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"Big Colors" von Ryan Adams:Darf ich leben?

Ryan Adams

Ryan Adams, dort, wo er nach eigener Aussage hingehört: auf den Knien. Aber noch nicht ganz unten.

(Foto: Noah Abrams)

Musik: fantastisch. Texte: große Leid-Kartographie. Zu den Missbrauchsvorwürfen ist Ryan Adams weiterhin sehr still. Könnte sich als kluge Strategie erweisen.

Von Jakob Biazza

Kurzer Zwischenstand nur zu Ryan Adams. Er redet ja immer noch nicht, egal, wie oft und lieb man fragt. Zu den Missbrauchsvorwürfen, die mehrere Frauen, darunter bekannte Künstlerinnen wie Phoebe Bridgers und Adams Ex-Frau Mandy Moore 2019 in der New York Times erhoben haben, gibt es also kaum etwas Neues. Das FBI hat inzwischen die Ermittlungen eingestellt, die es wegen angeblich sexueller Chats mit einer Minderjährigen aufgenommen hatte. Ansonsten ist da weiterhin nur der Brief, in dem Adams sich, nachdem er zunächst alle Vorwürfe von seinem Anwalt hatte abstreiten lassen, entschuldigt. Und eben seine Musik.

Aus der Musik konnte der Wohlgesinnte zuletzt noch mal ein paar Entschuldigungen heraushören. "Wednesday" (hier eine ausführliche Rezension), der im Dezember veröffentlichte erste Teil jener Trilogie, die er nun fortsetzt, war jedenfalls die ganz große Seelenblöße. Verhallte Americana-Düsternis. Waidwundes Storytelling. Das Herz in den Dreck geworfen - jeder, der wollte, konnte mal drüberlaufen. Musik: fantastisch. Texte: Detail-Kartographie des Liebesleids. So gut wie lange nicht. Also grandios. Trotzdem - beziehungsweise gerade deswegen - wahnsinnig schwer zu hören. Eine Herausforderung ans eigene (Un)Rechtsbewusstsein. Eine Zeile aus dem Titelstück: "Woman, your silence brought me on my knees / Where I needed to be". Der Protagonist, dort, wo er hingehört: auf den Knien.

Weit unten also. Aber doch auch noch nicht ganz.

"Big Colors" nun macht ungefähr dort weiter (obwohl es ursprünglich Teil eins der Trilogie sein sollte). Mit größerer Rockpose allerdings und leichterem Gemüt. Im Sound ist es außerdem kälter, härter. Die Gitarren haben mehr Twang und beißendere Farben. Der Gesang steht greller und aufrechter in der Welt, wühlt weniger in den Eingeweiden. Alles plötzlich eher ein Aufbegehren gegen das Leid als ein Suhlen darin.

Was nun einen hundsgemeinen Effekt hat: Man hört das alles schon wieder mit etwas weniger Zwicken im Gedärm und Sirren im Kopf als noch beim Vorgänger. Der Mensch vergisst ja so schnell. Auch emotional. Und Schweigen hat sich oft als kluge Taktik bewährt, das zu beschleunigen. "Fuck the Rain" heißt ein Song. Text: "Fuck the rain / All that pain / Don't / Everything is fine / Can you stop? / Can I be alive?" Genug Regen und Schmerz. Darf ich leben? Womöglich geht das doch ein bisschen schnell.

© SZ/dbs
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