Süddeutsche Zeitung

Rumänien-Deutsche Sprachwelten:Der behagliche Anblick von Schafen

Für gleich drei der großen Literaturpreise des Herbstes nominiert: Iris Wolffs Roman "Die Unschärfe der Welt" über die Erinnerungslandschaft des Banats.

Von Meike Feßmann

Geschichten kann man auf viele verschiedene Arten erzählen, und die Kammern der Erinnerung lassen sich auf unterschiedliche Weise öffnen. Im neuen Roman von Iris Wolff behauptet eine Figur sogar, die Erinnerung sei "ein Raum mit wandernden Türen". Es ist der Klang der Sprache, ein weiches Schwingen oft kurzer Sätze, das sofort für "Die Unschärfe der Welt" einnimmt. Seine Konstruktionsmetaphern stammen aus der optischen Sphäre. Sie haben mit Nähe und Ferne zu tun. Je näher wir an etwas dran sind, desto unschärfer nehmen wir es wahr, heißt es einmal.

"Die Unschärfe der Welt" ist nach "Halber Stein" (2012), "Leuchtende Schatten" (2015) und "So tun, als ob es regnet" (2017) der vierte Roman der 1977 in Hermannstadt geborenen, im Banat und in Siebenbürgen aufgewachsenen Schriftstellerin. Bis auf wenige Momente, in denen er ein wenig betulich wird - nämlich dann, wenn er Lebensweisheiten verkündet -, hält er stilsicher die Waage zwischen Poesie und Konkretion. Iris Wolff erzählt eine Familiengeschichte zwischen den Karpaten und dem Banat und führt sie bis ins wiedervereinigte Deutschland. Sie lässt Anna-Karenina-Motive anklingen und ruft berühmte alttestamentarische und kunsthistorische Szenen auf, "Susanna im Bade" beispielsweise, oder Volksballaden wie die von den "zwei Königskindern". Aber im Grunde ist die Geschichte einfach und läuft über etwas mehr als eine Handvoll Figuren, deren Zentrum der schweigsame Samuel bildet.

Er kommt Anfang der 1970er-Jahre auf einem kleinen Pfarrhof im Banat zur Welt. Seine jungen Eltern sind gerade erst dort hingezogen und richten sich auf ganz unterschiedliche Weise in der dünn besiedelten Landschaft ein, wo es mehr Schafe als Einwohner gibt. Hannes ist evangelischer Pfarrer, mehr aus Zufall denn aus Neigung. Florentine kommt mit wenigen Dingen und Worten aus. Sie hegt ein "Unbehagen" gegen die "Unschärfe" von Aussagen.

Die ethnische Vielfalt und Vielsprachigkeit Rumäniens bildet das Fluidum, auf dem Iris Wolff navigiert. Sie macht das mit großer Selbstverständlichkeit, als wäre es keine Kunst, dies alles zu beschreiben, ohne ständig in historische Exkurse abzutauchen. Insofern ist ihr schmaler Roman das Gegenstück zu Jan Koneffkes dickleibigem Rumänien-Roman "Die sieben Leben des Felix Kannmacher" von 2011.

Musikalität und Rhythmus sind hier häufig dem Charakter diverser Sprachen abgelauscht

Samuel spricht lange kein Wort. Hannes neigt dazu, seiner Frau die Schuld dafür zu geben. Seine Mutter Karline, im Herzen noch immer Monarchistin, kann mit der Schwiegertochter nicht viel anfangen. Es gehört zu den famosen Gestaltungsprinzipien des Romans, dass solcherlei Missgunst nur angedeutet, nicht ausgepinselt wird. Wie Räder, die um ihre jeweilige Achse kreisen und zugleich miteinander verbunden sind, zentriert sich das Geschehen um wechselnde Figuren. Die Großmutter Karline bekommt einen Auftritt als Geschichtenerzählerin, in deren Sog Samuel in den Ferien gerät. Auf einem Berg bunt bezogener Matratzen lauscht er den Geschichten vom Schwarzen Meer und von der großbürgerliche Vergangenheit seiner Großmutter, die als Tochter eines Schafwoll-Industriellen aufgewachsen ist und nach Kollektivierung und Enteignung in einer Knopffabrik arbeiten musste.

