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Opioidkrise in den USA:Valium für das Volk

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Die Opioidkrise fordert in den USA jedes Jahr 100 000 Todesopfer. Ausgelöst hat sie ein einziger Pharmakonzern. Zwei Sachbücher und eine Serie beleuchten die bitteren Folgen.

Von Niklas Elsenbruch

Autounfälle? Schießereien? Nein: Die häufigste vermeidbare Todesursache bei Amerikanern unter 50 sind Drogenüberdosen. Zwischen April 2020 und April 2021 starben daran erstmals mehr als 100 000 Menschen innerhalb eines Jahres - über 270 am Tag. Das ist die vernichtende Bilanz der sogenannten Opioid-Epidemie, die seit zwei Jahrzehnten in den USA grassiert. Wie ihr Name verrät, zeichnen dem Opium verwandte Substanzen für drei von vier der tödlichen Überdosen verantwortlich, neben Heroin zuletzt vor allem das bis zu fünfzigmal stärkere Fentanyl.

Doch die Krise ist nicht in erster Linie das Kind von Schwarzmärkten und dubiosen Drogendealern. Ausgelöst hat sie der Pharmakonzern Purdue mit einem verschreibungspflichtigen Schmerzmittel namens OxyContin - und mit Methoden, die weniger an Medizin erinnern als vielmehr an die Mafia. In seinem Buch "Empire of Pain" enthüllt der investigative Journalist und Schriftsteller Patrick Radden Keefe in bislang unbekanntem Ausmaß, wie die renommierte Inhaberfamilie Sackler hunderttausende Amerikaner in die Drogensucht stürzte und sich daran unbehelligt bereicherte.

Die Vertreter drängten die Ärzte, das Mittel auch bei moderaten Schmerzen in hohen Dosen zu verschreiben

Als Purdue im Jahr 1996 unter Führung von Richard Sackler und weiteren Familienmitgliedern OxyContin auf den Markt brachte, pries das Unternehmen die innovative Rezeptur: Das Opioid Oxycodon, bekannt für seine schmerzhemmende Wirkung, aber auch für sein Suchtpotenzial, sollte sich durch eine besondere Ummantelung in Pillenform gleichmäßig im Blutkreislauf der Patienten verteilen. Dies verhindere jene Spitzenkonzentration in der Zufuhr des Wirkstoffs, die abhängig macht. Studien dazu führte Purdue nicht durch. Stattdessen investierte der Konzern in gute Beziehungen zu Curtis Wright, dem Aufseher der US-Arzneimittelbehörde FDA. Innerhalb nur eines Jahres ließ diese nicht bloß das Medikament zu, sondern auch Werbung für dessen besonders geringes Abhängigkeitsrisiko in der Packungsbeilage. Wiederum ein Jahr verstrich, ehe Wright mit einem Einstiegsbonus von 400 000 Dollar zu Purdue wechselte.

Nach der Zulassung sandte der Konzern ein Heer von Pharmavertretern aus, mit der Anweisung, gezielt solche Ärzte mit dem vermeintlichen Wundermittel zu umwerben, die entweder als ungewöhnlich verschreibungsfreudig galten oder als unerfahren im Umgang mit Opioiden. Auf Anordnung von oben tischten die Vertreter den Ärzten das Ammenmärchen auf, das Abhängigkeitsrisiko von OxyContin liege unter einem Prozent. Außerdem drängten sie darauf, das Mittel auch bei moderaten Schmerzen in hohen Dosen und über lange Zeiträume zu verschreiben. Zur Unterstützung stellte Purdue ihnen allein für Essenseinladungen an Ärzte ein jährliches Budget von neun Millionen Dollar zur Verfügung.

