Bestseller "Shades of Grey":Vertragswerk gegen Schmerzensgeldklagen

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E. L. James hat sich für Anas Ambivalenz - sie ist ja auf der Suche nach einer noch unbekannten Lust - eine geschickte Instanzenlehre ausgedacht, die da lautet: "innere Göttin" versus "mein Unterbewusstsein". (Letzteres muss man sich als Vulgärfassung des Freud'schen Unbewussten vorstellen.) Wenn Anas "innere Göttin" jubiliert, schlägt ihr "Unterbewusstsein" schon mal Alarm. Eigentlich ist dieses "Unterbewusstsein" eher eine Art Über-Ich, ein moralischer Aufpasser, während die "innere Göttin" Anas tiefe Wünsche repräsentiert. Man könnte sagen: Juliette und Justine in Personalunion.

Anastasia Steele ist ein Geschöpf ihrer Zeit, Psychobabble gehört genauso dazu wie das permanente Checken von Mails. Zwei unvorhergesehene Dinge geschehen: a) Christian, der abgebrühte "Dom", der sich nicht anfassen lassen will (was Ana stört), verliebt sich. Ana in ihrem Misstrauen merkt es nicht gleich, aber glücklicherweise helfen Kate und ihre Mom ihr auf die Sprünge. b) Ana verliebt sich ebenfalls, widersetzt sich aber ein Stück weit den von Grey gesetzten "Regeln", ist somit keine hundertprozentige "Sub".

Im Land der Schmerzensgeldklagen verwundert es kaum, dass sich ein reicher Mann, der ein Mädchen fesseln und ihr Schmerzen zufügen möchte, sich mit einem Vertragswerk absichert. Das seitenlange Vertragswerk enthält "hard limits" und "soft limits". Ana soll festlegen, wo ihre Grenzen sind. Das kann sie aber nicht, und will es auch nicht. Stattdessen will sie wissen: "Warum bist du so geworden?" Auf das Arrangement lässt sie sich trotzdem ein, und siehe, es gefällt ihr.

Die Ideologie der Unterwerfung aus Lust kommt voll und ganz und ohne jede Kritik zu ihrem Recht. Nach der ersten Session im Spielzimmer spricht Ana von einem "süßen Schmerz, an der Grenze des Erträglichen" und stellt fest: "Er zieht mich in jenen tief verborgenen Teil meines Selbst, der sich dieser höchst erotischen Empfindung ergibt. Ja - jetzt verstehe ich endlich."

So entpuppt sich "Shades of Grey" als Psychothriller für Damen, die den harten Kerl knacken wollen. Langsam, aber sicher zieht Ana den Vorhang seines Theaters der Kontrollsucht zur Seite. Herauskommt, dass Grey als Fünfzehnjähriger von einer älteren Lady zum "Sklaven" gemacht wurde. Ein Türchen öffnet sich dem Mitleid: Ach so, der Arme verbirgt in seinem Dominanzwunsch also seine Verletzlichkeit? Das ist keineswegs genrekonform, und vermutlich findet der Dreiteiler mit seiner Heiß-kalt-Mischung aus gefühlsseligem Groschenroman und Sadomaso-Porno gerade deshalb reißenden Absatz.

E. L. JAMES: Shades of Grey. Geheimes Verlangen. Band 1. Roman. Aus dem Englischen von Sonja Hauser und Andrea Brandl. Goldmann Verlag, München 2012. 608 Seiten, 12,99 Euro.

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