„Ich gehe nachts joggen, das sollten Sie auch mal probieren“, sagt Maria Aljochina. Beim morgendlichen Treffen in der Lobby eines Kölner Hotels wirkt die Pussy Riot-Aktivistin zwar nicht ganz ausgeschlafen, aber sehr wach. Soeben ist im Berlin-Verlag ihr Buch „Political Girl“ erschienen, in dem sie ihre Erlebnisse vom Tag ihrer Entlassung aus einer russischen Strafkolonie bis zu ihrer Flucht aus Russland 2022 in kurzen, assoziativen, bestürzenden, oft aber auch überraschend komischen Kapiteln beschreibt. Im vergangenen September wurden sie und vier weitere Mitglieder von Pussy Riot wegen „Diskreditierung der russischen Streitkräfte“ von einem Moskauer Gericht in Abwesenheit zu Haftstrafen zwischen acht und 13 Jahren verurteilt. Mittlerweile hat Maria Aljochina einen isländischen Pass, hat ihren Lebensmittelpunkt aber nicht auf der Insel, sondern reist ständig herum. Die längste Zeit an einem Ort am Stück hat sie im Frühling in der Ukraine verbracht. „Ich will mir kein zweites Heim im Westen aufbauen“, sagt sie – obwohl ihr klar sei, dass sie nicht so bald nach Russland zurückkehren werde. Ihr 18-jähriger Sohn wohnt mittlerweile in Litauen. Am Tag, an dem er seinen isländischen Pass bekam, erhielt Aljochinas Mutter in Russland den Einberufungsbescheid für ihn. Um ihre eigene Sicherheit, so die Dissidentin, mache sie sich keine Gedanken.
Pussy-Riot-Aktivistin Maria Aljochina„Es gibt einen Unterschied zwischen Cancel-Culture und einer zehnjährigen Gefängnisstrafe“
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Maria Aljochina saß Jahre in einer russischen Strafkolonie, dann konnte sie aus Russland fliehen. Ist sie seitdem vorsichtiger geworden? Kein bisschen.
Von Alexander Menden
