"Antikrist" von Rued Langgaard:Die Liebe zur Geometrie

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"Antikrist" von Rued Langgaard: Eine Szene aus "Antikrist" von Rued Langgaard an der Deutschen Oper Berlin.

Eine Szene aus "Antikrist" von Rued Langgaard an der Deutschen Oper Berlin.

(Foto: Thomas Aurin)

An der Deutschen Oper Berlin wird die prächtige Moraloper "Antikrist" aus den 1920er Jahren gegeben. Ein herrlicher Grund zum Staunen.

Von Helmut Mauró

Das Gute ist, dass wir die weitgehend vergessene Oper "Antikrist" des ebenso vergessenen dänischen Komponisten Rued Langgaard nicht ganz so ernst nehmen müssen in ihrem Aufschrei gegen Sittenverfall und Gottvergessenheit. Jedenfalls nicht so ernst, wie der Librettist und Komponist dies in seinem religiösen Furor wohl doch gemeint hat. Zum Nachdenken kommt man ohnehin erst später, denn zunächst ist man in der Deutschen Oper Berlin einem Klang-, Farben- und Bewegungsgewitter ausgesetzt, das an der historischen Nahtstelle von Symbolismus und Expressionismus alle Sinne fordert.

Regisseur Ersan Mondtag, Performance-Spezialist und Gründer des Münchner "Kapitæl Zwei Kolektifs" - bleibt im historischen Feld des symbolistischen Ausdruckstheaters, bringt Bewegungshysterie hinein, die weniger verfängt. Personenregie und eine oft unbeholfen wirkende Choregraphie (Rob Fordeyn) der Tänzerinnen schaffen eher hektischen Leerlauf. Dagegen beeindrucken die farbenprächtige Bühne, ausdrucksstarke androgyne Kostüme (Annika Lu Hermann) und vor allem: die Musik. Dirigent Stephan Zilias, sonst Generalmusikdirektor der Staatsoper Hannover, zaubert aus Langgaards opulenter Partitur ein filigranes, dann wieder kraftvoll auftrumpfendes Klangspektakel. Vor allem aber kann er zeigen, dass diese Musik nicht einfach nur von virtuosem Eklektizismus geprägt ist, sondern eine ganz eigene Tonsprache ausbildet.

Langgaard entwirft eine Art Stimmungscollage mit konturierten Akkordstrukturen Beethovens, Wagnerschen Naturidyllen, beredter Straussscher Psychologie und der eigentümlichen Verbindung aus verhaltenen Streichern und Blechbläserchorälen in hoher Lage, die man sofort Paul Hindemith zuordnet. Wie die meisten skandinavischen Komponisten hatte auch Langgaard ein enges Verhältnis zur deutschen Musik, verbrachte die Winter in Berlin; seine erste Symphonie wurde von den Berliner Philharmonikern uraufgeführt.

Erst 1999 wurde Langgaards einzige Oper in Innsbruck szenisch uraufgeführt.

Für seine einzige Oper dagegen schien sich niemand zu interessieren, sie wurde erst 1999 in Innsbruck szenisch uraufgeführt. Vielleicht war sie den Zeitgenossen zu moralisch aufdringlich? Hörte man sie gar als Antwort auf Nietzsche? "Gott ist tot", schrieb der 1882, "Gott bleibt tot. Und wir haben ihn getötet." Nietzsche lässt das einen Verzweifelten sagen, der nicht nach einem neuen Gott sucht, sondern sich damit abfindet und seinen Blick ganz realistisch in eine etwas ärmere Zukunft richtet, in eine Welt voller Schuld: "Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen?" Rued Langgaard lieferte 1921 mit seiner Oper solch eine Sühnefeier, eine Menschheitsanklage und Schreckenssymphonie. Leider ist im Programmheft der Berliner Aufführung das Libretto nicht abgedruckt, die einem Langgaards eigentümlich lapidare elliptische Satzkonstruktionen und plastische Wortschöpfungen noch einmal vor Augen geführt hätte.

In der turbulenten Bühnendarbietung selber war dafür selten Raum, obgleich die durchweg hervorragenden Sänger kongenial agierten: AJ Glueckert als "Das Tier", Flurina Stucki als "Die große Hure", Jordan Shanahan als "Der Hass". Hass und Huren sind wichtig in dieser Oper, vor allem letztere. Sie bevölkern die dunkle Straße zwischen Bar und Stundenhotel, geistern in hautanliegenden Kostümen durch die Szenerie, kraftvoll bemalte Ganzkörperfantasien, wild elegante Farben- und Formenspiele für allerlei teuflische Gestalten. Dagegen stolzieren die wandelnden Moralbegriffe in kegelförmigen Kostümen, in der Hüfte ausgestellt wie in Oskar Schlemmers Triadischem Ballett.

Die Liebe zur historischen Geometrie wird gleichwohl in den Schatten gestellt von der Begeisterung für historische Klänge, die allerdings weder romantisch, noch sentimental überrumpelnd, noch weltabgewandt revolutionär daherkommen, sondern so fern und nahbar wie Heiner Müllers Gottesbegriff: "Gott ist kein Mann keine Frau ist ein Virus / Krankheit die dich gewöhnt an die Demut / Des Fleisches unter dem Boden / Im Keuchen der Bronchien / Die Stimme des Jüngsten Gerichts." Und wenn man genau hinhörte, konnte man dieses Keuchen aus dem Orchestergraben vernehmen, als angehauchter Streicherklang, der den apokalyptischen Hitzewallungen der Blechbläser eine teuflische Kälte unterschob.

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