RTL: Jugendschutz:Czajas engagierte Hand

Für die FSF galt ab sofort die Maxime, sich die Programminhalte der privaten Sender aus den Blickwinkel eines Jugendlichen anzusehen, und Inhalte auf der Grundlage gesetzlicher Vorgaben abzuwägen: Was für Rollenbilder, Lebenswelten und Problemlösungen werden geboten? Und vor allem, welche ästhetischen Mittel werden dafür eingesetzt?

Wie muss man sich die Arbeit der Fachleute bei der FSF vorstellen? Czaja: "Im Prinzip gibt es da zwei Bereiche. Der erste ist die unabhängige Prüfung von Programmen vor ihrer Ausstrahlung, hier werden durch zumeist fünfköpfige Prüfausschüsse Sendezeitgrenzen oder andere Auflagen festgelegt, an die sich die FSF-Mitglieder halten müssen. Mindestens genauso wichtig ist der Bereich Beratung: Die FSF bringt regelmäßig Mitarbeiter der Sender, Prüfer, Wissenschaftler und die interessierte Öffentlichkeit zusammen. So wurden beispielsweise in Gesprächen mit Redakteuren und Produzenten die ethischen Koordinaten für Formate wie Dschungelcamp oder DSDS möglichst vorab definiert."

Keine Frage: Allein um die rechtlichen Zusammenhänge des Jugendschutzes erschöpfend zu verstehen, bedarf es eines einwöchigen Lehrganges. Mindestens. Fakt ist: Anders als in Frankreich oder Großbritannien gibt es bei uns keine zentrale Behörde, was Czaja bedauert. Immerhin wurde 2003 ein Jugendmedienschutz-Gesetz verabschiedet, das für das Internet und das private Fernsehen eine einheitliche Aufsicht schuf. Im selben Jahr wurde die FSF offiziell anerkannt. Ihre Entscheidungen sind heutzutage verbindlich und können durch die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) der aufsichtsführenden Landesmedienanstalten nicht in Frage gestellt werden.

Die KJM wird, wenn überhaupt, nach der Ausstrahlung aktiv. Dank Czajas engagierter Arbeit - stets Hand in Hand mit der FSF - sind die Fälle, die dann doch die KJM rückwirkend auf den Plan rufen, selten geworden. Spektakuläre und pressewirksame Bußgelder wie die 100000 Euro für den "problematischen Umgang" mit DSDS-Kandidaten sind eher die Ausnahme.

Überhaupt hat Czajas Jugendschutzarbeit im RTL-Programm heute einen anderen Focus als in den Anfangstagen. Sex ist kaum noch ein Thema, dafür steht das Reality-Fernsehen jetzt gerne mal im Brennpunkt. Vor allem am Nachmittag hat der Sender neue Quotenrenner wie Mitten im Leben etabliert, in denen sich Prekariats-Familien streiten, bis die Fetzen fliegen. Diese von Laiendarstellern gespielten Scripted Reality-Dialoge hören sich dann etwa so an: Nachbarin A (übergewichtig, fettiges Haar): "Hau ab, du alte... (ihr fällt kein Wort ein)...Ich hasse dich" Nachbarin B (übergewichtig, überschminkt): "Nee, nee nee, Frau Malinowski, Sie sind nicht nur dumm und arm, Sie sind auch noch irre". Der Jugendschützer sieht in diesen aparten Konflikten aus der Welt einer Gesellschaftsschicht, die, so Czaja, "tagsüber zu Hause ist", keine Probleme, "solange die Geschichten so erzählt werden, dass unter ethischen Gesichtspunkten eine Moral transportiert wird". Er sagt dies so couragiert, dass man es ihm sogar glaubt.

Frau Durchleuchter

Doch Czaja hat es nicht nur mit Widerständen von außen zu tun. Seit Beginn seiner Karriere als RTL-Jugendschützer hat er auch im eigenen Haus nicht nur Freunde. Talkmaster Hans Meiser wollte ihn Anfang der Neunziger gar telefonisch entlassen. Und weil Czaja seinerzeit die Ausstrahlung des TV-Movies "Die Heilige Hure" um 20.15 Uhr für keine gute Idee hielt, griff Programmdirektor Marc Conrad zu einer List, in dem er ein Gutachten eines katholischen Geistlichen besorgte, das den besonderen Wert dieses Films hervorhob.

Zum Glück wird Czaja und seine Truppe mit ihrer Arbeit heute bei den RTL-Redakteuren viel ernster genommen als damals. Czaja: "Man kann sagen, dass es mittlerweile ein viel ausgeprägteres Bewusstsein für Jugendschutzfragen bei Machern und Entscheidern gibt. Wir werden immer öfter schon von den Redakteuren selbst mit Szenen oder Beiträgen konfrontiert, bei denen wir um Rat gefragt werden".

Eine von Czajas Mitarbeiterinnen heißt übrigens Frau Durchleuchter. Als wir gehen, setzt sich der Chef zu ihr, und beide schauen eine neue Folge CSI - und zack!, ist eine Stelle gefunden, die raus muss. Tagesgeschäft zweier Jugendschützer.

© SZ vom 05./06.01.2010/iko
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