bedeckt München 25°

Sachbuch:Ganz normale Jungen

2015 ermordeten Islamisten zwanzig koptische Wanderarbeiter und einen Ghanaer. Der Schriftsteller Martin Mosebach hat die Familien der Ermordeten im Dorf El-Or besucht.

Am 15. Februar 2015 schnitten 21 islamistische Mörder an der libyschen Mittelmeerküste bei Sirte zwanzig koptischen Wanderarbeitern und einem Ghanaer die Köpfe ab. Sie filmten ihre Tat, mit der sie Ägypten in den libyschen Krieg hineinziehen wollten, und stellten das Video ins Netz. Mit seinem Buch "Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer" will nun der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach die Namen und das Geschick dieser Männer vor dem Vergessen bewahren. Unvergessen sind sie unterdessen in Ägypten selbst: Sie wurden bereits eine Woche nach der Tat von Tawadros II., dem koptisch-orthodoxen Papst-Patriarchen, in das Verzeichnis der Märtyrer der koptischen Kirche aufgenommen.

Das Dokumentieren von Erlebtem und das Dozieren gehören hier zusammen

Die Kopten, die Ureinwohner Ägyptens, bilden heute eine christliche Minderheit, die hauptsächlich im Süden Ägyptens lebt, in oft bedrohten Verhältnissen. Ausgangspunkt des Bandes ist eine Reise nach Ägypten, die Martin Mosebach im vergangenen Jahr auf den Spuren der Ermordeten unternahm. Er lernte dabei die Familien der Märtyrer kennen, hatte Kontakt zum Klerus vor Ort wie auch zu den Seelsorgern, die Wanderarbeiter betreuen. Vorangetrieben auf seiner Reise in die ägyptische Provinz wird der Autor durch die Frage, welchen Glauben die Wanderarbeiter besessen haben mussten, um in den 43 Tagen ihrer Gefangenschaft bis zu ihrem Tode dem Druck zur Konversion widerstehen und beim Bekenntnis des Christseins zu bleiben - und welche Gestalt ihre Kirche besitzen muss.

Einen Reisebericht kann man Mosebachs Werk deswegen nicht nennen, da das Dokumentarische im engeren Sinn nur etwa die Hälfte des Buches ausmacht. Mosebach selbst bekennt, ein schlechter Reporter zu sein. Ihm fehle die Hemmungslosigkeit, die diesem Berufsstand eigne. Deshalb habe er in den Häusern der Familien der Märtyrer nicht alle denkbaren Fragen stellen können. Es bleibt indessen spürbar, dass der Autor den Schleier, der für den Fremden vor dieser Welt liegen muss - einen Schleier, der vor allem aus der Konvention von Aussagen über das eigene Dasein und Lobsprüchen besteht - nicht zu durchdringen vermochte. Die Recherche macht im Grunde halt bei der Auskunft des Gemeindepfarrers, die Ermordeten seien "ganz normale Jungen" gewesen. Der Rest besteht aus Fragezeichen.

zu dem BuchMartin Mosebach, "Die 21"; zu dem BuchMartin Mosebach, "Die 21" (!!! ONLINE nur in NICHT-downloadbaren Dateigrößen !!!!)

Gaber Mounir Adly, geboren am 25. Januar 1992, gestorben am 15. Februar 2015, umrahmt von den anderen am Strand bei Sirte Getöteten. Seine Mutter „bekannte ganz ausdrücklich ihre Dankbarkeit, dass sie einen Martyrer-Sohn habe“.

(Foto: Rowohlt)

Die stärksten Stellen im Buch dieses Reporters bleiben die Passagen, in denen er bei der Schilderung von Begegnungen und bei seinem inneren Dialog mit dieser fernen und gleichzeitig nahen Welt bleibt. Sobald er sich vom Konkreten entfernt, gerät er ins Dozieren. Dann erteilt er Nachhilfe in Kirchengeschichte und hält Vorlesungen in vergleichender Liturgiewissenschaft. Dabei wäre es doch gerade bei der koptischen Liturgie vielleicht eher auf das Erleben und auf die Vermittlung durch einen Mystagogen angekommen.

zu dem BuchMartin Mosebach, "Die 21"

Martin Mosebach: Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018. 272 Seiten, 20 Euro. E-Book 16,99 Euro.

