Ruth Leuwerik zum 90. Geburtstag Eine edle Erscheinung

Ihr Vorbild war die große Garbo: Ruth Leuwerik.

(Foto: dpa)

Sie war einer der großen deutschen Filmstars der Fünfzigerjahre, doch das deutsche Autorenkino konnte später mit Ruth Leuweriks Modernität erstaunlich wenig anfangen. Dennoch bleibt die geistvolle Schönheit dieser echten Lady Kinogegenwart - zumal an ihrem 90. Geburtstag, den sie nun feiert.

Von Harald Eggebrecht

Sie sei zu europaorientiert, hat sie einmal gesagt, als die Chance bestand, vielleicht in Amerika das Kinoglück zu versuchen. Das war zu der Zeit, als ihre zwei Filme über die Trapp-Familie 1956 und 58 ihre, wie sie meint, einzigen Welterfolge wurden. Dabei mochte Ruth Leuwerik die Rolle der Baronin Trapp nicht sehr, sie sei keine solche Glucke, die nur über ihrer Familie säße.

Doch die Leuwerik hatte auch für diese Frau durchaus noch einen anderen Ton, keineswegs nur den von Herzenswärme und Kaninchenstall. Immer, selbst in ihren leicht burschikosen Anfängen in den frühen Fünfzigern und erst recht 1962 als "Rote" in Helmut Käutners Verfilmung des Alfred-Andersch-Romans, bleibt in ihrem fein geschnittenen Antlitz und der scheuen, dabei aufrechten Körpersprache ein Hauch von gleichsam wohltuender kritischer Distanz.

In Liebesszenen mit so unterschiedlichen Stars des deutschen Nachkriegsfilms wie etwa Peter van Eyck, O. W. Fischer, Dieter Borsche oder Curd Jürgens sinkt sie nie widerstandslos in deren Arme, es wird fast immer deutlich, dass sie sich bewusst entscheidet, hingibt und doch nicht ihr Selbst verliert.

Sie war von Beginn an ein Greta-Garbo-Fan, und in der Tat erinnert sie in ihrer Distinguiertheit, edlen Erscheinung und ihrem manchmal unmerklichen Stocken, das einen ganzen Film in der Schwebe halten kann, an das große Vorbild. 1965 spielte sie dann in einer Fernsehproduktion auch "Ninotschka", die Rolle, in der einst die Garbo bei Ernst Lubitsch komödiantisch brillierte.

In Essen am 23. April 1924 geboren, begann sie ihre Karriere zuerst auf dem Theater, wo sie unter anderem neben heiligen Monstern wie Werner Krauß spielte. Nun, die große Begabung, die schlecht zu fotografieren sei, wie erste Urteile lauteten, setzte sich durch und wurde einer der großen Stars der Fünfzigerjahre.

Pendant von Antonionis Monica Vitti

Ruth Leuwerik konnte sich die Rollen aussuchen, musste nicht antichambrieren. Ihre besten Momente - etwa als Königin Luise, die mit René Deltgen als Napoleon raffiniert spielt, mal betörend, mal zurechtweisend, als sehnsüchtig den Ausbruch suchende und dann hinreißend verstörte Effi Briest, als unglückliche, dem Alkohol und Drogen verfallende Schauspielerin Renate Müller, als mutig sich behauptende und doch zarte Ärztin im russischen Kriegsgefangenenlager - zeigen stets eine Frau, die weiß oder wissen will, wer sie ist oder sein könnte. Daher wirken ihre männlichen Partner oft wie Stichwortgeber oder ihr zugeteilte Komparsen.

Seltsamerweise hat das deutsche Autorenkino mit Ruth Leuwerik und ihrer deutlich über das Kino der Fünfzigerjahre hinausweisenden Modernität wenig anfangen können. Dabei erreicht sie in Käutners "Die Rote" eine Präsenz, Dichte und Präzision des Spiels, die sie zum deutschen Pendant von Michelangelo Antonionis Monica Vitti erhebt.

Abgesehen von zwei Filmen in den Siebzigerjahren und ein paar Fernsehauftritten hat sich Ruth Leuwerik zurückgezogen. Doch ihre Noblesse, ihr nuancenreicher Charme, die unverwechselbare, leicht nasale Stimme, mit der sie etwa die impulsive Maureen O'Hara kongenial synchronisierte, ihre Sprechkultur und insgesamt ihre geistvolle Schönheit bleiben Kinogegenwart. Salut für eine echte Lady, für Ruth Leuwerik!