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Dokumentarfilm über Ruth Westheimer:In der Natur kann nichts schmutzig sein

Ruth Westheimer in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel. Zu ihrem Vater findet sie dort den Aktenhinweis "verschollen".

(Foto: Filmwelt)

Ryan Whites Film "Fragen Sie Dr. Ruth" feiert die große Aufklärerin Ruth Westheimer, die den Amerikanern die Angst vor dem Sex nahm - mit humorigem Ernst und starkem deutschen Akzent.

Von Martina Knoben

"Und dann lassen Sie ihn den Penis von hinten in die Vagina einführen ..." Es sind die frühen Achtziger in den USA, Reagan regiert, Aids gilt als Schwulenkrankheit und Strafe Gottes, weibliche Lust in vielen Kreisen noch als (hoffentlich) nicht existent. Eine Frau aber spricht so nüchtern vor einem Millionenpublikum über Sexpraktiken, als hätte es die Sprachlosigkeit und Sprechverbote bei diesem Thema nie gegeben.

Ruth Westheimer war so etwas wie die Chef-Aufklärerin der amerikanischen Nation. Ein bisschen wie Dr. Sommer aus der Bravo, nur viel lustiger und charmanter. Dass eine Frau, die keinen Orgasmus erlebt, nicht mehr als "frigide" gilt, Homosexualität nicht länger als Sünde und Stellenangebote auch für das dritte Geschlecht ausgeschrieben werden, ist zu einem nicht kleinen Teil auch ihr zu verdanken.

Die Unsicherheit war groß in den immer noch verklemmten Achtzigern

Berühmt wurde die Soziologin und Sex-Therapeutin mit der Radiosendung "Sexually Speaking", Anfang der Achtziger in den USA, in der sie Hörerfragen beantwortete. Ob er es wagen dürfe, seiner Freundin einen Vibrator zu kaufen, wollte ein Mann wissen. Ein anderer erzählte, dass er in eine Frau verliebt sei, die schon zwei unglückliche Beziehungen hinter sich hatte - ob er die Beziehung nicht lieber beenden solle.

In Ryan Whites Porträt der heute 92-jährigen Pionierin, die von ihren Fans nur "Dr. Ruth" genannt wurde, sind Ausschnitte aus ihren Radio- und Fernsehsendungen zu hören. Die Unsicherheit war groß in den immer noch verklemmten Achtzigern, als die sexuelle Revolution ebenso Herausforderung wie Versprechen war. Viele Fragen an "Dr. Ruth" wirken heute bizarr naiv, verlegen und prüde.

Ruth Westheimer beantwortete sie mit liebevoll humorigem Ernst. Ihr starker deutscher Akzent und die Tatsache, dass sie eine nur 1,45 Meter große, ältere Frau und Wissenschaftlerin war, erlaubten ihr, über Sex zu sprechen, ohne frivol zu wirken. Schon als Jugendliche hatte sie in ihrem Tagebuch notiert, dass nichts in der Natur schmutzig sein könne. Und wenn sie im Film von ihrem ersten Kuss und ihrer ersten Liebesnacht erzählt, ist eine wunderbare Sinnlichkeit und Freude an der sexuellen Begegnung zu spüren.

Wenn sie im Fernsehen auftritt, windet sich schon mal ein Moderator vor Verlegenheit

Dass Männer und Frauen gleichermaßen Spaß am Sex haben sollen, war für sie immer selbstverständlich. In einer der Archivaufnahmen, mit denen White seinen Film anreichert, tritt Dr. Ruth in einer Talkshow vehement für das Recht der Frauen auf Befriedigung beim Sex ein, indem sie den blue balls der Männer die Wortschöpfung blue lips entgegenstellt. Worauf sich der Moderator der Show vor Verlegenheit windet. Die Intelligenz und Gradlinigkeit Ruth Westheimers, ihr Mut und Humor sind beeindruckend.

Als Ryan White seinen Dokumentarfilm über sie dreht, ist Westheimer fast neunzig Jahre alt, aber immer noch sehr aktiv. Sie hält Vorträge, tritt im Fernsehen auf und schreibt Bücher - und ist mit so viel Esprit und Charisma gesegnet, dass White ihr gern die Führung überlässt. Einen kritischen Blick auf seine Protagonistin gibt es kaum. Lediglich ein Psychologe bemängelt die Leichtfertigkeit, mit der Dr. Ruth in ihren Sendungen unbekannten Menschen Ratschläge mit zum Teil weitreichenden Folgen erteilte, einer Anruferin etwa nahelegte, sich von ihrem Ehemann zu trennen.

Von solch einer Protagonistin träumt jeder Dokumentarfilmer

Aber vielleicht braucht es nicht immer den skeptischen Journalistenblick. Ruth Westheimer muss schließlich nur von ihrem Leben erzählen, damit sich alles wie von selbst zu einem Zeit- und Sittenbild fügt. Geboren wurde sie 1928 als Karola Ruth Siegel in der Nähe von Frankfurt. Ihre jüdischen Eltern schickten sie 1938 mit einem Kindertransport in die Schweiz. So überlebte sie den Holocaust, während die Eltern in Auschwitz ermordet wurden.

Der größte inszenatorische Eingriff des Regisseur ist es, die Jugenderinnerungen seiner Protagonistin in Trickfilmsequenzen nachzuspielen. Die Szenen wirken kitschig, Ruth ist hier ein süßes, trauriges Mädchen mit Kulleraugen, das tapfer in den Zug steigt und im Kinderheim in der Schweiz auf Briefe der Eltern wartet. Die Animation irritiert, sentimental ist die reale Ruth Westheimer nun wirklich nicht. Als Nacherzählung einer idealisierten Kindheit, einer durch das Trauma des Verlusts abgekapselten Erinnerung aber macht die Animation dann doch Sinn.

Wie beherrschend ihre Kindheitserinnerungen für sie waren, lässt sich ahnen, wenn Ruth Westheimer immer wieder betont, dass sie in ihrem Leben dem Leitspruch ihres Vaters gefolgt sei, dass Bildung das Wichtigste sei. Nach Kriegsende geht die damals 17-jährige nach Palästina, wird Scharfschützin in der Untergrundorganisation Hagana. Es folgen ein Psychologiestudium an der Sorbonne, Ehemann eins und zwei, die Auswanderung nach Amerika, wo Ruth Westheimer sich als alleinerziehende Mutter durchschlägt, ihren Doktor macht, Ehemann Nummer drei kennenlernt und ein Radio- und Fernsehstar wird.

Von solch einer Protagonistin träumt jeder Dokumentarfilmer. Dass sich diese Lebensgeschichte schließlich wie eine American-Dream-Erzählung liest, irritiert dann auch nur ein bisschen. Schließlich gehört auch das zum (Selbst)bild einer Überlebenden.

Ask Dr. Ruth, USA 2019 - Regie, Buch: Ryan White. Kamera: David Paul Jacobson. Schnitt Helen Kearn. Musik: Blake Neely. Verleih: Filmwelt, 100 Minuten.

© SZ vom 01.09.2020/bans

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