Saburo Teshigawara im Porträt:Hinter den Spiegeln

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Saburo Teshigawara im Porträt: Der Tänzer und Choreograf Saburo Teshigawara (r.) mit seiner Partnerin Rihoko Sato in seiner eigenen Version von Strawinskys Jahrmarkts-Ballett "Petruschka".

Der Tänzer und Choreograf Saburo Teshigawara (r.) mit seiner Partnerin Rihoko Sato in seiner eigenen Version von Strawinskys Jahrmarkts-Ballett "Petruschka".

(Foto: Andrea Avezzù/La Biennale di Venezia)

Der japanische Choreograf Saburo Teshigawara erkundet im Tanz, was uns Menschen ausmacht. Soeben hat er in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhalten. Eine Begegnung.

Von Dorion Weickmann

Alles wie gehabt. Über die Brücken und Plätze im Herzen Venedigs schlängeln sich Touristenströme. Wer kann, flüchtet in weniger belagerte Stadtteile und aus der Mittagshitze unter den Sonnenschirm einer Osteria. Der Campo do Pozzi hinter dem Arsenale-Gelände, Schauplatz der Kunst- wie der Tanzbiennale, ist eine dieser Oasen: Treffpunkt für ein Gespräch mit Saburo Teshigawara, Tänzer, Choreograf und soeben mit dem Goldenen Löwen der Biennale Danza für sein Lebenswerk geehrt.

Der japanische Künstler hat dem Treffen zugestimmt, ausnahmsweise. Eine knappe Stunde, dann wird ihn das Wassertaxi zum Flughafen bringen, zusammen mit seiner Bühnen- und Lebensgefährtin Rihoko Sato. Sie hat auf dem Flechtstuhl neben ihm Platz genommen. Ganz in Schwarz, er trägt Weiß. Am Vorabend haben sie das Teatro Malibran bespielt, mit Igor Strawinskys Jahrmarkts-Ballett "Petruschka", in dem Marionetten zum Leben erwachen: Teshigawara als einsame Gliederpuppe, Sato im Habit der angebeteten Ballerina.

Saburo Teshigawara im Porträt: "Ich reorganisiere Bewegung": Saburo Teshigawara

"Ich reorganisiere Bewegung": Saburo Teshigawara

(Foto: Akihito Abe)

Etwas huschte durch den Lichtkegel, hetzte durchs Geviert. Scheinbar orientierungslos jagte die Gestalt dahin. Tauchte urplötzlich aus dem Stockfinsteren auf. Verschwand rasch wieder darin. Stand kerzengerade in der milchigen Schneise, die der Schweinwerfer von oben auf die Bühne zirkelte. Ganze Passagen der "Petruschka"-Partitur rauschten im Off, bis der Raum sich schlagartig weitete. Rechterhand rastern rote und blaue Vierecke die Guckkastenwände, links gähnte ein schwarzes Nirwana. Eine Frau schälte sich daraus hervor, erst rot, dann schwarz-weiß, dann grellgelb kostümiert. Für Momente teilte sie Petruschkas Gefängnis: als fixe Idee, Idol und wahnhafte Reflektion seiner Sehnsucht. Nie entkam der Gefangene der Isolation. Mit dem Kopf hämmerte er gegen die Wand, während der Körper von den Armen mit- und fortgerissen wurde. Die Füße wirbelten über Lichtquadrate hinweg, torkelten in Düsterzonen hinein. Während die Silhouette sich zu verflüssigen schien. Bis irgendeine Schicksalsmacht alles in Stillstand versetzte. Der Mann hob die Hand, zerfetzte die Silikonmembran, die gerade noch sein Antlitz bedeckte. Ecce homo.

"Teshigawara ist ein Pionier, einer der kein Risiko scheut"

Im Parkett des Malibran saßen Venedigs Honoratioren, vom Bürgermeister bis zum Marinekommandanten in Parade-Uniform. Alles schwitzte, alles staunte. Über Teshigawaras "Petruschka", der etliche Brüder hat. Zum Beispiel Dostojewskis "Idioten" oder Schönbergs "Pierrot Lunaire". Figuren, die Teshigawara irgendwann im Lauf seiner bald vierzigjährigen Karriere ins Theater gezaubert hatte. Mit der Magie eines Minimalisten, der nur eine Mission kennt: die Essenz des Menschlichen zu offenbaren.