Karline ergreift nicht nur beim Anblick von Schafen kindliches Wohlgefühl, auch beim Anblick von Wolken kultiviert sie ihre Innenwelt. Ob durch Schweigsamkeit wie bei Florentine und ihrem Sohn Samuel oder durch die Fantasietätigkeit Karlines: Verknappung, Verdichtung, Übertragung findet man überall. Und über das Handwerkszeug von Poesie und Psychoanalyse hinaus auch Musikalität und Rhythmus, häufig dem Charakter unterschiedlicher Sprachen abgelauscht. Die Familie spricht Deutsch als Muttersprache, aber auch Rumänisch und Slowakisch. Als Hannes von der Securitate verhört wird, versucht er sich damit zu beruhigen, dass die auf Rumänisch eingeforderten Spitzeldienste seine Innenwelt nicht wirklich berühren.

Auf gerade mal zweihundert Seiten greift der Roman weit aus. Er schildert, wie evangelische Pfarrhöfe zu Anlaufstellen von Oppositionellen wurden und erinnert an den Freikauf von Rumäniendeutschen durch die BRD als Devisengeschäft des Ceauşescu-Regimes. Einer der beiden jungen Lehrer aus Ost-Berlin, die in den 1970ern auf dem Hof Urlaub machen, bildet später das Bindeglied zur Gegenwart: Samuel, der als junger Erwachsener per Kleinflugzeug in die Bundesrepublik geflüchtet ist, begegnet ihm zufällig, und die beiden erkennen lachend, dass sie eine gemeinsame Vorgeschichte haben.

In seiner Mischung aus Schweigsamkeit, Loyalität und Attraktivität ist Samuel die auf rätselhafte Weise charismatische Hauptfigur des Romans. Mit Stana, von ihm Sana genannt, der Tochter eines slowakischen Geheimdienstpolizisten, geht er eine Liebe ein, die Jahre der Distanz überdauert. Mal stiftet ein "Badezuber-Moment" die Verbindung, mal rettet das beherzte Hochreißen einer ausgestreckten Hand ein Kind vor dem Ertrinken. Ohne Scheu setzt Iris Wolff Dinge als Symbole ein, um die Beziehung zwischen ihren Figuren rasch und dauerhaft einzurichten.

Das ist nicht fern vom berühmten "Taschentuch", das Herta Müller in ihrer Nobelpreisrede 2009 zum Ding-Symbol mütterlicher Liebe machte. Die allmorgendliche Frage, ob die Tochter ein Taschentuch dabei habe, nahm sie als "Beweis, daß die Mutter mich am Morgen behütet." Iris Wolff gehört einer anderen Generation an als Herta Müller und der Schriftsteller Richard Wagner, von dem sie ein Gedicht als Motto ihres Romans wählt. Und sie schreibt einen anderen, weniger kargen Stil. Als Kind, dem sich die Frage nach der persönlichen Verantwortung in einer Diktatur nicht stellte, kam sie 1985 mit ihrer Familie in die Bundesrepublik.

"Die Unschärfe der Welt" erzählt eine Familiengeschichte, in der geografische Koordinaten von Ordnungsmustern überlagert werden, die es nur in Seelenlandschaften gibt: Wie das Bild von der träumenden Färse, bei der ein Bauer Trost sucht, nachdem sein Sohn in der Marosch ertrunken ist. Iris Wolffs vierter Roman ist zu Recht für den Deutschen und den Bayerischen Buchpreis und den Wilhelm-Raabe-Preis nominiert. Er ist ein Zauberkunststück der Imagination, ohne ins Beliebige des bloß Vorgestellten abzudriften.

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2020. 216 Seiten, 20 Euro.

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SZ vom 10.09.2020
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