Diese für ein Pharmaunternehmen außergewöhnlich aggressive Verkaufsstrategie hatte im Sackler-Clan Tradition. Wie Keefe im ersten Teil von "Empire of Pain" beschreibt, hatte Arthur Sackler, der Patriarch der Familie, seit den Fünfzigerjahren das Marketing von Pharmazeutika revolutioniert. Als umtriebiges, vielfältig begabtes Einwandererkind leitete Sackler bald nicht nur die neurobiologische Forschung einer psychiatrischen Einrichtung, sondern gleichzeitig seine eigene Werbefirma McAdams. Diese machte das Beruhigungsmittel Valium zur rentabelsten Arznei aller Zeiten, indem sie die Kampagne nicht auf Patienten, sondern auf die verschreibenden Ärzte abstellte. Dazu verteilte die Firma großzügig die vermeintliche Fachzeitschrift Medical Tribune, gegründet und zum eigenen Vorteil betrieben von Arthur Sackler selbst.

Genau wie Valium, das unter den verschreibungspflichtigen Arzneien zur weltweit meistmissbrauchten avancierte, zeigte auch OxyContin bald unerfreuliche Nebenwirkungen. In strukturschwachen Regionen des amerikanischen Nordostens, etwa den ehemaligen Kohlebergbaugebieten von West Virginia, häuften sich Fälle von Missbrauch des Schmerzmittels. Die Polizei erfuhr von Abhängigen, die den Sicherheitsmechanismus auf denkbar simple Weise umgingen: Sie zerstampften die Tabletten oder lutschten die Ummantelung ab. Zurück blieb pures Oxycodon, das sie wahlweise schnupften oder spritzten. Alternativ ließen die Pillen sich einfach zerkauen.

Nicht Missbrauch, sondern die ordnungsgemäße Einnahme machte die Patienten süchtig

Der Missbrauch stellte, anders als Purdue behauptete, jedoch nicht die Ursache der Sucht dar: Tatsächlich trieb die ordnungsgemäße Einnahme von OxyContin nach ärztlicher Verschreibung viele Patienten überhaupt erst in die Abhängigkeit. Schuld daran hatte die Fehlangabe des Konzerns, dass eine Tablette den Schmerz für zwölf Stunden betäube. In Wahrheit ließ die Wirkung bereits nach acht Stunden nach und erzeugte damit eben jene fatale Unregelmäßigkeit in der Oxycodon-Zufuhr, deren Überwindung sich Purdue rühmte. Davon wusste das Unternehmen, wie interne Dokumente zeigen, schon vor der Zulassung von OxyContin.

Die Ausbreitung der Sucht bis in die Großstädte hinein, samt ihren verheerenden Folgen für ganze Familien und Gemeinden, schildert die 2018 erschienene Buchreportage "Dopesick" von Beth Macy, im vergangenen Oktober adaptiert als achtteilige Serie mit den Hollywoodstars Michael Keaton und Rosario Dawson (hierzulande über Disney abrufbar). Bei "Empire of Pain" wählt Patrick Radden Keefe einen komplementären Ansatz: Er betrauert nicht in erster Linie die Opfer, sondern zielt darauf ab, die Täter zur Verantwortung ziehen. Seine detailreiche Enthüllung des Skandals - einerseits Charakterstudie, andererseits Kriminalakte - erhielt 2021 den renommierten Baillie Gifford Preis für Non-Fiction.

Schon 2007 hatte ein Gericht in Virginia die betrügerische Kennzeichnung und Vermarktung von OxyContin verurteilt. Purdue akzeptierte zwar eine Strafzahlung von 600 Millionen Dollar, die Sacklers kamen aber ungeschoren davon. Dabei hatte sich Richard, der Neffe von Arthur, offiziell als Geschäftsführer zurückgezogen, die Kontrolle des Konzerns jedoch behalten. Wiederholt beklagten sich mittlere Angestellte ebenso wie Topmanager über seine fortgesetzte Einmischung ins operative Geschäft selbst am Wochenende und nach Mitternacht.

