Netzkolumne:Der digitale Eiserne Vorhang

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Netzkolumne: Möglichkeit zur vollständigen staatlichen Zensur: Moskauer Zentrale des russischen Suchmaschinenkonzerns Yandex.

Möglichkeit zur vollständigen staatlichen Zensur: Moskauer Zentrale des russischen Suchmaschinenkonzerns Yandex.

(Foto: imago stock&people/imago/Russian Look)

Was Russland tut, um sich vom globalen Internet abzukoppeln.

Von Michael Moorstedt

Auch im russischen Internet ist knapp zwei Wochen nach dem Überfall auf die Ukraine nichts mehr wie es einmal war. Ende der vergangenen Woche unternahm etwa die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor letzte Schritte, um nach Twitter und Facebook auch Instagram zu blockieren. Der Konzern Meta, zu dem Facebook gehören, soll derweil als "extremistische Organisation" gänzlich verboten werden.

Ein beliebtes Mittel, entsprechende Sperren zu umgehen sind sogenannte Virtual Private Networks (VPN). Derartige Programme sind auch für technisch wenig versierte Nutzer leicht verständlich und bieten die Möglichkeit auch unter Nutzung von öffentlichen Netzen den eigenen Internetzugriff zu verschlüsseln und Informationen über die Identität des Nutzers, etwa den Standort, zu verschleiern. Auch gesperrte Websites können mittels VPNs noch aufgerufen werden. Anbieter entsprechender Apps sprachen in den vergangenen Tagen von einem Downloadzuwachs von 1000 Prozent.

Offiziell sollen die Maßnahmen dafür sorgen, besser gegen Cyberattacken aus dem Westen gewappnet zu sein

Es ist jedoch gut möglich, dass es schon bald noch schwieriger werden wird, von Russland aus, halbwegs unabhängige Informationen zu erlangen. Das Land soll sich darauf vorbereiten, sich vom "globalen Internet abzukoppeln" und das sogenannte RuNet aufbauen. Mangels passender Vergleiche behilft man sich mit der ungelenken Metapher eines "digitalen eisernen Vorhangs".

Was das bedeutet? Grob gesagt geht es darum, Nutzer und Anwender nicht nur hinsichtlich der gezeigten Inhalte isolieren, sondern auch auf technischer Seite. Die gesamte Infrastruktur, die nötig ist, Daten von einem zum anderen Ort zu bringen, solle sich in Zukunft auf russischem Boden befinden. Dazu gehört neben den eigentlichen Servern, auf denen die Daten gehostet werden auch das Domain Name System (DNS), das gemeinhin mit einem Telefonbuch für das Internet verglichen wird.

Offiziell sollen die Maßnahmen dafür sorgen, dass das Land besser auf Cyberattacken aus dem Westen vorbereitet ist. Das RuNet ist jedoch keine kurzfristige Propagandaaktion. Pläne dafür gibt es bereits seit spätestens 2019, als ein entsprechendes Gesetz verabschiedet wurde. Großflächig angelegte Tests fanden dann 2021 statt, etwa nach der Verhaftung des Kreml-Kritikers Alexei Nawalny oder im Vorfeld der russischen Parlamentswahl. Damals wurde der Zugang zu Twitter massiv gestört.

Längst gibt es linientreue Alternativen zu den Facebook und Google

Nun seien zunächst nur öffentliche und staatliche Websites von den Einschränkungen betroffen. Theoretisch lassen sich die neuen Regeln aber auch auf private Anbieter ausweiten. Das würde für ein noch strikteres Informationsregime sorgen. Mit der Suchmaschine Yandex und dem sozialen Netzwerk vk.com gibt es bereits heute linientreue Alternativen zu westlichen Internetdiensten. Nicht zuletzt stammt auch der Messagingdienst Telegram - hierzulande vor allem in der Coronaleugner-Szene enorm beliebt - ursprünglich aus russischer Hand.

Durch den erzwungenen Umzug auf russische DNS- und Hosting-Server hätten die Kontrollbehörden nach Ansicht von Experten auch einen weitreichenden Zugriff auf diese Angebote. Beides ermögliche praktisch eine vollständige staatliche Zensur oder eben auch - im Falle des Falles - Blockade von Informationen aus der öffentlichen Hand. In anderen autoritären Regimen wie Iran, Nordkorea oder auch China wird eine ähnliche Form der Datenkontrolle bereits angewandt.

Ironischerweise vollzieht Russland damit indirekt eine Forderung der Ukraine. Die hatte erst Ende Februar bei der supranationalen Aufsichtsbehörde ICANN beantragt, Russland vom Rest des Internet zu trennen. Damals hatten die Netz-Hüter auf ihre Neutralität verwiesen. Nun macht man es selbst.

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