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Sachbuch:Die Stoppuhr kann das Glück nicht zählen

Illustration aus Kathrin Köller/Irmela Schautz das Buch der Zeit

Schmerz- und Glücksempfindungen entziehen sich jeder exakten Messung. Das vielschichtige "Buch der Zeit" erkundet die Dichte des subjektiven Erlebens.

Weshalb scheint Schmerz endlos zu dauern, auch wenn der Zahnarzt nur sekundenlang bohrt? Dagegen wirkt jeder Moment von Glück so kurz, dass wir Faust verstehen, wenn er sagt: "Verweile doch, du bist so schön!" Schmerz- und Glücksempfindungen entziehen sich jeder exakten Messung. Die Stoppuhr kann nur eine jeweils zählbare Zeitmenge feststellen. Schon Augustinus antwortete auf die Grundfrage, was denn Zeit an sich sei, mit dem schönen Paradoxon: "Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemandem auf seine Frage hin erklären will, weiß ich es nicht." Das "Buch der Zeit" von Kathrin Köller und der Illustratorin Irmela Schautz behält erfreulicherweise diese unauflösbare Ambivalenz bei. So erzählen sie anschaulich von den unterschiedlichen Versuchen in der Menschheitsgeschichte, der Zeit auf alle nur denkbaren Weisen habhaft zu werden, von den alten Babyloniern und Ägyptern bis hin zu Stephen Hawking. Doch vergessen die Autorinnen nicht, dass subjektive Erlebnisdichte so gut wie nie der objektiv gemessenen Zeit entspricht. Dabei gelingt es ihnen, komplexe Systeme wie den Kalender der Maya oder das Schiffschronometer unterhaltsam zu erklären, wobei die unaufdringlich instrumentierte Bildgestaltung entscheidenden Anteil hat.

Das Buch besitzt auch den angenehmen Vorteil, dass es so gut wie überall aufgeschlagen werden kann, und schon beginnt das Einsteigen in die Zeitmessung etwa in der Antike oder bei Einstein. Natürlich wird das immer attraktive Motiv der Zeitreise ebenso wenig vergessen wie die Erfahrungen von Astro- und Kosmonauten.

Vergnüglich auch, was sich Philosophen und Künstler wie Platon oder Leonardo da Vinci an rauen Wecktechniken ausdachten. Dass der problematische Spruch, Zeit sei Geld, dann zur maximalen Kontrolle von Fließbandarbeitern benutzt wurde oder heute die Mitarbeiter digital zeiterfasst werden, wird nicht verschwiegen. Am Ende landen wir in der Tiefe des Raums, wo sich Weiße Zwerge und Schwarze Löcher herumtreiben, und denken über die Fragen nach, was vor dem Urknall war und was in der Zukunft los sein könnte.

Kathrin Köller: Das Buch der Zeit. Mit Illustrationen von Irmela Schautz. Prestel Verlag, München 2019. 103 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 03.01.2020
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