"Russendisko" im Kino Ein Film aus anderer Zeit

Drei Russen im Berliner Nach-1990-Exil: Eine Stadt zwischen gestern und heute, Kapitalismus und Kommunismus, Geschäftemacherei und Lebenslust. Wladimir Kaminers "Russendisko" ist ein Kultbuch. Neun Jahre hat es bis zur Verfilmung gedauert, doch das Warten hat sich gelohnt.

Von Fritz Göttler

Kultbücher verfilmen sich in gewisser Weise von allein. Auch wenn es neun Jahre brauchte, bis Wladimir Kaminers Russendisko in die Kinos kommt. Trotz der diversen Adaptionsversuche, inklusive einem von Kaminer selbst.

Die Geschichte dreier Russen im Nach-1990-Exil. Sie gehen nach Berlin, dort nimmt man, zur späten Wiedergutmachung, junge Russen jüdischen Glaubens auf. Wladimir und Andrej sind sofort dabei, und sie schummeln auch ihren Freund Mischa mit in die Stadt, der gar kein Jude ist. Ein Versatzstück-Berlin. Eine Stadt zwischen gestern und heute, Kapitalismus und Kommunismus, Geschäftemacherei und Lebenslust.

"Das Theater ist elitär und kopflastig", schreibt Wladimir Kaminer zur Verfilmung: "Je revolutionärer die Theatermacher, desto spießiger ihre Kunst. Bücher sind teuer und dick und machen einsam. Was bleibt, sind Filme und Musik."

Mischa will Lieder schreiben und Karriere machen als Musiker. Es gibt Komplikationen mit der Liebe, weil er heiraten müsste, um legal im Lande bleiben zu dürfen. Dafür ist Schaukeln auf dem Dach ziemlich nützlich. Einmal gibt es einen Morgen am See, der hat ein paar Momente von "Menschen am Sonntag", ein bisschen Unschuld und Lust. Geschäftlich gibt es Zoff mit Vietnamesen, man hat ihnen ihre Vorräte geschmuggelter Zigaretten geklaut.

Matthias Schweighöfer ist Wladimir, Friedrich Mücke - der mehr kann als den Schweighöfer-Sidekick - ist Mischa, und als Andrej ist Christian Friedel im Bunde. Ein Schweighöfer-Film filmt sich inzwischen von allein, Schweighöfer gibt die Form vor, diesmal mit russischer Seele und mit Hut, damit man auch mal an Belmondo denken mag, "Außer Atem". Aber niemand muss sich dabei Gedanken machen, wie man uns für eine Figur interessiert, wie man eine Szene aus ihrem Innern strukturiert, wie man dem Komischen den nötigen emotionalen, ja auch sentimentalen Touch vermittelt.

"In meiner Heimat war das Kino beinahe der einzige Zufluchtsort für Verliebte oder für die, die es sein wollten", schreibt Wladimir Kaminer. Dass man nicht ins Kino geht, um Filme anzuschauen, das ist eine schöne Erkenntnis, aber sie kommt aus einer Zeit, als das Kino mit dem Leben noch zu tun hatte.

RUSSENDISKO, 2012 - Regie, Drehbuch: Oliver Ziegenbalg. Kamera: Tetsuo Nagata. Mit: Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke, Christian Friedel, Peri Baumeister. Paramount, 100 Minuten.