Russland Dann sagte irgendjemand: "Fass!"

Alexej Malobrodskij arbeitete als Produzent für die Theaterplattform "Studio 7". Hier bei einer Anhörung vor einem Moskauer Gericht.

(Foto: imago/ITAR-TASS)
  • An diesem Mittwoch beginnt der spektakulärste Prozess gegen russische Künstler seit dem Ende der Sowjetunion.
  • Den Theatermachern Kirill Serebrennikow, Alexej Malobrodskij, Jurij Itin und Sofia Apfelbaum wird vorgeworfen, Fördergelder in Höhe von umgerechnet etwa 3,3 Millionen Euro unterschlagen zu haben.
  • Einige Beobachter verstehen den Prozess als Attacke auf das kritische moderne Theater in Russland.
Von Julian Hans

Wahrscheinlich muss man einfach ein sehr zäher Mensch sein, um in diesem Land Kunst zu machen. Zusätzlich hilft es, wenn man die Gabe besitzt, aus kleinen Dingen Optimismus zu schöpfen. Abgesehen von einer ruinierten Gesundheit und abgesehen davon, dass ihm elf Monate Lebenszeit geraubt wurden, sei er im Grunde gut zurecht gekommen während seiner Untersuchungshaft, sagt Alexej Malobrodskij. Im Mai brachte ihn der Notarzt von einem Termin beim Haftrichter wegen seines kranken Herzens direkt auf die Intensivstation. Wenig später kam er frei. Die Auflage: Er durfte Russland nicht verlassen.

Wenn an diesem Mittwoch in Moskau der spektakulärste Prozess gegen russische Künstler seit dem Ende der Sowjetunion eröffnet wird, sitzt der Theatermacher Malobrodskij auf der Anklagebank. Neben ihm der Regisseur Kirill Serebrennikow, der Theaterdirektor Jurij Itin und die Theatermanagerin Sofia Apfelbaum. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, zwischen 2011 und 2014 Fördergelder in Höhe von umgerechnet etwa 3,3 Millionen Euro unterschlagen zu haben. Als Abteilungsleiterin im Kulturministerium habe Apfelbaum Subventionen bewilligt, die ihre Mitverschwörer über Scheinfirmen in die eigenen Taschen abgezweigt hätten.

Teilweise sind die Vorwürfe skurril. So sei zum Beispiel das Theaterstück "Ein Mittsommernachtstraum" nie produziert worden, dabei steht es bis heute auf dem Spielplan von Serebrennikows Gogol-Zentrum in Moskau. Malobrodskij hat für ein Treffen ein Café neben der Metro-Station Majakowskaja ausgesucht, benannt nach dem Dichterhelden der frühen Sowjetunion. Er bestellt einen frischen Orangensaft; auch fünf Monate nach seiner Entlassung aus der Haft sieht der Sechzigjährige aus, als könne er Vitamine gut gebrauchen.

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Wenn er davon erzählt, wie alles begann, klingt das wie eine Geschichte aus einer anderen Epoche. Damals war Dmitrij Medwedew Präsident, ein Mann mit zumindest gemäßigt liberalen Ansichten und einer technokratisch-progressiven Agenda. Sein Kulturminister Alexander Awdejew war ein erfahrener Diplomat, ihm lag an internationalem Austausch. Serebrennikows Idee für eine Plattform, die zeitgenössisches Theater fördern und bekannt machen sollte, stieß auf Interesse. Sie nannten sie Studio 7.

Der Erfolg war überwältigend, für manche vielleicht zu viel. Serebrennikows Gogol-Zentrum ist sieben Jahre später weltbekannt als Labor für modernes, experimentelles Theater, wobei Russland bisher vor allem für sorgfältig konservierte Klassiker stand. Der Regisseur wurde an die Komische Oper Berlin eingeladen und an die Stuttgarter Oper, seine Filme auf den Festivals in Cannes und Locarno gezeigt.