Auch dieses Agieren aus der zweiten Reihe hatte schon Arthur betrieben, der etwa lange seinen Namen aus dem Impressum des Medical Tribune heraushielt, "um die Dinge so machen zu können, wie ich will" - also Interessenkonflikte zu verschleiern. Keefe porträtiert ihn allerdings nicht nur als obskuren Betrüger, Egoisten und abwesenden Mann und Vater, er stellt auch sein Erfindergenie hervor, den Arbeitseifer, die Hartnäckigkeit und Bildung.

Als reicher Geschäftsmann in seinen Vierzigern entwickelte Arthur eine Sammelleidenschaft, die sich zur Obsession auswuchs und zur weltgrößten Privatsammlung von chinesischer Kunst führte. Teile dieser und seines Vermögens spendete Arthur Sackler an Museen und Universitäten, verbunden mit genauen Anweisungen zur Platzierung seines Namens. Das Metropolitan Museum in Manhattan weihte 1978 einen ganzen "Sackler-Flügel" ein. So wurde der Name zum Synonym für Philanthropie - was ja nur im ersten Moment ein Widerspruch ist zur Verschleierung geschäftlicher Beteiligungen.

Weniger glimpflich kommt Richard Sackler davon, der 1945 geborene Sohn von Arthurs jüngstem Bruder Raymond. Keefe attestiert ihm Intelligenz, aber maßlose Selbstüberschätzung und mangelnde Empathie. Besonders eindrücklich illustriert dies Richards interne Reaktion auf die frühe Nachricht, in einem einzigen Bundesstaat seien 59 Menschen an OxyContin gestorben: "Das ist nicht so schlimm. Es hätte viel schlimmer sein können." Statt auf Selbstkritik setzte Richard auf offensive PR-Strategien und Heerscharen von Anwälten, um Zweifel an seinem Produkt zu zerstreuen - auch nach dem Urteil von 2007.

Daten weisen darauf hin, dass der Missbrauch von Opioiden längst auch in Deutschland ein ernstes Problem ist

Zwar veränderte Purdue drei Jahre später OxyContin so, dass der Wirkstoff sich nicht länger extrahieren ließ. Doch dies schien eher wirtschaftlichen Motiven geschuldet als moralischer Einsicht: Das Patent lief aus. Als die Süchtigen in der Folge auf Heroin und Fentanyl umstiegen, sanken die Verkaufszahlen verdächtig. Die Sacklers suchten mit dem Unternehmen Mundipharma ihr Glück im globalen Geschäft und spülten OxyContin auf den chinesischen Markt - mit denselben Methoden wie in den USA. Vor einer Opioid-Abhängigkeit auch in Deutschland warnt im Nachwort zu "Dopesick" der Anästhesiologe Christoph Stein: Die Datenlage deute darauf hin, "dass der Verbrauch sowie der Missbrauch von Opioiden in den USA, Europa und anderen Regionen mittlerweile in einem vergleichbaren Ausmaß stattfindet".

Im September 2019 meldete Purdue Insolvenz an, nachdem die Sacklers sich Dividenden in zweistelliger Milliardenhöhe ausbezahlt hatten. Zuvor hatte die Generalstaatsanwältin von Massachusetts erstmals Richard und sieben andere Mitglieder der Familie persönlich angeklagt. Zwei Dutzend weitere Staaten schlossen sich an. Daraufhin entfernten zahlreiche Institutionen den Namen der Familie und akzeptierten keine Spenden mehr. Im Dezember kündigte das Metropolitan Museum in New York an, den "Sackler-Flügel" umzubenennen. Mitte Januar entfernte die Londoner Serpentine Gallery den Namen Sackler von seiner Fassade.

Wieder einmal schien die Familie jedoch zu entkommen: Mit ihren Klägern einigten sich die Sacklers im vergangenen Herbst auf eine Zahlung von 4,5 Milliarden Dollar und Immunität gegen weitere Strafverfolgung. Kurz vor Weihnachten kippte jedoch ein New Yorker Gericht diesen Deal: Nicht alle Kläger seien einverstanden. Weder die Höhe der Strafzahlung noch der Freispruch reflektierten die Schuld der Sacklers angemessen. Die Familie will dagegen Einspruch einlegen.

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