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Russische Avantgarde:Suprematismus vor Gericht

Rita Kersting und Petra Mandt mit einem Bild aus der Sammlung der Russischen Avantgarde des Museums Ludwig in Köln.

(Foto: Falko Alexander)

Das Museum Ludwig durchforscht seine Sammlung, findet Fälschungen - und wird verklagt.

Von Catrin Lorch

Das Kölner Museum Ludwig hat die eigene Sammlung russischer Avantgarde einer gründlichen Prüfung unterzogen und dabei einige Fälschungen entdeckt. Erste Ergebnisse werden vom kommenden Wochenende an mit der Ausstellung "Russische Avantgarde - Original und Fälschung, Fragen, Untersuchungen, Erklärungen" öffentlich gemacht. Die Kuratoren mussten ihre Forschungen allerdings bereits im Vorfeld gegen die Klage einer Galerie verteidigen, wie Rita Kersting, Stellvertretende Direktorin des Museums, und die Restauratorin Petra Mandt berichten.

Warum sind Ihnen Zweifel an der Authentizität Ihrer Sammlung gekommen?

Petra Mandt: Das Projekt hat damit angefangen, dass ich stutzig wurde, dass im 1993 veröffentlichten Katalog zur Ausstellung "Russische Avantgarde im 20. Jahrhundert. Die Sammlung Ludwig" häufig der Hinweis auf "vergleichbare Gemälde" auftauchte. Diese Doppelungen machen hellhörig. In einem Fall waren es Bühnenbild- und Kostümentwürfe von Alexandra Exter, die angeblich in Gemälde umgesetzt worden waren. Theaterentwürfe werden aber immer auf Papier ausgeführt. Das waren für uns erste Hinweise. Unter den 600 Arbeiten der Sammlung sind gut 100 Gemälde, die Hälfte haben wir jetzt gesichtet.

Rita Kersting: Wir haben dafür Forschungsgelder beantragt und Kooperationspartner gefunden - und von Anfang an stand für uns als Museum auch fest, dass wir die Ergebnisse öffentlich machen.

Sind Museen nicht eher bemüht, ihren Bestand abzusichern?

Kersting: Lange war es so, dass man fragwürdige Werke lieber im Depot versteckt hat. Aber auch andere Museen sind daran interessiert, die Russische Avantgarde gründlich zu erforschen und sich über die Ergebnisse auszutauschen. Wir sind nicht das einzige Haus, das betroffen ist. Aber wir sind die ersten, die zu diesen Fragen eine Ausstellung in einem großen Rahmen vorbereiten.

Wäre es nicht angemessen, erst die Diskussion unter Fachleuten abzuwarten?

Kersting: Wir haben mit vielen internationalen Fachleuten gearbeitet, und es wird ein zweitägiges Symposium geben. Es ist unsere Aufgabe, Transparenz herzustellen und mit unserer Sammlung und ihrer Geschichte kritisch umzugehen. Diese Gemälde gehören der Stadt Köln, also den Bürgerinnen und Bürgern.

Experten aus dem Bereich der russischen Avantgarde beklagen, dass Anwälte ihre Arbeit erschweren und sie vor allem bei Gutachten in komplizierte juristische Verfahren verwickelt werden. Sie sind jetzt schon vor der Vernissage von der Galerie Gmurzynska verklagt worden.

Kersting: In dieser Galerie hat unser Stifter Peter Ludwig gut zwei Drittel dieser Werke gekauft. Wir sollten als öffentliche Einrichtung aufgrund des Informationsfreiheitsgesetzes vor der Eröffnung der Ausstellung unsere Gutachten an sie weitergeben. Forschung ist jedoch von der Informationsfreiheit geschützt. In der ersten Instanz bekam Gmurzynska Recht - nach unserer Beschwerde hat das Gericht in der zweiten Instanz unsere Forschungen im Sinn des Gesetzes anerkannt. Auch wenn unser Hauptfokus nicht auf der Forschung liegt, so findet sie im Museum doch statt und ist die Grundlage unseres Tuns.

Wollte die Galerie das Ausstellungsprojekt unterbinden?

Kersting: Über die Beweggründe kann ich nichts sagen. Wir hatten im Vorfeld übrigens bei der Galerie Gmurzynska um Auskünfte geben und sie zum Symposium eingeladen. Das haben sie abgelehnt.

Mandt: Wir glauben, dass sich das Publikum auch für naturwissenschaftliche Methoden interessiert, für das Objekt als Handelsware oder Zusammenhänge der Kultur- oder Sammlungspolitik. Darauf geben wir Antworten.

Die Galerie hat Ihnen jetzt auch vorgeworfen, die Sammlung zu vernachlässigen und angeboten, sie als Ganzes - zum ursprünglichen Preis - zurückzukaufen.

Mandt: Ich glaube nicht, dass wir etwas vernachlässigen. Gerade haben wir ein Malewitsch-Gemälde neu gerahmt nach einem vom Künstler selbst entwickelten Konzept mit historischem Goldrahmen. Und für ein Bild von Natalia Gontscharowa haben wir den Rahmen basierend auf historischen Ausstellungsfotos sogar rekonstruiert.

Kersting: Die russische Avantgarde ist ein Schwerpunkt der Sammlung von Peter und Irene Ludwig und wird permanent ausgestellt. Zudem ist sie ein Besuchermagnet. Das sind wunderbare Werke.

© SZ vom 23.09.2020

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