bedeckt München 20°

"Wednesdays" von Ryan Adams:"Wer soll mich denn jetzt noch lieben"

Marriott Rewards and Universal Music Present Music Is Universal At The JW Marriott Austin At SXSW - Headliner

"Wer soll mich denn jetzt noch lieben, wenn nicht du?": Sänger Ryan Adams.

(Foto: Christopher Polk/AFP)

Ryan Adams, der große Leidbarde des Folk-Rock, veröffentlicht das erste Album, seit Missbrauchsvorwürfe gegen ihn im Raum standen. Es ist grandios. Und schaurig.

Von Jakob Biazza

Es gibt eine Abkürzung zu dieser Platte. Klar, es gibt ja zu allem immer eine Abkürzung, und in diesem Fall wäre es mal wieder die Trennung von Künstler und Werk. Es kann einer, besagt diese Trennung, ein ausgemachter Schweinehund sein, und trotzdem bahnbrechende Filme produziert haben. Es kann einer rauben und stehlen, Vater und Mutter entehren, süße Katzen schächten und trotzdem brillante Bücher schreiben. Menschen können Menschen missbrauchen, emotional und auch physisch, sich umdrehen, abklopfen und herzzerfetzende Songs über die Liebe singen. Das geht. Und wenn es gegangen ist, auch das besagt die Trennung von Künstler und Werk, greift die Eigenverantwortung der Hörer, Leserinnen, Cineasten: Will man das Werk noch hören, lesen, ansehen?

So weit, so phrasig. So phrasig, so wahr.

Die Abkürzung also: "Wednesdays", das gerade unangekündigt veröffentlichte neue Album von Ryan Adams, ist rundheraus grandios. Großes, völlig unverstelltes Songwriting, splitternacktes Storytelling. Das Beste, was er seit "Ashes & Fire" (2011) gemacht hat. Womöglich sogar seit "Heartbreaker" (2000).

So einfach ist das?

Es ist, mal wieder, aber wie sollte dieses Thema auch alt werden, eine Generaldebatte über die Liebe. Man erlebt den 46-Jährigen also, wie er über ein paar Gitarren, ein bisschen Klavier, genau richtig verpatschte Drums und viel Hall mit beiden Händen tief in der eigenen Psyche gräbt. Wie er zwischen all den Pillen und dem Schnaps, dem Koks, den Psychopharmaka, den Dämonen und Manien, diesen ganzen doch sehr männlichen Leidensmotiven also, enorm direkte Emotionen hervorwühlt: "Who is going to love me now, if not you?" fragt er im gleichnamigen Song. Wer soll mich denn jetzt noch lieben, wenn nicht du?

So einfach ist das? Ja, so einfach ist das! Welche Frage bleibt denn sonst auch, wenn ein geliebter Mensch nicht mehr zurückliebt? Was ist denn noch übrig, außer dem Gefühl, dass da nie wieder Liebe sein wird?

Und nein, so einfach ist das natürlich nicht. "Wednesdays" ist schließlich auch das erste Album, seit mehrere Frauen Adams in der New York Times emotionale Misshandlungen und, wie es so viel- und gleichzeitig nichtssagend heißt, sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen haben. Darunter weltbekannte Künstlerinnen wie Phoebe Bridgers und Mandy Moore, Adams Ex-Frau. Der Musiker, so die Schnittmenge der Vorwürfe, habe ihnen seine Unterstützung angeboten - Albumproduktionen, Kontakte, Veröffentlichungen auf seinem Label Pax-Am, gemeinsame Tourneen. In der Folge soll er dann aber auf unterschiedliche Arten aufdringlich oder übergriffig geworden sein. Eine Frau, mit der er laut New York Times einen eindeutig sexuellen Videochat hatte, war zum damaligen Zeitpunkt minderjährig - 14 oder 15. Das FBI nahm Ermittlungen auf.

8/ Konzert: Ryan Adams, Sängeri in der Berliner Arena, Singer-Songwriter, Rock, Country, Folk, Musik Berlin Deutschland,

Er habe keine Worte dafür, wie schlecht er sich fühle angesichts dessen, wie er "Menschen sein ganzes Leben lang" behandelt habe, schrieb Adams.

(Foto: Brigani/Imago)

Adams versuchte eine Abkürzung. Über einen Anwalt ließ er die Anschuldigungen dementieren: Quasi alles falsch, alles böswillig. Und: Falls es einen Chat mit einer Minderjährigen gegeben haben sollte, hätte er ihr Alter nicht gekannt.

Scheiß auf Abkürzungen.

Die Vorwürfe blieben. Und Adams, nun, hier wird es natürlich spannend: Wechselte die Strategie? Zeigte sich einsichtig? Bat um Verzeihung? In einem offenen Brief, den die Daily Mail veröffentlichte, schrieb er jedenfalls, er finde keine Worte dafür, wie schlecht er sich fühle angesichts dessen, wie er "Menschen sein ganzes Leben lang" und durch seine "ganze Karriere hindurch schlecht behandelt" habe (er benutzt im englischen Original das Wort "mistreat", das sich auch mit "misshandeln" übersetzen lässt). Verurteilt wurde Adams nicht.

"Die Wirkung vom Koks und den Pillen und den Drinks lässt nach"

Und nun sind da diese bibbernden Songtitel und -zeilen: "I'm Sorry and I Love You" heißt der Opener, der in Auszügen bereits kurz nach den Vorwürfen veröffentlicht wurde. "Woman, your silence brought me on my knees / Where I needed to be", singt er im Titelstück. Da hat eine Frau ihn also auf die Knie gezwungen. Dort, wo er hingehörte. Und weiter: Niemand wisse schließlich, was er wirklich will, bis er dem Auto hinterher starrt, das vollgepackt mit Kartons davonfährt. "Die Wirkung vom Koks und den Pillen und den Drinks lässt nach / Und von den Zigaretten musst du nur noch husten".

Ist das jetzt eine Abbitte? Ein Flehen um Vergebung? Schaut da jemand hustend der letzten Liebe hinterher? Oder der Karriere? Und: Will man das hören? Nun, genau das ist die Krux mit der Eigenverantwortung: Jeder muss es selbst entscheiden.

© SZ/hert
Zur SZ-Startseite
Ryan Adams

Ryan Adams im Interview
:"Das Ding, das deine verdammte Seele in ihren Grundfesten erschüttert"

Der Musiker Ryan Adams ist der vielleicht beste Interviewpartner, um über Liebe zu sprechen. Wir haben es versucht - mit, sagen wir, unerwartetem Ergebnis.

Interview von Julian Dörr

Lesen Sie mehr zum Thema