Sachbuch Anleitung zur ironisch-distanzierten Kanzlerinnenverehrung

Den Ausnahmezustand nutzen - die Schattierungen der politischen Karriere von Angela Merkel.

(Foto: Reuters)

Eine Ex-Piratin als Merkel-Versteherin: Julia Schramm sieht sich als antideutsche Linke. Und hat ein Buch über die "Fifty Shades of Merkel" geschrieben.

Buchkritik von Meredith Haaf

Merkel-Deuten ist in Deutschland ja ein Volkssport. Die dämlichen Spitznamen, die man sich über die Jahre für die Kanzlerin ausgedacht hat - "Teflonkanzlerin", "Eiskönigin", "Mutti" - zeigen, wie groß die Sehnsucht ist, die Regierungschefin als verstehbar zu kennzeichnen - und wie unerfüllbar.

Von wütenden Rassisten wird sie als "Volksverräterin" gebrandmarkt, obwohl sie als Bundeskanzlerin seit zehn Jahren ziemlich geradeaus und höchst erfolgreich wirtschafts- und machtpolitische Hegemonialinteressen Deutschlands in Europa verfolgt. Gerade im Zusammenhang mit ihrer Griechenlandpolitik wurde ihr das im vergangenen Jahr von vielen Kritikern auch heftig vorgeworfen. Doch seit ihrem "Wir schaffen das" im Spätsommer 2015 scheint - bei aller Polarisierung in den Wahlkabinen - der Kanzlerinnen-Konsens auch im letzten hinterlinken Eck angekommen zu sein.

In linksliberalen Online-Filterblasen, in zahlreichen flüchtlings- und einwanderungsfreundlichen Veröffentlichungen und sogar per Online-Petition, "Danke, Dr. Angela Merkel", wird die Politikerin, die vor wenigen Jahren unumwunden erklärte, dass "Multikulti total gescheitert" sei, für ihre Vernunft, Empathie und Weitsicht nicht nur gelobt, sondern - vielleicht erstmals in ihrer Karriere - aufrichtig geliebt. Wenn ihr nicht gerade liebenswürdiger Einfach-Drüber-Regier-Stil in der Sache Böhmermann nun vielen als Kuschen vor dem "Sultan aus Ankara" übel aufstößt, ist das nur ein weiterer Beleg für die mittlerweile hochintensive Bindung des Selbstbildes der Bevölkerung an die Bundeskanzlerin.

Julia Schramm galt einmal als Skandalnudel des politischen Betriebs

Diese öffentliche Stimmung ist in ihrer extremen Qualität und personalen Fixierung dermaßen deutsch, dass man zunehmend versucht ist, die These vom Sonderweg doch wieder aus der Mottenkiste zu holen. Und so ist es auch ein Spezifikum Deutschlands im Jahr 2016, dass eine selbst-erklärte antideutsche Linke wie die Autorin Julia Schramm (also eine, die sich am linken Flügel der Linken verortet) mit einer ironisch-distanzierten Fibel einer sozialdemokratischen Unionspolitikerin huldigt.

Einer der schönsten Essays in diesem Buch trägt dabei die Überschrift "Uckermark". Schramm beschreibt erst in schlichten Sätzen die Landschaft der Region, in der die Bundeskanzlerin bekanntlich ein Ferienhaus besitzt. Dann erzählt sie vom sogenannten Kartoffelbefehl des Alten Fritzen und sinniert über den abschätzigen Gebrauch des Wortes "Kartoffel" für "typisch deutsch" im Sinne von "Ey guck ma, voll peinlich die Kartoffel, Alter".