Russland Wer ist noch Charlie?

Die Gefahren der russischen Billigflieger: "Wäre ich doch mit Air Cocaine geflogen."

(Foto: Charlie Hebdo)

Viele Russen können mit den Karikaturen von "Charlie Hebdo" nichts anfangen, und der Kreml nutzt das geschickt aus. Russland hat seine eigenen Brüder Kouachi - auch solche, die nicht schießen.

Von Elena Servettaz

Warum bezeichnet der Kremlsprecher die Karikaturen von Charlie Hebdo zum Absturz der Maschine A 321 über dem Sinai als "Sakrileg", als "konsequente Sittenlosigkeit"? Nachdem nicht nur britische Behörden, sondern auch Barack Obama von einer möglichen Bombe sprachen, dürfte man auch im Kreml begriffen haben, dass "Terrorangriff" nicht mehr eine von vielen Versionen ist, sondern in die Kategorie wahrscheinlicher Ursachen fällt. So etwas kann innenpolitisch wehtun. Deswegen: Lasst uns doch lieber über die sittenlosen französischen Karikaturisten reden. Viele Russen, die nie im Leben Charlie Hebdo gelesen haben, die noch vor einem Jahr von dieser Zeitschrift nicht einmal gehört hatten, hassen nun deren Zeichner.

Der französische Präsident François Hollande betont seit dem Anschlag auf die Redaktion im Januar den säkularen Charakter der Republik. Säkular bedeutet unter anderem, dass im Wortschatz der Regierenden das Wort "Sakrileg" nicht vorkommt, zumal bezogen auf Journalisten. Dafür gibt es zum Beispiel das Wort "vulgär". Vulgär ist in meinen Augen allerdings, wenn Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministers, nicht einmal eine Woche nach dem Absturz der Maschine ein Selfie mit Pilotenmütze postet mit der Frage: "Wer mag mal eben nach Paris mitfliegen?" Sacharowa fragt dann: "Ist jemand noch Charlie?" In den Kommentaren dazu fragen die Menschen nicht nach dem Fortschritt der Ermittlungen, sondern bedauern es, dass nicht alle Charlie-Journalisten im Januar umkamen. Sacharowas Humor leuchtet russischen Internetnutzern also ein, die böse Satire von Charlie Hebdo nicht.

Bereits Karikaturen über das ertrunkene Flüchtlingskind lösten Empörung aus

Wären im Januar die Brüder Kouachi nicht in die Redaktion von Charlie eingefallen, fänden sich in Russland genügend Patrioten, die heute bereit wären, die französischen Frevler eigenhändig zu erschießen, meint der Journalist Oleg Kaschin, der selbst im November 2010 angegriffen wurde. Er wurde nach der Prügelattacke in ein künstliches Koma versetzt und überlebte nur knapp.

Ich selbst habe diese Zeitschrift äußerst selten gekauft, obwohl ich einen der ermordeten Karikaturisten, Georges Wolinski, persönlich kannte. Und heute sage ich immer noch: Je suis Charlie, trotz der jüngsten Flugzeug-Karikaturen und auch trotz der umstrittenen Zeichnungen über das ertrunkene Flüchtlingskind Aylan Kurdi ("Der Beweis, dass Europa christlich ist: Die Christen laufen über Wasser, muslimische Kinder gehen unter").

Charlie sei tief gefallen und verspotte nun sogar den toten syrischen Jungen, empörten sich viele Menschen in Russland, als diese Zeichnungen im September erschienen. Nein, Charlie ist nicht tief gefallen, dieses Blatt war immer so: böse und pointiert. Charlie hat nicht das tote Kind verspottet, sondern die Untätigkeit der EU und die Gleichgültigkeit im Rest der Welt. Auch diejenigen, die Charlie nicht verstehen, wurden in Charlie schon mehrmals karikiert.

