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Russlanddeutsche:Nicht ganz deutsch - und nicht ganz russisch

"Wir nennen dieses Gefühl 'die doppelte Fremdheit'", sagt Migrationsforscher Panagiotidis. "Wenn man nirgendwo so richtig dazugehört, nicht dort und auch nicht hier." Panagiotidis weiß aber auch, wie groß das Spektrum der russlanddeutschen Schicksale und Lebensläufe ist. Damals, als die Menschen zu Hunderttausenden kamen, waren sie oft: nicht ganz deutsch und nicht ganz russisch. In der ehemaligen Sowjetunion galten sie als Deutsche. Die Übersiedlung nach Deutschland war für viele eine Entscheidung für ein Land, in dem sie endlich nicht mehr fremd sein würden. Stattdessen wurden sie gerade erst in Deutschland zu Russen, die Klischees bedienten. Durch eine Fremdzuschreibung als Russen habe bei vielen jugendlichen Russlanddeutschen eine Russifizierung stattgefunden, so Panagiotidis. Typisch sind deshalb die tiefer gelegten BMWs mit weiß-blau-roten Aufklebern, auf denen in kyrillischer Schrift Rossija steht.

"Ich bleibe immer eine Russin", sagt die heute 41-jährige Swetlana Jungkind. Sie musste einsehen, dass sie niemals einfach nur Deutsche sein kann. Das aber ist für sie kein Anlass zur Trauer. Jungkind organisiert fast jedes Jahr ein großes Neujahrsfest nach alter russischer Manier in Neu-Ulm. Sie lädt dafür auch mal Musiker aus Russland ein und bereitet mit ihren Unterstützern eigenhändig Pelmeni vor, traditionelle Teigtaschen mit Fleischfüllung.

Es gibt auch die, die nach den Deportationen im Zweiten Weltkrieg innerhalb der Sowjetunion an ihrem Deutschtum festgehalten haben. Die, die noch in den Neunzigern nur gebrochen Russisch sprachen und die deutsche Kultur ihrer Vorväter konserviert haben.

Die Integration der Russlanddeutschen ist auch eine Erfolgsgeschichte

Einer, der sich in Ingolstadt lange für den Erhalt der Kultur der Deutschen aus der ehemaligen UdSSR engagiert hat, heißt Johannes Hörner. Er sei Deutscher aus Kasachstan. Das sagt er ohne zu zögern. "Für mich war schon immer klar, wer ich bin." Sein Stammbaum reicht bis ins 17. Jahrhundert in die Pfalz, von wo seine Ahnen aufgebrochen und der Einladung der Zarin gefolgt sind. 1987 war es dann für seine Familie und ihn an der Zeit, zurückzukehren. "Wir wollten in einem Land leben, wo wir nicht diskriminiert werden und wo wir hingehören." Mittlerweile arbeitet Hörner als Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche. Auch für seine Patienten geht es oft um die Frage, wer sie sind und wo sie hingehören. Eine Frage, die Hörner gut kennt: "Wenn ich weiß, wer ich bin, dann bin ich stark. Es ist schwierig, wenn man sich zu keiner der Welten zugehörig fühlt."

Soziologisch lässt sich dieses Gefühl kaum erfassen, sagt Wissenschaftler Panagiotidis. Zwar sei die Generation 1,5, "die mitgenommene Generation", ein beliebter Forschungsgegenstand. Aber nur im Hinblick auf messbare Kriterien, wie die Kriminalitätsrate, die Zahl der erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildungen oder die Höhe des Schulabschlusses. Das sind die üblichen Integrationsindikatoren. Doch wie misst man Heimatgefühl? Und kann es verjähren?

Trotz allem ist die Geschichte der Russlanddeutschen eine Erfolgsgeschichte der Integration - sagt etwa Panagiotidis. Die meisten hätten nach den ersten Jahren in Fördereinrichtungen qualifizierte Abschlüsse gemacht und konnten sich schnell in den Arbeitsmarkt integrieren, so Panagiotidis. Viele, besonders die, die als kleine Kinder nach Deutschland kamen, seien vollkommen assimiliert. "Dass sich da große Identitätskrisen dahinter verbergen, bezweifele ich." Krisen vielleicht nicht, aber Vielschichtigkeiten. Vielleicht geht einfach beides? Swetlana Jungkind zum Beispiel sagt: "Wir haben das Beste aus Russland mitgenommen und hier versuchen wir, daraus das Beste zu machen."

Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen. Die 15-Jährigen von damals sind heute Ende dreißig, Mitte vierzig. Genau das Durchschnittsalter der Partygäste im Mint Club, wo sich an diesem Abend die russische Community Münchens trifft. Es sind es nicht mehr nur Russlanddeutsche, die sich an russischem Pop erfreuen, der nach Neunzigern und Jugend klingt. Sie machen etwa 30 Prozent der Gäste aus, der Rest sind jüdische Immigranten, oft stammen sie aus der Ukraine, oder es sind Russen, die aus wirtschaftlichen Gründen einwanderten. DJ Ivan aus Barnaul in Sibirien lebt in München. Er legt die ukrainische Pop-Sängerin Switlana Loboda auf. "Twoi glaza chistije kak nebo", singt sie, deine Augen sind so rein wie der Himmel. Und alle singen nach. So ausladend wie möglich.

Neben der Bar tanzt eine Clique - sie trifft sich regelmäßig auf Russenpartys. Als sie lachend ihre Biografien erzählen, fallen sie sich gegenseitig ins Wort. Es sind: ein jüdischer Kontingentflüchtling, der als Zweijähriger mit seinen Eltern aus Kiew nach Deutschland kam, ein Sankt Petersburger, der vor zwei Jahren für ein Studium der Musikwissenschaft nach München übersiedelte, ein russlanddeutscher Spätaussiedler, der mit 15 kam und damals feststellte, dass in seiner Klasse fast alle Mitschüler Russisch sprachen, und eine Ukrainerin, die als Au-pair einreiste und danach für eine Ausbildung geblieben ist. Für einen Deutschen, der sich an diesem Abend in den Mint Club verirrt hätte, wären die Freunde nicht unterscheidbar. "Wir sind hier alle einfach Russen", erklärt das ehemalige Au-pair-Mädchen und macht eine schweifende Bewegung mit ihrem rechten Arm. Als wollte sie sagen: Wir sitzen alle in einem Boot.

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