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Russische Literatur:Die Duellanten als Lausebengel

Porträt der Dichterin Gräfin Jewdokija Rostoptschina (1811-1858)

Jedwokija Rostoptschina.

(Foto: Fine Art Images)

"Verachtung! Ja, Verachtung!" Jewdokija Rostoptschinas Fünfakter "Die Menschenfeindin" ist ein Drama wie kein anderes. Jetzt erscheint es erstmals in deutscher Übersetzung.

Russland, Ende der 1840er-Jahre. Eine Frau sitzt am Schreibtisch zwischen Marmorstatuen und Alabastervasen und beendet ihre Memoiren mit den Worten: "Verachtung! Ja, Verachtung!" Begeisterung durchzuckt sie ob der negativen Schönheit des Begriffs, der so genau die Konsequenz auszudrücken scheint, die sie aus ihrem Leben gezogen hat. Die Frau, die hier schreibt, ist Zoë, Hauptfigur des fünfaktigen Dramas "Die Menschenfeindin", verfasst von Jewdokija Rostoptschina. Gerade hat Alexander Nitzberg im Wiener Klever Verlag eine Werkausgabe besorgt, die diese singuläre Autorin erstmals umfangreich auf Deutsch vorstellt, und dem beschwingten Misanthropendrama eine Auswahl ihrer besten Gedichte beigesellt.

Zoë, die im Nachwort des Herausgebers als weiblicher Dandy beschrieben wird, ist eine zu großen Teilen autobiografische Figur. Rostoptschina, die 1811 in den Moskauer Hochadel hineingeboren wurde und sich unter ihrer geistlosen Verwandtschaft ziemlich verloren gefühlt haben muss, hat früh in deutschen und französischen Romanen ebenbürtige Gesprächspartner gesucht und dann schnell selbst angefangen zu schreiben.

Ihr erstes Gedicht, "Der Talisman", veröffentlichte sie mit knapp 20 Jahren in einer Zeitschrift des Puschkin-Kreises. Da ihr Pseudonym aufflog, wurde ihr bedeutet, dass sich dies für eine unverheiratete Frau nicht zieme, und so folgte ihr erster Publikationsschub erst nach der Heirat mit Andrej Rostoptschin, dem schwerreichen Sohn des berüchtigten Oberkommandeurs von Moskau, der die Stadt im Jahr 1812 in Brand hatte setzen lassen.

Die Ehe ermöglichte ihr ein Leben in Prunk zwischen Moskau, St. Petersburg und den angestammten Gütern. An ihrer inneren Einsamkeit änderte sich freilich nichts, und so suchte und fand sie die Nähe zu anderen Dichtern, allen voran Puschkin und Lermontow, Nummer eins und zwei der ewigen Bestenliste russischer Poeterei. 1841, kurz vor seiner Abreise in den Kaukasus, wo er einem Duell zum Opfer fallen wird, widmete Lermontow ihr sein Abschiedsgedicht "An die Gräfin Rostoptschina", notabene kein Liebesgedicht, sondern ein Gedicht auf Augenhöhe, Dichter spricht zu Dichterin. Im selben Jahr erschien ihr erster Gedichtband, den die Kritik teils überschwänglich lobte.

Zwischen 1845 und 1847 unternahm sie mit der Familie eine Auslandsreise, die sie in ihr Sehnsuchtsland Italien brachte, wo sie unter anderem eine Aversion gegen reisende Engländerinnen entwickelte. Die Tour führte auch durch Polen, das damals unter russischer Herrschaft stand und dessen Situation Rostoptschina zu dem allegorischen Gedicht "Zwangsheirat" inspirierte. Nikolaj Gogol riet ihr zu, das Gedicht zur Veröffentlichung einzuschicken, in der Erwartung, dass die Allegorie nicht bemerkt würde. Veröffentlicht wurde es auch, allerdings waren die Zensurbehörden hinterher und zogen die entsprechende Zeitschrift aus dem Verkehr. Die Veröffentlichung sollte nachhaltige gesellschaftliche Folgen für die Autorin haben. Ihre autobiografische Tragödie "Die Menschenfeindin" schrieb sie mit 37 Jahren, im Sommer 1849 auf ihrem Gut in Woronowo unweit von Moskau. Ihr Alter Ego Zoë, wie sie selbst reich ausgestattet mit diversen Gütern, zelebriert eine Verachtung der Welt, die zu einem unerbittlichen Sarkasmus geronnen ist. Vor allem lehnt sich Zoë gegen ihre Objektivierung als Frau auf und beschreibt in dynamischen Blankversen die durch die Männerwelt erlittenen Enttäuschungen und Kränkungen.

