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Sachbücher zum Lernen und Spielen:Geheimnis Weltall

Zwei Bücher zu einem spannenden Forschungsthema. Eins, mit einem wissenschaftlichen Anspruch für Jugendliche und eins für Jüngere, mit Klappen und Spielelementen.

Von Helmut Hornung

Plötzlich steckt der Mond fest. Er lässt sich auf seiner Bahn um die Erde keinen Millimeter bewegen. Mit Fingerspitzengefühl und Geduld gelingt es uns schließlich, den Trabanten behutsam freizuruckeln und vorsichtig um unseren Planeten zu drehen. Nach ein paar Sekunden schaffen wir einen vollen Umlauf. Mein Sohn ist zwar ein wenig beunruhigt ("Was ist, wenn der Mond in echt mal stecken bleibt?"), versteht aber sofort, dass wir eben mit der Zeit gespielt und einen Monat nachgestellt haben.

Nun bugsieren wir auch noch die Erde einmal um die gelbe Pappsonne und schaffen auf diese Weise innerhalb weniger Sekunden ein ganzes Jahr. Fasziniert lesen wir, dass unsere Heimat im All mit 108 000 Kilometern pro Stunde um das Zentralgestirn rast, hundertfach schneller als ein Linienflugzeug. Dieses sowie ein halbes Dutzend weitere Experimente finden sich im Sachbilderbuch "Rund um die Sonne" von Patricia Geis. Wer damit in Gedanken an Bord einer Rakete das Universum entdecken will, muss klappen, ziehen oder drehen.

Auf diese Weise "begreifen" junge Sternforscher spielerisch die Jahreszeiten, Sonnen- und Mondfinsternisse oder das Planetensystem. Hingegen taugt die herausnehmbare runde Sternkarte als Navigationshilfe für eigene Exkursion über das Firmament eher wenig; die abgebildeten Konstellationen lassen sich für den Anfänger nur schwer den "Livebildern" zuordnen. Aber das Buch mit den reduzierten Illustrationen und den eingängigen Texten setzt viele Anreize, sich näher mit den Geheimnissen des Kosmos zu befassen. (ab 6 Jahre)

Ausreichend Gelegenheit dazu bietet der ebenfalls im Gerstenberg Verlag erschienene Titel "Das Weltall". Jan Paul Schutten begleitet Jugendliche und Erwachsene kompetent und mit einem charmanten Augenzwinkern durch den Kosmos. Seine Erforschung erlebt gegenwärtig eine Blütezeit. Allein in den vergangenen vier Jahren wurden drei Physik-Nobelpreise für astronomische Entdeckungen verliehen, etwa für den Nachweis von Gravitationswellen, die das Universum erbeben lassen und deren Entdeckung am 14. September 2015 Wissenschaftsgeschichte geschrieben hat.

Schutten beschreibt diese Kräuselungen der Raumzeit mit einem "Uwwwüüp" - was in der Tat recht gut das ins Akustische übersetzte Signal der Welle wiedergibt, als diese damals ins Netz der irdischen Detektoren ging. Der Ursprung des komischen Zitterns klingt wie Science-Fiction: Vor 1,3 Milliarden Jahren kreisten zwei Schwarze Löcher in einem wilden Tanz umeinander - mit derselben Geschwindigkeit, mit der sich die Messer eines Mixers drehen. Schließlich verschmolzen die beiden Massemonster zu einem einzigen, und für einen Augenblick war ihre Strahlung stärker als die aller Sterne aus dem gesamten Weltall zusammen.

Solche anschaulichen Vergleiche bleiben im Gedächtnis des Lesers hängen und machen ihn staunen über fantastische Ereignisse. So erzählt der Autor von explodierenden Sternen ebenso wie von den Kräften, die die Welt im Innersten zusammenhalten. Man erfährt Wissenswertes über Dunkle Energie und Dunkle Materie, die insgesamt rund 95 Prozent des Alls ausmachen, deren Natur jedoch bis heute völlig rätselhaft ist. Man lernt das physikalische Gedankengebäude von Albert Einstein kennen. Und man wundert sich über ein berühmtes Experiment der Quantenmechanik, in dem sich Lichtteilchen (oder -wellen?) so verhalten, "als würde ein Auto gleichzeitig durch zwei Tunnel fahren und im Anschluss auf sich selbst prallen".

Der Untertitel des Buchs "Das Geheimnis, wie aus nichts etwas wurde", weist auf eine zentrale philosophische Frage. Im Versuch einer Antwort hat Jan Paul Schutten eine beachtliche Fülle an Fakten zusammengetragen. Eigentlich ist es "Hardcore-Wissenschaft", visuell unterstützt durch die witzigen Illustrationen von Floor Rieder. Doch das geschieht mit solcher Leichtigkeit, dass man gar nicht merkt, wie man von Seite zu Seite ein klein wenig schlauer wird. Übrigens trägt das Vorwort den kuriosen Titel "3 Gründe, dieses Buch nicht anzuzünden". In der Tat gibt es viel mehr Gründe, es zu lesen.

Jan Paul Schutten: Das Weltall oder Das Geheimnis, wie aus nichts etwas wurde. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer. Mit Ill. von Floor Rieder. Gerstenberg, 2021. 160 Seiten, 26 Euro.

Patricia Geis: Rund um die Sonne. Das Weltall zum Staunen und Entdecken. Mit Klappen, Spielelementen, Sternkarte. Gerstenberg 2021. 10 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 29.01.2021
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