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Sachs und Celan:Vor uns in der blauen Luft

Nelly Sachs

Nelly Sachs im Jahr 1966, in dem sie den Literaturnobelpreis erhielt.

(Foto: Roland Witschel/picture alliance)

Vor fünfzig Jahren starb die Dichterin Nelly Sachs.

Von Marie Schmidt

Als sich Nelly Sachs und Paul Celan am 25. Mai 1960 zum ersten Mal trafen, standen ihnen beiden große Ehrungen bevor, und beide standen am Rand lebensgefährlicher Krisen. Celan wusste schon, dass man ihm in dem Jahr den Büchner-Preis verleihen würde, war aber in eine Plagiatsaffäre verwickelt, durch die er sich antisemitischen Stereotypen ausgesetzt und von Freunden verraten sah. Sachs, die seit ihrer Flucht nach Schweden im Jahr 1940 nicht in Deutschland gewesen war, reiste gerade zur Verleihung des Droste-Preises nach Meersburg, 1961 wird dann ein Literaturpreis mit ihrem Namen gegründet, 1965 bekommt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1966 den Literaturnobelpreis. Aber gerade da verdichtet sich die Erfahrung, verfolgt worden zu sein und die Wahrnehmung der Verdrängung der Nazizeit in Deutschland zu einer psychischen Erkrankung, die sie in die Nervenklinik von Beckomberga bei Stockholm bringt.

Die beiden aus jüdischen Familien stammenden Dichter unterschiedlicher Generationen fühlten sich in ihrer Verpflichtung, mit ihren Gedichten für die Ermordeten der Schoah Zeugnis abzulegen, verschwistert. Aber auch im Schmerz des Überlebt-Habens. "Wir Geretteten", heißt es in einem Gedicht aus Nelly Sachs' Band "In den Wohnungen des Todes" (1947), "Immer noch hängen die Schlingen für unsere Hälse gedreht/ Vor uns in der blauen Luft".

Im Juni 1960 besuchte Nelly Sachs die Familie Celan in Paris. Ihre Biografen, namentlich Gabriele Fritsch-Vivié und Aris Fioretos, beschreiben es so, dass Celans Hinweise auf die Ablehnung, die er in der Öffentlichkeit spürte, ihre paranoiden Gedanken verstärkte. Im August fuhr Celan nach Stockholm, um die kranke Sachs zu besuchen. Es ist nicht klar, ob er sie sehen konnte. "Über aller dieser deiner/Trauer: kein/zweiter Himmel", heißt es in einem Gedicht. Ihre Verbindung konnte nicht verhindern, dass sie auch voneinander enttäuscht waren. "Von der Ehemaligen gnaden/wurde sie zur/schlechthinnigen Jüdin", schrieb Celan in einem finsteren Moment über Sachs' Erfolg in Deutschland.

Für die Dichtung nach der Schoah ist die Beziehung dieser beiden Dichter so bezeichnend, dass es verwunderlich ist, dass in diesem Jahr nicht mehr darüber zu hören ist, in dem so viel über Celan geschrieben wird. Denn sein Todesjahr ist auch das von Nelly Sachs. Als sie 197o im Sterben lag, berichtete ihr eine Besucherin vom Suizid Celans. Kurz darauf, am 12. Mai, starb sie.

© SZ vom 12.05.2020

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