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Ryan Adams im Interview:"Ein Auto, das sich mit dem Schwanz eines Hundes unterhält"

Ist der Schmerz deshalb so ein fruchtbares Thema für Ihre Musik?

Es gibt so viele tolle Musiker und Platten, die das Leben feiern. Und all die Dinge, von denen wir uns wünschten, sie wären immer Teil unseres Lebens. Aber um diese ganz andere, düstere Seite der menschlichen Existenz völlig auszublenden, müssten wir uns in Pandas oder Faultiere verwandeln. Und den ganzen Tag bekifft in einem Baum hängen. Das klingt nach einer schönen Existenz, aber sie ist nicht für uns Menschen gedacht. Wir verzehren uns nach Dingen. Und das ist kein Makel, das ist eine Tugend.

Hilft Ihnen selbst Musik überhaupt bei einem gebrochenen Herzen?

Ich habe schon mein ganzes Leben ein gebrochenes Herz. Musik ist für mich nur ein Weg, damit umzugehen. Kunst ist ein anderer. Oder Freundschaften, Lesen, Schreiben. Die Natur des Lebens ist Leiden. Nicht ausschließlich, es gibt da ja Abstufungen. Aber ich glaube auch, dass Katharsis gar kein Vehikel wie Musik braucht. Allein Mensch zu sein, trägt ein kathartisches Element in sich.

Ich würde gerne etwas ausprobieren. Ich nenne Ihnen sieben Break-Up-Songs und Sie sagen mir, was Sie damit verbinden.

Okay, ich verspreche, Ihnen eine Antwort zu geben, die aufrichtig ist und von mir selbst kommt.

Dann los: The Beach Boys - "Tears in the Morning".

Der Klang eines Blitzes am Strand.

"Idiot Wind" von Bob Dylan.

Schleifpapier.

Fleetwood Mac - "Go Your Own Way".

Nasse Tennisschuhe.

Joy Division mit "Love Will Tear Us Apart".

Ein metallischer Kamm.

"Total Eclipse of the Heart" von Bonnie Tyler.

Zwei Holzscheite, mit Spezialkleber an die Decke geklebt.

The Smiths - "You Just Haven't Earned It Yet Baby".

Ein stürzender Amboss, der von einer Wolke zur anderen fällt.

Und Nick Cave mit "People Ain't No Good".

Ein Auto, das sich mit dem Schwanz eines Hundes unterhält.

Vielen Dank, das war sehr interessant.

Sie sollten das illustrieren.

Lieber nicht. Sehnen Sie sich eigentlich manchmal nach der guten alten Zeit? So klingt Ihre Musik nämlich oft.

Nein, ich glaube, was Sie hören ist folgendes: Meine Musik spielt in einer Welt, die nur im Zwischenmenschlichen existiert. Völlig unabhängig von äußeren Umständen und Einflüssen. Dort lebt meine Musik, in einer Vorstellung, einem Gefühl, in meiner Person. Dinge von draußen können da nichts verzerren oder verschieben. Und dieser statische Platz ist natürlich auch ein nostalgischer Platz. Ich habe lange gebraucht, dieses Gefühl der Unabhängigkeit zu meistern. Aber ich glaube, ich komme dem immer näher.

Diese Sicherheit hört man Ihrem neuen Album "Prisoner" auch an.

Ja, ich habe das ultimative alchemistische Element entdeckt, das mir noch gefehlt hat. Während der Produktion dieser Platte habe ich realisiert, dass ich beide Enden der Liebe erlebt haben muss, um Perfektion zu erreichen. Das Ende einer Sache, und den Beginn einer anderen. Das ist mir mit "Prisoner" gelungen.

Wenn man sich unsere finsteren Zeiten so anschaut: Kann Liebe den Hass übertrumpfen?

Hass ist auch nur ein anderes Verständnis von Liebe. Es ist ein Irrweg, das Ergebnis eines Mangels an Liebe. Eine Verzerrung der Prinzipien der Liebe. Es ist wie ein Tier, das sich von seiner Herde losgerissen hat. Und jetzt durch die Dunkelheit hetzt und Hasen jagt, während der Rest der Herde unterwegs ist in Richtung eines warmen Feuers. Das ist doch die universelle Definition von Hass: Jemand der vom Weg er Liebe abgekommen ist. Was macht man in so einer Situation? Man sucht die Verlorenen und versucht sie zu retten.

Ist Liebe also die einzige Antwort auf den Hass und die Angst unserer Zeit?

Ich glaube, dass Liebe das Gesetz ist. Und Menschen, die diesem Gesetz nicht folgen, die andere bestrafen und unterdrücken, die ihre Handlungen mit einem Irrweg rechtfertigen, die werden sich vor ihrem Karma verantworten müssen. Das ist die Natur des Universums. Und das Universum arbeitet unter der Idee, dass die Liebe das Gesetz ist. Menschen, die sich einer Naturgewalt entgegenstellen, müssen am Ende mit der Natur fertig werden. Ob sie wollen oder nicht.

Das ist ein schöner Schlussgedanke.

Das ist sogar die Wahrheit.

© SZ.de/biaz
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