Im Januar ging ganz Frankreich auf die Straße, und die Welt fühlte mit. Je suis Charlie - das sagte man nicht unbedingt, weil man die Ästhetik diese Zeitschrift schätzte, ihre bisweilen zynische Ironie, sondern weil es schrecklich ist, wenn Journalisten umgebracht werden. Übrigens: Neben François Hollande, über den sich Charlie Hebdo oft genug lustig gemacht hatte, nahm auch der russische Außenminister Sergej Lawrow an dem Republikanischen Marsch teil. Schade, dass er seiner Sprecherin bis heute nicht erklärt hat, was die Worte "Je suis Charlie" bedeuten: Dass die Kugeln der Brüder Kouachi nicht nur konkrete Journalisten trafen, sondern die ganze Pressefreiheit in Frankreich.

Moderatoren des Moskauer Radiosenders Echo Moskwy trugen nach dem Anschlag im Januar "Je suis Charlie"-T-Shirts. Chefredakteur Alexej Wenediktow sagt heute: "Ich bereue das keinesfalls, denn es geht um Solidarität mit den Opfern. Auch Menschen, die gemeinsam gegen den Faschismus kämpften, hatten unterschiedliche Ansichten, aber in diesem Kampf waren sie eben Verbündete."

Über den Absturz der A 321 sagt Wenediktow: "Wenn Journalisten nicht offen berichten können, werden wir nie erfahren, dass der Terroranschlag ein Terroranschlag war und dass man nicht mehr nach Ägypten fliegen sollte. Wir werden glauben, alles sei gut, und dann begraben wir weitere 224 Menschen."

Der nunmehr tote Herausgeber von Charlie Hebdo, Stéphane Charbonnier, antwortete vor zwei Jahren auf Rassismusvorwürfe mit der Bemerkung, seine Zeitschrift sei "ein Kind von 1968, ein Kind der Freiheit". Man lache, manchmal sehr laut, über die Leute an der Macht und über menschliche Tragödien, aber: "Wir verteidigen immer, immer den Menschen." In Russland ist es sehr schwer, über die Leute an der Macht zu lachen. Deswegen waren viele Russen nicht darauf vorbereitet, was Charlie Hebdo tat und tut. Es fällt ihnen schwer, die Botschaft der französischen Journalisten zu entziffern.

Russland hat seine eigenen Brüder Kouachi - auch solche, die nicht schießen

Das liegt auch daran, dass Russland seine eigenen Brüder Kouachi hat. Journalisten werden ermordet, aber zu denjenigen, die am liebsten die Meinungsfreiheit töten würden, gehören auch Leute, die nicht auf Journalisten schießen. Leute, die Anfang der Nullerjahre aus unabhängigen Medien Propagandainstrumente machten. Redaktionen, die diesem Druck standhielten, kämpfen heute ums Überleben - ein normaler journalistischer Alltag ist das nicht. Die russischen Brüder K. sind besorgt, dass der Fernsehzuschauer irgendwann aus seinem patriotischen Koma erwacht und sagt: Je suis Charlie. Und dann anfängt, ungemütliche Fragen zu stellen, etwa zur Passagiermaschine über dem Sinai.

In diesem Monat feierte der Journalist Oleg Kaschin zum fünften Mal seinen "zweiten Geburtstag". Die Auftraggeber des Überfalls auf ihn sind mittlerweile bekannt, aber bestraft wurden sie nicht. Und sie werden auch nicht bestraft werden, solange es in Russland keine Zeitschrift wie Charlie Hebdo gibt. Solange die Pressesprecherin des Außenministers Fotos postet, unter denen Internetkommentatoren Morddrohungen an Journalisten aussprechen. Solange der Präsident der Teilrepublik Tschetschenien jeden zu seinem persönlichen Feind erklärt, der "Je suis Charlie" sagt. Wir können Karikaturen geschmacklos finden, aber wir können uns nicht über den Tod ihrer Zeichner freuen. Man sollte aber auch nicht ins andere Extrem fallen, wie etwa der Aktionskünstler Pjotr Pawlenski, der aus Protest seinen Hodensack am Roten Platz festnagelte und zuletzt ein Feuer an der Tür der Zentrale des Geheimdienstes FSB legte. Manchmal reicht es, dass man aufsteht und sagt: "Je suis Charlie, immer noch und für immer."

Elena Servettaz ist russisch-französische Journalistin und Moderatorin bei Radio France International in Paris und Analystin beim Institute of Modern Russia. Zuletzt erschien von ihr das Buch "Why Europe Needs a Magnitsky Law". Aus dem Russischen: Tim Neshitov