Russische Revolution Stimmen von 1917

Für den Schriftsteller Iwan Bunin war der August 1917 ein Monat voller schönen Wetters und böser Vorahnungen.

Für den Schriftsteller Iwan Bunin, den künftigen Nobelpreisträger, ist der August 1917 ein Monat voller schönen Wetters und böser Vorahnungen. Und eine Fortsetzung seiner literarischen Durststrecke. Bunin ist damals 46 Jahre alt, ein in Russland längst anerkannter Schriftsteller ("Das Dorf", "Die Grammatik der Liebe", "Der Herr aus San Fransisco"), Sohn einer verarmten südrussischen Adelsfamilie, ein schlanker, rastloser Ästhet mit einem Hang zur Boheme. Aber eine tiefe Seele. Jemand, mit dem Anton Tschechow seinerzeit ausnahmsweise über das Jenseits sprach.

Bunins geliebter Tschechow ist seit 13 Jahren tot, Russland schlittert in eine Diktatur des Proletariats, und Iwan Bunin verbringt den Sommer mit seiner Frau Vera auf dem Gut Glotowo in Südrussland. Das Gut gehört Bunins Cousine. Sein nächstes großes Werk werden die "Verfluchten Tage" sein, ein Revolutionstagebuch von gnadenloser Sprachgewalt gegenüber Lenins Russland, und ein Abschied von der Heimat. Die Bunins werden sich im Januar 1920 in Odessa einschiffen und über Istanbul nach Frankreich fliehen. In Grasse wird Bunin 1933 den Nobelpreis zugesprochen bekommen, in Paris wird er 20 Jahre später sterben, einige Monate nach Stalins Tod, ohne Russland je wiedergesehen zu haben.

1. August 1917

Gutes Wetter (...) Erste Anzeichen vom Herbst: Der Glanz des blauen Himmels und die weißen Wolken, ich lief inmitten der Bäume nahe Kolontajewka auf diesem Weg, auf dem es immer feucht ist. Ein Gerücht von Lida Losinskaja: Iw. S. hat im Laden erzählt, die Leute hätten bei einer Versammlung von einer "Archolomäus-Nacht" gequasselt, es werde ein Telegramm von irgendwoher erwartet, von wegen: Alle "Burschujs" abmurksen (Bauernsprech für Bourgeoisie - Red.), angefangen bei Barbaschin.

2. August

Ein sehr kalter Morgen, Raureif (...) Ein wunderbarer Tag. Um zwei sind wir nach Peski gelaufen, durch den Garten, durch die Allee. Es ist bereits ruhig. Ruhig liegen Lichtflecken auf der trockenen Erde, in der Allee, leicht rosa. Das Laub hat die Farbe des Sonnenuntergangs. Ich blickte zurück: Durch den Garten schimmert das ungemalte, vertrocknete Eisendach der Scheune in perfektem Gold (die Stellen, wo die Rostschalen abgeblättert sind).

Wieder mal Maupassant gelesen. Vieles nehme ich auf eine neue Art wahr, von oben nach unten. Habe etwa fünf Erzählungen gelesen - lächerliches Zeugs, hinterlässt keinen Eindruck, alles ist pfiffig, sogar unangenehm geckenhaft-literarisch gemacht.

3. August

Wieder ein wunderbarer Tag, ein Wind aus dem Osten, fühlt sich im Schatten angenehm kühl an. Schwül in der Sonne. Die fernen Gegenden liegen in grünlich-blauem Dunst: trocken, unheimlich dünn. Ich lese weiter Maupassant. Es gibt hervorragende Stellen. Er ist der Einzige, der immer wieder gewagt hat zu sagen, dass das Menschenleben von der Lust nach der Frau beherrscht wird.

4. August

Nachts ist Schenja abgereist (nach Jefremow). Fast der ganze Morgen ist für Zeitungen draufgegangen. Wieder dieser Schmerz, diese Verletzung bis aufs Blut, die hilflose Wut! Ein Aufstand in Jegorjewsk im Gouvernement Rjasan wegen der Wahl zum Stadtparlament, angezettelt vom Moskauer Bolschewiken Kogan. Ein Vertreter des Rates der Bauern- und Arbeiterabgeordneten verhaftete den Bürgermeister, betrunkene Soldaten und andere aus dem Mob töteten ihn. Auch sein Stellvertreter wurde getötet. Das Neue Leben ist weiterhin furchtbar! Ein frecher Brief von Trotzki aus dem Kresty (Gefängnis in Sankt Petersburg - Red.) - veröffentlicht im Neuen Leben. Das Wetter: Man kann sich kein besseres wünschen! Wenn ein Mensch seine Fähigkeit, auf das Glück zu warten, noch nicht verloren hat, ist er glücklich. Glück ist nichts anderes als das.