Die Strahlkraft seiner Inszenierungen entsteht aus dem nahtlosen Zusammenspiel von Licht, Bühne, Musik, Körper und Bewegung. Das fasziniert seit Langem die Welt, zum Beispiel auch den britischen It- und Hit-Choreografen Wayne McGregor, quasi nebenamtlich Direktor des Festivals in Venedig: "Teshigawara ist ein Pionier, einer der kein Risiko scheut", sagt er über den Preisträger, den er selbst gekürt und an den Anfang eines wahren Wundertütenprogramms gepackt hat. Teshigawaras filigrane "Petruschka"-Studie besticht als Auftakt nach Maß, vor allem jedoch als Gesamtkunstwerk, das an die legendären Erfinder der Kunstfusion erinnert, die in Venedig starben: Richard Wagner und Sergej Diaghilew, der Impresario der Ballets Russes, der "Petruschka" 1911 aus der Taufe hob und wie Strawinsky auf der Toteninsel San Michele begraben liegt.

Teshigawara sagt jetzt hier in Venedig: "All das spielt natürlich eine Rolle für mich." Er kennt Europa und die Kultur des Westens und ist trotzdem ein Fremder geblieben. Obwohl er von München über Paris bis Stockholm für viele erstklassige Ballettkompanien gearbeitet hat, verkehrt er nicht in der globalen VIP-Lounge des Tanzes. Stattdessen tut der bald Siebzigjährige - "demnächst bekomme ich doch wirklich eine staatliche Pension, unfassbar" -, was er sich erst seit seinem dreißigsten Lebensjahr zutraut: "Neues schaffen, immer wieder." 1953 geboren, kam Teshigawara als Jugendlicher zum Tanz. Zehn Jahre Lehrzeit, dann begann er zu choreografieren und holte auf Anhieb eine Auszeichnung beim Wettbewerb von Bagnolet: "Allerdings nur den zweiten Platz, weil ich angeblich zu viel improvisiere." Ein Begriff, den er meidet. Er sagt: "Ich reorganisiere Bewegung, in jeder Aufführung, in jeder Sekunde. Lichtregie und Raum setzen den Rahmen. Dennoch ist alles im Fluss."

Diese Botschaft hat Teshigawara auch den 16 Biennale College-Dancers vermittelt, die er einen Monat lang auf dem Arsenale-Areal gecoacht hat. Das Ergebnis heißt "Swing" und ist eine einstündige, vor Ort gezeigte Performance. Hinreißend getanzt, führt sie die energetischen Prinzipien des Meisters vor: "Schwerkraft, Boden, Haltung, Körperbewusstsein, Atmung - das sind die Elemente des Lebens und der Bewegung. Also auch des Tanzes." Nichts Metaphysisches, keine Spiritualität? Teshigawaras Blick wandert zu Rihoko Sato. Sie lacht und erzählt von seinen kreativen Krisen und ausführlichen Selbstgesprächen: "So kommt er zu neuen Einfällen."

Er ist über Glasscherben balanciert und gegen Metallwände gelaufen

Tatsächlich wirken Teshigawaras Choreografien häufig wie dynamische Aufstellungen eines inneren Konfliktgeschehens. Sie kreisen um Disharmonien, um widerstreitende Werte und Wahrnehmungen. Ein Thema, im Großen wie im Kleinen: "Ich will nicht politisieren, aber wie wir Unterschiede aushalten und wertschätzen, ist jenseits ökologischer Probleme das größte Fragezeichen der Gegenwart." Statt wohlfeiler Antworten gibt Teshigawara eine Empfehlung: "Sei du selbst, sei unabhängig, offen, ernsthaft in dem, was du tust - und frage dich immer, was hinter dem Spiegel ist."

Die Welt hinter dem Spiegel ist seit vielen Jahren sein künstlerisches Leitmotiv. Zu Hause in Tokio unterhält er ein Studio, in dem er unterrichtet und Rohfassungen seiner Stücke entwirft. Anders als in den meisten Trainingssälen ist der Blick in den Spiegel nur ein Notbehelf. Weil es Teshigawara um innere Instanzen, um Fantasien geht, die er aus sich herausholt und zum Ausdruck bringt: Größenwahn oder Ohnmacht, Ekstase oder Erstarrung. Nicht umsonst hat sein Forschergeist vielfach mit Materialien und Settings experimentiert, die das Körperinstrument gefährden. Er ist über Glasscherben balanciert, gegen Metallwände gelaufen, er hat sich in Kraftwerken ebenso wie auf Viehmärkten produziert. Diese äußeren Trigger dienen dem einzigen Zweck, den der Choreograf seiner eigenen wie jeder anderen Kunst zuerkennt: einen Akt der "Transformation" einzuleiten.

Teshigawara und Sato müssen den Flieger erreichen. Trotzdem spazieren sie gemächlich über den Campo do Pozzi davon. Sie schlendert einen halben Schritt vor ihm her über den menschenleeren Platz, den irgendein Lautsprecher mit Stevie-Wonder-Songs beschallt. Für die, die zurückbleibt, hat das Leben jetzt einen anderen Groove.

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