Das Dokumentieren von Erlebtem und das Dozieren gehören bei Mosebach zusammen. Allerdings wünschte sich der Leser, es wären die Gedankenfäden unauffälliger in den Teppich der Erscheinungen gewebt. Zudem hätte es ein unabhängiger Leser gerne, der Autor würde ihm die Freiheit lassen, zu eigenen Schlüssen zu gelangen. So aber verliert sich die Strenge des Vortrags bei Mosebach nur gelegentlich, zum Beispiel wenn eine "Empfangsdame mit blondgefärbtem offenen Haar und in engen Jeans" den leicht irritierten pilgernden Reporter zum Bischof hinaufgeleitet. Allerdings fragt der Autor sich auch bei dieser Erscheinung, ob sie "programmatisch" gemeint sei, da der betreffende Metropolit ein "heftig diskutiertes Buch über die Rolle der Frau in der Kirche" geschrieben habe. Über dieses Werk erfährt der neugierig gemachte Leser dann aber nichts, was Zweifel an der Vertrautheit des Autors mit den Spannungen innerhalb der koptischen Kirche weckt.

Was übrigens zu tun sei, wenn das Auge zur Sünde reize, lehrt Simon der Gerber, ein Heiliger des 10. Jahrhunderts, der Schutzheiliger für die koptische Müllarbeitersiedlung am Mokattam-Gebirge im Südosten Kairos ist. Man nennt ihn auch den "Einäugigen", denn er nahm Matthäus 5,29 wörtlich und riss sich ein Auge aus.

Der Augenkitzel mag als Indiz dafür stehen, dass sich der Autor das bereiste Land vor allem ästhetisch erschließt. Er stört sich am Abriss des traditionellen, aus Lehmziegeln erbauten ägyptischen Dorfes, das durch Betonständerbauten ersetzt wurde. Es irritieren ihn monströse Kirchenbauten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und er ärgert sich über den Müll, der wegen der fehlenden Nilschwelle nicht entsorgt wird.

Mosebach billigt die unbedingte Autorität, die koptische Bischöfe genießen

Gestreichelt wird sein Auge hingegen durch die wohlgeordnete Welt des modernen kirchlichen Zentrums mit Kathedrale, Gymnasium, Gästehaus, Klinik und Bischofsresidenz in Samalout. Er freut sich über einen sorgfältig renovierten Kirchenraum des Klosters Schahid Todrus el-Mahareb (St. Theodor der Krieger). Ein optischer Reiz hatte denn auch sein Interesse am Thema ausgelöst: ein Porträtfoto auf dem Cover einer Zeitschrift, das dem besagten Video entnommen wurde und Kyriollos Boushra Fawzy zeigt, einen zur Zeit seiner Ermordung 23 Jahre alt Wanderarbeiter. Porträtfotos der "21", die zwischen den Kapiteln stehen, sind ein wesentlicher Bestandteil des Bandes. Sie wurden zum größeren Teil am Bildschirm zu Heiligenbildern umgestaltet, wobei jedem Bekenner, der jetzt ein weißes Gewand und eine Krone trägt, Jesus zugesellt wird. Nur beim Foto des Ghanaers Matthew wurde auf das IS-Video zurückgegriffen.

Zu welchen Gedanken Mosebach den zeitgeschichtlichen Stoff erhebt, darüber gibt eine doppelte Einführung Auskunft, die dem Abstieg in die oberägyptische Provinz vorausgeschickt wird. Die erste Einführung besteht aus einem Manifest, das - hier verschlägt es dem Leser die Sprache - eine Fortsetzung der Videobotschaft des IS-Sprechers in einer Art prophetischer Gerichtsrede darstellt. Es richtet sich an den westlichen Menschen, der auf seine ökonomische Überlegenheit und auf seine Verhandlungstaktik setze und glaube, alle Gewissheiten in "endlosen Gesprächen" zerreden zu können. Ihm werde die Hoheit des Schreckens gezeigt, angesichts dessen aller Glanz und Reichtum schon jetzt nur noch ein Schatten sei.