8. August

Am sechsten war ich in Kamenka bei Pjotr Semjonowitsch. Es regnete, während ich bei ihm saß. Er ist fleischgewordene Gleichgültigkeit gegenüber allem, was in Russland passiert. "Ich brauche keine Grundstücke." "Brotbeschlagnahmungen? Dann werde ich halt nicht arbeiten, schert euch zum Teufel!" Andauernd schönes Wetter. Heute sind Kolja und ich nach Ismalkowo. Ein idealer Augusttag. Ein Lüftchen aus dem Norden, alles trocken, alles glänzt, Hitze. Als wir hinter Rostowzews Damm den Hügel hochgingen, dachte ich: Es gibt Tage, da steht um ungefähr vier Uhr ein Dreiviertelmond im Himmel, und keiner hat je so einen glänzenden Tag mit Mond beschrieben. Ich liebe den August, die Pracht, die Fülle, vor allem die Schrebergärten, das Grüne, die Kartoffeln, den hohen Hanf, die Sonnenblumen. Die Bauern dreschen, frisches Stroh neben dem Silo, das rote Kopftuch auf einem Bauernweib ...

Ich fuhr Kolja zur Post und wartete auf ihn neben dem Metzgerladen. Neben dem Getreideheber zogen sie an etwas: Ein Häufchen Menschen kippte auf einmal zu Boden. Im südlichen Himmel traten rosa Wolken hervor. Wir fuhren nach Hause und begegneten am Rande der Weide einer Dame und einem Herrn aus dem Gut der Komarowskis. Der Herr ganz ausgeleiert, so ein Intellektueller: Die gelbliche Hose schlabbert, auf den Füßen wahrscheinlich Sandalen, ein breiter Gürtel, Hemd, weicher Hut, die Krempen nach unten gebogen, Schnauzbart, Ziegenbärtchen - á la Maler.

13. August

Wie gestern schon, ein Tag mit diversen Wolken und Wölkchen, einem Himmel ungewöhnlicher Schönheit. Gestern bin ich mit Kolja wieder zu Fjodor Dimitrijewitsch, Honig holen. Eine rührende Vorahnung des Herbstes. Heute ist Kolja nach Jefremow hin. Die Köchin ist nun ganz abgereist, mit ihren Kindern, mit dem kleinen Schorsch. Ich stand neben der Kutsche, hab mit ihm gescherzt, ihn geküsst (wie bereits mehrmals früher). Sie sind weggefahren und haben mir nicht mal mit dem Kopf zugenickt. Tiere! Julij (Bunins älterer Bruder - Red.) und ich sind zu Was., dem Wächter. Wolken sind hin und her geflogen, es war heiß. Dann klarte es auf, wunderbares Wetter. Wir saßen in der Talsenke, lasen Zeitung. Dann durchs Dorf gelaufen. Dreck überall, alles zerfällt. Eigentlich tut hier niemand irgendwas fast das ganze Jahr über.

14. August

Ich wachte von einer jugendhaft starken Erektion auf. Habe geträumt, dass sich mir ein Mädchen hingibt, das durch eine einfache frische Schönheit bezaubert. Ein Bauernmädchen arbeitet etwas mit einem Eisenspaten, holt weit aus und stellt ihren Fuß auf den Spaten: Ich sah das, als ich tagsüber auf den Hof trat, und war erregt. Habe "Unser Herz" (der letzte Roman von Guy de Maupassant - Red.) zu Ende gelesen. Kunstvoll, stellenweise sehr gut, aber es hat mich kaltgelassen. Derart lang und immer über das Gleiche, im Endeffekt Banale. Der Held ist überhaupt nicht lebendig und steckt nicht mit Mitgefühl an, die Heldin ist sichtbar, aber auch sie ist wie tot. Hab morgens etwas an der "Liebe" geschrieben, ein bisschen nur: Ein Morgen in Odessa (der Beginn von irgendwas, ich weiß noch nicht von was).

15. August

(...) Auf dem wogenden Fichtengrün im Fenster hängen Tropfen wie Glasperlen. Aus der Wasserrinne rauscht es. Kuskowas Artikel: "Repressionen bringen nichts. Man muss das Dorf aufklären. Fußball usw."

18. August

Um eins ist Julij abgereist, nach Moskau. Der Sommer ist vorbei! Ich bin traurig, es tut weh, Julij tut mir leid, ein bitteres Schuldgefühl, dass ich den Sommer nicht besser genutzt habe, dass ich wenig Zeit mit Julij verbracht habe, wenig mit ihm gesessen, wenig mit ihm ausgefahren bin. Wir sind wohl überhaupt alle sehr schuldig einander gegenüber. Aber man spürt es erst beim Abschied. Wie viele solche Sommer haben wir noch miteinander? Und wenn es diese Sommer noch geben wird, werden sie trotzdem immer weniger. Und dann? Jeder in sein Grab! Es tut so weh, alle Gefühle sind derart angespitzt, alle Gedanken und Erinnerungen derart scharf! Und wie stumpf wir sonst sind! Wie ruhig! Braucht es wirklich diesen Schmerz, damit wir das Leben schätzen? Ich lese dieser Tage eins von Vernon Lees Italien-Büchern (Vernon Lee: Pseudonym der britischen Schriftstellerin und Essayistin Violet Paget - Red.). Sie begeistert sich in einem fort über dieses und jenes, alles ist bei ihr fein, es geht nur um das Schöne, das Anmutige - das macht einen bald wütend.

Aus dem Russischen von Tim Neshitov.