Sachbuch zur Zeitgeschichte Als die Deutschen Türken waren

Die Geschichte vom Ein- und Auswanderungsland Deutschland erinnert daran, dass immer schon viele Menschen ein- und ausgewandert sind.

Von Heribert Prantl

Es gab eine Zeit, da waren die Deutschen die Türken der USA. Das ist 160 Jahre her. New York war damals, nach Berlin und Wien, die Stadt mit den meisten deutschsprachigen Menschen. Jahr für Jahr wanderten gut hunderttausend Deutsche in den USA ein, 1854 waren es 215 000. Sie taten sich schwer mit der Integration, blieben am liebsten unter sich: Sie bauten sich ihre eigenen Kirchen, hatten ihre eigenen Pfarrer, kauften in deutschen Geschäften und setzten sich gern in den Biergarten, zumal am Sonntag. Den eingesessenen Puritanern, die den Tag des Herrn fromm und leise zum Bibellesen nutzten, gefiel das nicht. Die Streitpunkte damals waren nicht das Kopftuch und nicht das Schächten. Aber der Sammelvorwurf gegen die Deutschen lautete genauso wie heute gegen die Migranten in Deutschland: Die integrieren sich nicht, bleiben unter sich, bilden Parallelgesellschaften.

Es gibt zu wenig Erinnerung daran. Das Jugendsachbuch von Jochen Oltmer und Nikolaus Barbian hilft diesem Missstand ab. Es berichtet vom Ein- und Auswanderungsland Deutschland. Die deutsche Auswanderung nach Amerika zum Beispiel ist voller Abenteuer, die vergessen wurden und nur in den Familienerzählungen über den reichen Onkel in Amerika weiterlebten. Aber auch der reiche Onkel stand nicht mehr hoch im Kurs, als sich die Deutschen im Wirtschaftswunderland der späten Adenauer-Zeit aufmachten, selbst wohlhabend zu werden. Ein Land, das sich selber sein Wunder schuf, brauchte keinen reichen US-Onkel mehr. Und so starb auch dieser Rest von Erinnerung an die deutsche Auswanderung, spielte so wenig eine Rolle, wie die Geschichte der Einwanderung eine Rolle spielt. Das merkt man auch der deutschen Politik an.

Dieses Jugendbuch packt daher unendlich viel Geschichte auf 120 kraftvoll bebilderte Seiten. Es schreibt von den Ruhrpolen, die in den deutschen Zechen gearbeitet haben, es berichtet von der antipolnischen Ausländerpolitik der Kaiserzeit. Es schreibt von den "Schwabenkindern" aus Vorarlberg und Tirol, die bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein als billige Arbeitskräfte auf schwäbischen Bauernhöfen ackern und rackern mussten. Es schreibt von den Zwangsarbeitern und den Kriegsgefangen, von Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg, von den Anwerbeabkommen der Sechzigerjahre und den Gastarbeitern - bis dann 2005 endlich das Zuwanderungsgesetz kam, das mit seinem richtigen Titel "Gesetz zur Steuerung und Begrenzung der Zuwanderung und zur Regelung des Aufenthalts und der Integration von Unionsbürgern und Ausländern" heißt. Glücklicherweise ist das verdienstvolle Buch nicht ganz so sperrig wie dieser Gesetzestitel. Aber so packend, wie es sein könnte, ist es auch nicht. Es liest sich bisweilen komisch holprig ("Deutschland war zwar nun eine Demokratie und wegen der Niederlage im Krieg auch keine Großmacht mehr"), gelegentlich anwanzerisch ("Hast du einen Onkel in Amerika? Nein? Aber wusstest du ...?"), manchmal zeigefingrig. Aber meist hat es einfach recht: "Migration wird oft nur als Problem behandelt. Die unzähligen Erfolgsgeschichten tauchen zu wenig auf."

Die Autoren des Buches sind Kenner der Materie: Jochen Oltmer ist Professor für Migrationsgeschichte, Nikolaus Barbian Deutsch- und Geschichtslehrer. Für den Unterricht eignet sich ihr Buch wunderbar. Noch besser wäre es, man könnte es sich auch unters Kopfkissen legen. Der Stoff gäbe das her. (ab 13 Jahre und Erwachsene)

Jochen Oltmer, Nikolaus Barbian: Ein Blick in die deutsche Geschichte. Vom Ein- und Auswandern. Mit Illustrationen von Christine Rösch. Jacoby & Stuart, Berlin 2016. 128 Seiten, 19,95 Euro.