Sänger Evgeny Nikitin "Ich war ein Ding an sich"

Zu Nikitins Kosmos gehörten in der Jugend auch Tätowierungen. In keinem der Interviews, in denen er bisher danach gefragt wurde, verriet er, warum er sich mit 16 Jahren auf die rechte Brust ein Hakenkreuz und auf die linke eine Elhaz-Rune tätowieren lies - kurz bevor er auf das Petersburger Konservatorium ging. Egal, ob er als Jugendliche aus Absicht oder aus Naivität handelte, es hätte ihm mit Ende 30 klar sein müssen, dass solche Tätowierungen in Bayreuth zu Verwerfungen führen würden. Was er damals den "Kultura"-Journalisten erzählte, als er noch nicht im Verdacht stand, den Bayreuther Geist zu verraten, lässt seinen Werdegang besser verstehen.

"Ich war nie ein schwieriges Kind, aber ein lästiges, ein rothaariges, abscheuliches Kind. Ich hatte immer Kommunikationsprobleme. Ich war ein Ding an sich." Nikitin wuchs in Murmansk auf, einer Hafenstadt nördlich des Polarkreises, in der die Sonne für ein halbes Jahr verschwindet, jedes Jahr. "Ich neige zu Depressionen, ich schwanke. Im Winter bin ich sehr gereizt und böse, und im Sommer blüht bei mir drinnen alles ein bisschen auf. Insgesamt bin ich eine ziemlich finstere Gestalt." Er schaut sich im Interview auf die Fingernägel und fügt hinzu: "Aber Einsamkeit ist ja bekanntermaßen das Schicksal aller großen Menschen." Dann macht er ein Bühnengesicht und sagt etwas müde: "Das war ein Witz."

Seine Rocksongs hat Nikitin selber geschrieben und komponiert. Eins heißt "Schwert": "Verzeih mir, mein Leben. Ich verbrenne die Brücken hinter mir und gehe für immer hinter den Horizont meines Traums." In einem anderen Lied singt Nikitin: "Das ewige Meer streichelt uns wie die Mutter ihre Söhne in der Wiege streichelt. Das Rauschen der Brandung singt in der Stille das Abschiedslied der lieben Ufer."

Seine Musik klingt dunkel und etwas komplizierter als sie ist. Man könnte sagen, sie wirkt wagnerianisch, wie auch seine ausweichende Haltung zur eigenen Vergangenheit, aber man kann seine Musik auch einfach hören, ohne irgendwas darüber zu sagen. Nikitin singt, sehr tief: "Graue Wellen, grimmiger Himmel, Nordwind, unendlicher Regen, dunkler Abgrund brodelnder Ströme - all das ist das Element der Furchtlosen, deren Leib und Blut. Mit jedem Ruderschlag naht das unbekannte Land. Was uns dort begegnet, gehört alles uns."

Im Gespräch mit den russischen Journalisten sagte Nikitin, das Opernsingen mache ihm erst seit etwa 2005 richtig Spaß, seitdem er das Repertoire beherrsche. "Die Bühne ist zu meinem Element geworden, zu meinem zweiten Leben, vielleicht gar zum ersten." Er sagte noch, er habe nicht auf dem Konservatorium studiert, um später Deos zu verkaufen. Nun muss Evgeny Nikitin sich in seinem neuen Element behaupten und sich für sein altes rechtfertigen.