Tom (Dolan) ist ein Mittzwanziger-Hipster aus Montreal, der in der Werbebranche arbeitet und dort mit seinem gleichaltrigen Arbeitskollegen Guillaume liiert war. Als dieser stirbt - ein Selbstmord wird angedeutet -, beschließt Tom zu seiner Beerdigung in die kanadische Provinz zu fahren, obwohl der Freund seine Homosexualität vor seiner Familie verheimlicht hat.