Derweil drehte zuhause der Wind. Mit seiner Rückkehr in den Kreml hatte Wladimir Putin 2012 eine konservative Wende eingeschlagen. "Traditionelle Werte" sind angesagt, und der neue Kultusminister Wladimir Medinskij sieht es als seine Aufgabe, sie im Verbund mit dem orthodoxen Klerus gegen moderne Exzesse und westliche Einflüsse zu verteidigen.

"Wir verstehen zeitgenössische Kunst als Forschung", sagt Malobrodskij. Aber wer die ausgetretenen Pfade verlasse, gehe eben Risiken ein. "Die Ergebnisse sind nicht vorhersehbar, man weiß vorher nicht, zu welchen Schlüssen ein Künstler kommt. Das erschreckt das konservative Lager."

Während der fast einjährigen Untersuchungshaft hatte er viel Zeit, darüber nachzugrübeln, wie er und seine Kollegen in die Mühlen des russischen Justiz- und Strafsystems geraten sind. Er erklärt es sich so, dass irgendjemand das Kommando "Fass!" gegeben hat, aus Eigennutz oder aus Kränkung. Dann beginnt das System zu arbeiten, die Untergebenen erfüllen ihre Aufgaben ohne moralische Hemmungen. "Sie sind bereit, Gesetze zu verletzen, Beweise zu fälschen und falsche Zeugenaussagen zu erzwingen", sagt Malobrodskij. Drei Beschwerden hat er deswegen an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gestellt. Unter anderem, weil er in Haft kam, bevor formell Anklage erhoben wurde. Aber die letzte Frage bleibt offen: "Wer dahinter steht, weiß ich nicht. Und wahrscheinlich werde ich es nie herausfinden."

Alle vier Angeklagten sind Juden

Eine ehemalige Buchhalterin des Gogol-Zentrums hat nach Monaten in Untersuchungshaft ein Geständnis abgelegt. Ihr Fall wurde in ein eigenes Verfahren ausgegliedert. Kurz zuvor hatte die an Diabetes, Bluthochdruck und einem Herzfehler leidende Frau zu Menschenrechtlern gesagt, die sie in der Zelle besuchten: "Ich bin zu allem bereit, ich werde mit den Ermittlern zusammenarbeiten, wenn ich nur hier rauskomme."

Auch ihn habe man versucht, mürbe zu machen, erzählt Malobrodskij. Als er kein Geständnis ablegen wollte, wurde er in eine Sammelzelle mit Drogensüchtigen und Gewaltverbrechern verlegt. Die größte Kränkung aber sieht er darin, eines Verbrechens angeklagt zu sein, dass er nicht begangen habe: "Das ist ein großer Schaden für meinen Ruf." Und die Reputation sei in seinem Metier ein Kapital, das man über Jahre aufbaut.

Viele in Moskau vermuten Bischof Tichon hinter der Attacke auf das moderne Theater. Tichon, der manchmal als Beichtvater Putins bezeichnet wird, ist zweiter Vorsitzender im Rat für Kultur beim Moskauer Patriarchat. Das kirchlich-staatliche Gremium gibt ideologisch seit einigen Jahren den Ton an in Russland. Ein offen schwuler Regisseur, seine verstörenden Inszenierungen oder Klerus-kritische Stücke wie "Der Märtyrer" von dem Berliner Autor Marius von Mayenburg kommen dort nicht gut an.

Dazu kommt, dass alle vier Angeklagten Juden sind. Bereits im vergangenen Jahr gab es eine Kampagne gegen den jüdischen Regisseur Alexej Utschitel und dessen Film "Mathilda" über die Liebschaft des letzten Zaren mit einer Ballerina. Auf einer von Tichon organisierten Konferenz berieten Russlands oberste Ermittler und orthodoxe Geistliche darüber, ob es sich bei der Tötung von Nikolai II. vor 100 Jahren vielleicht um einen Ritualmord handelte.

Ob Tichon hinter dem Verfahren gegen sie stehe, darüber könne er auch nur Vermutungen anstellen, sagt Alexej Malobrodskij. Aber der Antisemitismus habe im Land lange Tradition. "Jedes Mal, wenn die offizielle Ideologie in eine Krise gerät, taucht irgendwann die jüdische Frage auf."

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