Im zweiten Anlauf erfährt man den Grund des Interesses an den Märtyrern. Mosebach ist fasziniert von der Möglichkeit, im Martyrium ein Lotterleben mit einer einzigen Tat, dem letztgültigen Bekenntnis, eindeutig zum Guten zu wenden.

Mosebach übernimmt, was ihm kein Kirchenhistoriker durchgehen lassen würde: nämlich das Selbstbild der koptisch-orthodoxen Kirche. Sie lebe ein "aus der apostolischen Frühzeit getreu bewahrtes Christentum". Doch ist ihr Wiedererwachen im 19. Jahrhundert nicht ohne die Begegnung mit der protestantischen Mission denkbar. Mosebach erwähnt zwar, dass diese Mission Schulen und Krankenhäuser baute, und er lässt auch nicht unbeachtet, dass das koptische Klosterleben einem Wandel unterworfen ist: Einen "westlich-benediktinischen Geist" spürt er einziehen, da die Klöster jetzt nicht mehr nur Orte der Stille und des Gebets, sondern "Zentren von Kultur und Entwicklung" seien. Den Gedanken an das "getreu bewahrte Christentum" der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt relativiert er deswegen nicht.

Mosebach billigt zudem die unbedingte Autorität, die koptische Bischöfe genießen, gleichgültig, ob sie asketisch oder in weltlichem Prunk leben. Solange der Bischof segnen könne, übe er das Bischofsamt aus - darin sieht Mosebach die Überlegenheit der koptischen Kirche gegenüber westlichen Formen des Glaubens. Vorbildlich ist für ihn auf der anderen Seite die Religiosität der Laien. Diese äußere sich nicht nur in der aktiven Teilnahme an den Gottesdiensten - sechs der Märtyrer waren in dem Chor, der die koptische Liturgie trägt, als ordinierte Hymnensänger tätig. Sie mache sich darüber hinaus im häuslichen Reliquienkult geltend, in den Erzählungen von den Wundern, welche die neuen Heiligen bereits ausgerichtet haben sollen, und einem Hymnus auf die Märtyrer, der den Autor an die Gesänge der Sufis erinnert. Diese Laien, so Mosebach, wollten bewusst am Koptischen und Griechischen in der Liturgie festhalten, auch wenn die gesamte Umgebung arabisch spricht.

Vielleicht könnte "die ägyptische Kirche zur Heilung des Landes etwas beitragen"

Hierin sieht Mosebach sein Plädoyer für das Primat des Mysteriums in der Liturgie bestätigt, wider alle Ansprüche auf Verständlichkeit. Vorbildlich findet Mosebach auch das praktische Festhalten am Exorzismus, das einem wörtlichen Verständnis der Bibel entspreche, im Gegensatz zu einer aufs Symbolische ausweichenden Schriftauslegung im Westen - der einäugige Simon dürfte ein Beispiel liefern, das nicht viele Leser Mosebachs für sich selbst akzeptieren könnten.

Der Autor traut der koptischen Kirche allerhand zu: In einem Land, das nur durch "die Gewaltbereitschaft des neuen Herrscher-Generals al-Sisi" zusammengehalten werde und das in einem "verhohlenen Bürgerkrieg" lebe, könnte "die ägyptische Kirche zur Heilung des Landes etwas beitragen". Wie soll das gehen, wenn die wichtigste Wochenendbeschäftigung der Kopten die Wallfahrt zu den Klöstern ist, wo sie den Druck der islamischen Mehrheit vergessen und unter sich sein können? Allerdings zielen Mosebachs Absichten weit höher. Er will über den Westen Gericht halten, ihm das Vorbild der koptisch-orthodoxen Kirche als Heilmittel empfehlen. Ohne erhebliche Verkürzungen, ja Widersprüche kann dieses Vorhaben nicht gelingen - ganz abgesehen davon, dass es das reine Dogma in einer aufgeklärten Welt schwer haben dürfte, aus gutem Grund.

Der Autor verfasste eine Dissertation über das koptische "Buch der Auferstehung" und habilitierte sich mit einer Arbeit über das frühchristliche "Buch der Stufen". Er lehrt Ältere Kirchengeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg und arbeitet als evangelischer Pfarrer in Hof.

Leseprobe
© SZ vom 19.02.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite