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Ruhrfestspiele:Kunst kommt von Arbeit

Szene aus Theateraufführung ´Die Seidentrommel"

Erbaulich, aber völlig unpolitisch: Die Schauspieler und Tänzer Yoshi Oida (links) und Kaori Ito in dem Theaterstück "Die Seidentrommel".

(Foto: Christophe Raynaud de Lage/dpa)

Bei der Eröffnung des Kulturfestivals in NRW stellt sich die Frage, ob Künstler während Corona endgültig im Prekariat angekommen sind.

Von Till Briegleb

Bei der feierlichen Eröffnung der 75. Ruhrfestspiele konnte man den Eindruck gewinnen, dass Künstler die neue Arbeiterklasse sind. Nicht mehr der hart malochende Prolet unter Erde oder am Fließband liefert heute den Anstoß für Mahnungen zur ökonomischen Gerechtigkeit, so wie es in den ersten Jahrzehnten dieses 1947 gegründeten Kulturfestes für Kohlekumpel noch die Regel war. Politische Unterstützung und gesellschaftliche Solidarität für die Menschen am unteren Ende der Einkommenspyramide forderten die Festredner 2021 allein für die Kulturschaffenden.

Frank-Walter Steinmeier, der sozialdemokratische Bundespräsident, der die erste Jubiläumsansprache hielt, warf sich gleich energisch für die "unverzichtbare" Kultur in die Bresche. Zehntausende Künstlerinnen und Künstler seien durch die mangelnde Hilfe der Politik in der Corona-Krise in ihrer Existenz bedroht, erklärte Steinmeier in seiner feierlichen Mahnung, die aus dem Schloss Bellevue nach Recklinghausen ins leere Festspielhaus übertragen wurde. Und dass dann diejenigen Kulturarbeiterinnen und -arbeiter, die versuchen, durch nichtkünstlerische Tätigkeiten ihr Überleben zu sichern, auch noch aus der Künstlersozialkasse (KSK) flögen, dafür erklärte Steinmeier in Reaktion auf eine aktuelle Krisendebatte, fehle ihm "jedes Verständnis".

Laschet muss gerade Werbung machen und lobt sich in seiner Videoansprache einfach selbst

Mit derartig klaren Ansagen an die Regierung, sich nach 14 Monaten Corona-Krise endlich zu einer echten und unbürokratischen Unterstützung des Kultursektors, vor allem des freiberuflichen Teils, zu bekennen, war der zweite Festredner natürlich nicht ganz so forsch. Der Kanzlerkandidat der CDU und Ministerpräsident des Ruhrpottländles, Armin Laschet, muss gerade Werbung für sich selbst machen. Also lobte Laschet - merkwürdig eingefroren in einer lächelnden Pose landesväterlicher Güte - in seiner Videoansprache eben sich selbst: 15 000 Stipendien für freischaffende Künstler im Wert von 90 Millionen Euro habe er in Nordrhein-Westfalen für eine Branche auf den Weg gebracht, die gerade "eine sehr schwere Zeit" hat. "Glück auf" wünschte er ihnen in einem Bundesland, in dem laut Kulturrat-NRW staatliche Überbrückungshilfen "besonders abgefragt", also benötigt werden.

Und nach dieser Beschwörung des neuen Kulturproletariats, dem geholfen werden muss, hätte die eigentliche Festrede der Autorin Enis Maci natürlich Gelegenheit geboten, etwas Klartext zu sprechen. Über die anhaltende Ignoranz bundespolitischer Beschlüsse gegenüber den Anliegen des Kultursektors etwa, oder über die erschütternde Realität von Menschen, die in einem Gestrüpp an Regeln und Vorschriften über angeblich schnelle und unbürokratische Nothilfen verzweifeln, und dann auch noch aus der KSK fliegen. Oder auch über größere Zusammenhänge, etwa was die Idee ewigen Wirtschaftswachstums, die in Deutschland Staatsreligion ist, mit dieser und allen anderen Krisen zu tun hat. Aber dafür war Enis Maci einfach nicht die richtige Wahl.

Die junge Autorin aus Gelsenkirchen, die für ihre poetisch-politischen Stücke wie "Mitwisser" oder "Wunde R" (letzteres uraufgeführt an den Münchner Kammerspielen) von Kritikern mit einigem Lob bedacht wurde, präsentierte zum Festivalthema "Utopie und Unruhe" einen Wirbel aus Gedankensplittern. Mit dem fatalistischen Stoßseufzer zur Gegenwart beginnend: "Nach Monaten der Ebbe folgt - noch mehr Ebbe", flutete sie ihre Rede im Folgenden mit Ansätzen von Gedanken und Assoziationen, privaten Erlebnissen und Metaphern, die irgendwas damit zu tun haben könnten, was Enis Maci in der Mitte ihrer Rede sagte: "Woran ich glaube: Flüchtig sein bis ans Ende aller Tage."

Sie sprach wiederholt vom "Mittelstreifen der Autobahn, bewachsen von Pflanzen, deren Samen an sibirischen oder marokkanischen Lastern geklebt haben" als einer Fuge zwischen Welten, erzählte vom Bademantel ihrer Freundin und unterstellte der deutschen Polizei in diffusen Worten eine "blutige" Mitschuld an den Morden von Hanau. Sie erzählte von der alten Fernsehserie "The Tribe" über eine Welt ohne Erwachsene, kam von Duisburger Punks zum Ende des Verbrennungsmotors, erfand einen "Tsunami aus Scheiße" und beschrieb aus dem Zentrum ihrer Berliner Wohnung eine Welt subjektiver Fragmente. In der erschien alles irgendwie hip, abgeklärt und poetisch, aber nichts fühlte sich an wie echte Krise und konkretes Leid.

Von dieser neuen Unterschicht lyrischer Künstlerproleten geht keine politische Gefahr aus

Selbst eine sehr konstruktive linke Forderung für eine Gesellschaft mit mehr Gemeinsinn und Gemeinbesitz klang in Macis Gedichtrede etwas angeberisch radikal, hingeworfen zwischen ein Canetti-Zitat und eine Partyszene. "Meine Utopie heißt: Der Anfang einer neuen Allmende." Ab hier hätte der Text Sprengstoff werden können auf einem Festival, das seine Wurzeln in der Arbeiterkultur hat, die einmal Alternativen zum Kapitalismus suchte. Aber das ist eben lange vorbei. Und deswegen sind Kulturschaffende wie Maci Teil einer neuen Arbeiterklasse, die für die Bewahrer der Verhältnisse einen großen Vorteil hat: Sie dreht sich vor allem um sich selbst. Von dieser neuen Unterschicht lyrischer Künstlerproleten geht keine politische Gefahr aus.

Aber die Ruhrfestspiele richten sich auch schon lange nicht mehr an eine unzufriedene Arbeiterklasse oder revolutionäre Gesellschaftsschichten. Sie sind eines der bedeutendsten Kulturereignisse in Deutschland, wo in Konkurrenz zu anderen Festivals das Besondere gefragt ist, das ABC der Kulturgrößen, also Ariane Mnouchkine, Peter Brook, Frank Castorf. Auch dieses Spektakuläre leidet natürlich unter Corona. Letztes Jahr mussten die Festspiele ausfallen, dieses Jahr läuft das Festival bis auf Widerruf digital. Veranstaltungen im Juni werden noch tapfer als Live-Ereignisse angekündigt, aber die Jubiläumssaison beginnt in Zuschauerebbe und Bilder-Stream.

Zur Kronjuwelenhochzeit von Kunst und Kohle, die nach dem Krieg in Solidarität zwischen Bergarbeitern aus Recklinghausen und Theatermachern aus Hamburg geschlossen wurde, als Schauspieler sich für Heizstoff mit einem Kulturauftritt bedankt hatten, ist die Abwesenheit von Publikum natürlich besonders bitter. Aber die Premiere zur Eröffnung war so altersweise und still, dass sie den fehlenden Resonanzraum der Zuschauer viel besser vertrug als jedes opulente deutsche Dampftheater. "Unruhe und Utopie" war maximal weit entfernt von Yoshi Oidas liebenswertem Stück "Die Seidentrommel", einem Sehnsuchtsdrama der bewegenden Momente.

Der langjährige Peter-Brook-Schauspieler, der als Regisseur die Kunst in den kleinen Gesten und rührenden Menschengeschichten sucht, erzählt in diesem ganz und gar unpolitischen Stück über die Macht einer Kränkung. Eine hübsche Tänzerin lockt einen alten Hausmeister erst mit verführerischen Gesten, und verhöhnt ihn dann für seine Gefühle. Der Mann nimmt sich beschämt das Leben und verfolgt das Mädchen als Dämon. Diese traditionelle Geschichte aus dem japanischen Nō-Theater verwandelt der 87-jährige Oida in ein Tanztheater der Bewegungskontraste im leeren Raum.

Er selbst mit steifen Bewegungen voller Inbrunst lässt sich führen und enttäuschen von dem eingebildeten Mädchen, der eindrucksvollen Tänzerin Kaori Ito, die in ihren weich verschlungenen Choreografien ein altes Gedicht über Leiden, Leben und Lieben elegant und lasziv interpretiert. Begleitet von Makoto Yabuki auf den klassischen Instrumenten des Nō-Theaters, der hölzernen Querflöte und drei Trommeln, entwickelt sich dieses Bewegungszwiegespräch zwischen den Generationen zu einem musikalischen Ruhepol im Bedeutungslärm der Gegenwart. Der alte Arbeiter und die junge Künstlerin wissen nichts von neuen Klassen und bedrohlichen Krisen. Ihre Utopie ist vollkommen introvertiert, ihre Unruhe führt zum Unmittelbaren, dem Gefühl zwischen Menschen. Dieser Konflikt gibt Kraft in der Ruhe. Das ist sehr schön und erbaulich. Aber vermutlich hilft es nicht, wenn das Schreiben von der KSK kommt.

© SZ/freu
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