bedeckt München 20°

Bestseller "Shades of Grey":Standardisierte Warenwelt

Das peinliche Selbstbewusstsein dieses siebenundzwanzigjährigen Beau namens Grey kann man nur als Parodie des naivsten Kapitalismus amerikanischer Machart begreifen. Auf Anas Interviewfrage, wie er so jung reich und erfolgreich sein könne, antwortet ihr zukünftiger Liebhaber und "Dom" im Duktus einer Werbebroschüre: "Im Geschäftsleben geht es um Menschen, Miss Steele, und ich bin ein guter Menschenkenner. Ich weiß, wie sie ticken, was ihren Erfolg oder Misserfolg ausmacht, was sie antreibt und wie man sie motiviert. Ich beschäftige ein außergewöhnliches Team, das ich großzügig entlohne."

Es ist schon fast schmerzhaft angeberisch, wie Grey das Mittelstandsgirl Ana im Hubschrauber von einer Stadt zur anderen fliegt, wie er ihr einen brandneuen Audi aufdrängt und einen Blackberry, mit dem dann ein Großteil der erotischen Kommunikation abgewickelt wird. Oder, besonders krass, wie er seinen Privatjet stundenlang "auf Standby" hält, während er Ana und ihrer Mutter in einer Hotelbar hinterherspioniert.

Das Buch steckt überhaupt voller Schleichwerbung. Den Auto- und Mobiltelefonmarken gesellen sich Macs, iPads, iPhones und Klamotten von Ralph Lauren hinzu sowie die Monsterfirmen Amazon (wo man Bücher bestellt, wo sonst) und Google, vom obligatorischen Moët nicht zu reden. Zwei interessante Phänomene kommen hier zusammen: eine absolut standardisierte Warenwelt und ein kindliches Verhältnis zum Konsum. Dem passt sich die pornografische Sprache an, der es an jeglicher Originalität und Poesie gebricht. Nach obszönen Ausdrücken sucht man vergeblich.

Mit klinischer Akkuratesse werden die Körperteile bezeichnet, die da zu- und ineinander finden. Der Geruch von Duschgel verschwindet nie. Und wenn "seine Erektion zum Vorschein kommt", meint man, Streber über Sex sprechen zu hören: Pornostreber. Denkt man dagegen an Nicholson Bakers Roman "Haus der Löcher", diese köstlich schmuddelige Satire auf ein pornografisches Wunderland im US-amerikanischen Nirgendwo, wird der Unterschied schreiend deutlich.

Doch bleiben wir nüchtern und halten die literaturkritischen Reflexe niedrig. Schließlich will E. L. James gar keine Literatur schreiben, wenngleich Literatur - englische, keine amerikanische! - sehr wohl Erwähnung findet. Einmal gesteht Ana, die den nordamerikanischen Kontinent nie verlassen hat, sie würde gern das Land kennenlernen, in dem Shakespeare und Jane Austen ihre Inspiration fanden.

Der aufmerksame Grey lässt es sich nicht nehmen, Ana mit der Erstausgabe von Thomas Hardys "Tess of d'Ubervilles" (1891) zu verblüffen, einem Klassiker der sexuellen Unterwerfung. Anas Freundin Kate taxiert per Google das Geschenk gleich auf vierzehntausend Dollar. Alles soll vom Teuersten sein bei diesem Märchenprinzen aus dem Manager-Modellbaukasten, der jedoch, wie Ana schnell herausfindet, eine traurige, unheimliche Seite hat.

Und darauf kommt es an. Denn die dunkle Seite des talentierten Mister Grey - er spielt nebenbei "umwerfend" Klavier - wirkt auf Ana anziehend. Als er in dem Baumarkt, wo Ana jobbt, nach Kreppklebeband und Schnüren verlangt, ahnt sie noch nichts Böses. Bald aber führt er sie in sein Reich: in das "Spielzimmer", eine Variante des de Sade'schen Boudoirs für das 21. Jahrhundert. Ana fühlt sich dennoch an die "Inquisition" erinnert. Ist sie erschrocken? Ja und nein.

Zur SZ-Startseite