Ein junger adliger Draufgänger, wettet um 500 Rubel, dass er "die Löwin zähmen" kann

"Die Menschenfeindin" ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Im ersten Akt bringt eine Wette die Handlung in Gang, am Ende des Stücks wird ein Duell verabredet, das auf sagenhafte Weise endet. Valentin, ein junger adliger Draufgänger, wettet um 500 Rubel, dass er "die Löwin zähmen" und die als "teuflisch kluge", weit gereiste und unnahbar geltende Zoë für sich gewinnen kann. Dies gelingt dann nicht so, wie geplant, zumal Zoë schnell dahinterkommt und Valentin sich tatsächlich verliebt. Als er langsam alle Hoffnung fahren lässt, taucht auch noch Graf Jurij auf, Zoës ehemaliger Verlobter. Er hatte sie Jahre zuvor verlassen, weil sein Vater besorgt war um den Leumund der Braut, und sucht sie nun zurückzugewinnen.

Sofort geraten Valentin und Jurij aneinander und beschließen, weil man das halt so macht, sich zu duellieren. Doch kommt Zoë auch hinter diesen Plan und stellt die beiden, kurz bevor sie sich die Köpfe einschießen können. Sie schilt sie "wie kleine Lausebengel" und macht sich darüber lustig, dass sie sich ihretwegen duellieren wollten: "Sie sind / mir beide fremd, mir beide gleich zuwider!" Das verhinderte Duell wird zum sarkastischen Highlight literarischer Gesellschaftskritik. Zoë zwingt die beiden, mit dem Unsinn aufzuhören und sich die Hand zu geben. Am Ende hat sie sich ihrer Peiniger auf elegante Weise entledigt und bleibt allein zurück auf ihrem Gut, selbstbestimmt und hoffnungsfroh.

Die Rolle Rostoptschinas gerade als Dramatikerin kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts hinein wurden Theaterdichterinnen bei der Kanonisierung systematisch benachteiligt. Eine Folge davon ist, dass in veröffentlichten Dramen von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts durchschnittlich dreimal mehr männliche als weibliche Figuren auftreten. Während zur selben Zeit wie die Rostoptschina Turgenjew und Ostrowski die Schicksale junger Frauen aus bürgerlichen Milieus auf die Bühne bringen, sticht die Zoë der Rostoptschina heraus. In einem Brief an den Dramatiker Fjodor Koni schrieb die Autorin 1854: "Ich versuche, Frauen besonders interessant, die Männer besonders platt aussehen zu lassen". Das ist ihr in der "Menschenfeindin" zweifellos gelungen.

Rostoptschina starb 1858 im Alter von 46 Jahren. Ihr Werk wurde danach erbarmungslos herabgewürdigt, teilweise von Dichtern, die sie zuvor ihrerseits unterstützt hatte. In Kanonnähe gelangte sie nie. In Reinhard Lauers verdienstvoller, über 1000-seitigen "Geschichte der russischen Literatur" wird ihr Name genau ein Mal erwähnt. 2017 erschien in Russland endlich eine Biografie, und auch sonst dürfte sich ihr Name durch die Arbeit Alexander Nitzbergs herumsprechen, der sie zu Recht mit dem Epitheton der "bedeutendsten russischen Dichterin des 19. Jahrhunderts" bedacht hat.

Jewdokija Rostoptschina: Die Menschenfeindin. Gesammelte Dichtungen. Hrsg. von Alexander Nitzberg. Wien, Klever Verlag 2019. 220 S., 22 Euro.